Bürgermeister Magenreuter: „Unser Ziel ist, freie Energiestadt Isny zu werden“

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Bürgermeister Rainer Magenreuter (links) im Gespräch mit SZ-Redakteur Tobias Schumacher
Bürgermeister Rainer Magenreuter (links) im Gespräch mit SZ-Redakteur Tobias Schumacher (Foto: Stadt)
Schwäbische Zeitung

Bei allen öffentlichen Anlässen in jüngerer Vergangenheit – in der konstituierenden Sitzung des neuen Gemeinderates am 22. Juli ebenso wie auf der Zunftfeier des Kinderfestes – hat Bürgermeister Rainer Magenreuter den Klimaschutz als „wichtigstes Thema“ für die künftige Politik in Isny hervorgehoben. Im großen Sommerinterview mit SZ-Redakteur Tobias Schumacher präzisiert er seine Einschätzung und legt dar, was die Stadt in den vergangenen Jahren erreicht hat.

Rainer Magenreuter, Sie haben Klimaschutz zu einem zentralen Element der Stadtpolitik erklärt, warum?

Magenreuter: Bei uns ist der Klimaschutz bereits seit zwölf Jahren ein großes und wichtiges Thema. Die Initialzündung für Isny auf dem Weg zur „freien Energiestadt“ gab Professor Klaus Pfeilsticker 2007, als er begonnen hat, ein Energiekonzept für Isny aufzustellen. Wir haben noch vor dem Reaktorunglück in Fukushima, der Diskussion über den Kohleausstieg, vor der „Fridays for Future“-Bewegung, und bevor das Klima täglich in den Medien war, in Isny darüber diskutiert und Beschlüsse dazu gefasst.

Wie sehen denn die konkreten Ziele und Beschlüsse für die Stadt Isny aus?

Unser Ziel ist es, „Freie Energiestadt Isny“ zu werden, das heißt, die Energie, die wir in Isny benötigen, selbst und CO2-frei zu erzeugen. Zwischenziel dafür ist, den CO2-Ausstoss gegenüber 1990 bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent zu senken. Dazu wurde vom Gemeinderat 2011 ein energiepolitisches Leitbild beschlossen und 2018 dessen Fortschreibung. Darin steht auch, dass bis 2030 die städtischen Gebäude zu 80 Prozent regenerativ beheizt werden müssen. Dieses Ziel haben wir, vor allem durch das Holzhackschnitzelheizwerk und das Nahwärmenetz der „Bio Energie Isny (BEI)“ bereits heute annähernd erreicht.

Mit welchen weiteren konkreten Maßnahmen sind diese Ziele zu erreichen?

Hier möchte ich vorausschicken, dass ein sehr großer Anteil der Umsetzung nicht von der Stadtverwaltung selbst, sondern von engagierten Isnyern und Isnyer Unternehmen erfolgt, genauso wie die Initiative dafür ebenfalls von Bürgern ausging. Deshalb sind wir da aus meiner Sicht auch so erfolgreich in der Umsetzung.

Was meinen Sie konkret?

Ich kann hier nur einige der wichtigsten Maßnahmen zusammenfassen, trotzdem ist die Liste lang: Bereits vor 2008 erfolgte der Bau von vier Biogasanlagen in Isny durch private Betreiber. Von der Biogasanlage im Gewerbegebiet am Wertstoffhof wurden zwei Biogasleitungen zum Stephanuswerk und zu den Waldburg-Zeil-Kliniken verlegt, die Strom und die dort benötigte Wärme erzeugen. Das Konzept der „Satelliten-BHKWs“ war damals europaweit vorbildlich. 2008 wurde das „Regionale Energieforum Isny (REFI)“ gegründet. Ein Satzungszweck ist „den CO2-Ausstoss in der Region langfristig und nachhaltig zu reduzieren“.

Seit 2008 veranstalten wir jährlich den Energiegipfel, um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu schärfen und Maßnahmen aufzuzeigen, zum Beispiel für den privaten Hausbau oder die Sanierung, aber auch für übergeordnete Klimaschutz-Themen wie Klimawandel in der Region, Mobilität und anderes zu sensibilisieren.

Ebenfalls 2008 wurde die Teilnahme am „European Energy Award (EEA)“ beschlossen – 2014 erreichte Isny auf Anhieb Goldstatus und wurde 2018 erfolgreich rezertifiziert beim EEA. Isny bekam wieder Gold, trotz höherer Anforderungen. 2009 wurde die „Freie Energiegenossenschaft Isny (FEGI)“ gegründet, sie ist heute die kapitalstärkste Energiegenossenschaft in Baden-Württemberg.

Die erneuerbare Stromerzeugung ist in Isny von 2011 bis 2015 um 453 Prozent gestiegen, das steht im Klimaschutzsteckbrief Isny des Landes Baden-Württemberg. 2012 wurde die „Bioenergie Isny GmbH (BEI)“ gegründet. Zu einem Drittel ist daran die FEGI beteiligt. Sowohl kommunale Gebäude, darunter das Schulzentrum, Sporthallen, Bauhof, Rathaus, Kurhaus, wie auch viele Privathaushalte und Firmengebäude werden von der BEI inzwischen über ein Nahwärmenetz versorgt.

Die Universität Heidelberg hat 2014 das „Klimaschutzkonzept Isny“ erstellt, federführend begleitet von Klaus Pfeilsticker, der ja aus Isny stammt und deutschlandweit als einer der führenden Wissenschaftler in Klimaschutzfragen gilt. Fürs neue Wohngebiet Mittelösch hat der Gemeinderat dieses Jahr eine Anschluss- und Nutzungsverpflichtung an ein Nahwärmenetz der BEI beschlossen, das aus Abwärme der Firma Früchte Jork gespeist wird.

Städtische Gebäude und der Wasser- und Abwasserverband (WAV) beziehen zu 100 Prozent Ökostrom. Der WAV hat zudem ein Energiekonzept erstellt, um die Eigenstromerzeugung durch Klärgasverstromung in BHKWs und einer Photovoltaikanlage zu optimieren.

Die Mobilitätszentrale im Kurhaus ist einer der umsatzstärksten Bahnschalter in Deutschland und der einzige ohne Bahnanschluss. Wir haben vier Ladestationen für E-Fahrzeuge: öffentlich am Kurhaus-Parkplatz und am Parkhaus Ehrleplatz, privat bei Gärtnerei Gutmair und beim Hotel Bären. Unser verabschiedetes Radverkehrskonzept stärkt den Fahrrradverkehr und ist weiter ausbaufähig. Nur ein Aspekt ist 2019 die erstmalige Teilnahme am Stadtradeln – Isny erreichte prompt die höchste Kilometerleistung im Landkreis Ravensburg.

Was sind die nächsten Schritte?

Mit dem neuen Gemeinderat werden wir die Überarbeitung des Klimaschutz-Konzepts diskutieren. Der Energieversorger EnBW hat vor kurzem Städten und Gemeinden eine kommunale Beteiligung an der Netze BW GmbH der EnBW angeboten. Das Thema E-Mobilität und der Ausbau des Radverkehrs werden ebenfalls Themen in der nächsten Zeit werden. Das Nahwärmenetz der BEI soll weiter ausgebaut werden und weitere Anschlüsse ermöglichen.

Braucht es die „Fridays for Future“-Bewegung dann in Isny überhaupt?

Auf jeden Fall! Auch wenn wir vieles von deren Forderungen in Isny vor Ort schon umgesetzt haben. Wichtig ist, dass die Bewegung die Umsetzung des Klimaschutzes deutschlandweit, europaweit und weltweit schafft. Denn nur dann können wir für unseren Planeten tatsächlich etwas erreichen. Und natürlich freuen wir uns auch in Isny über die Unterstützung unserer Politik. Zudem wollen wir uns nicht auf dem jetzigen Stand ausruhen. Auch in Isny gibt es noch Vieles zu tun.

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