Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause

Lesedauer: 4 Min

Stefanie Kemper vom Arbeitskreis Literatur im Gespräch mit Artur Becker.
Stefanie Kemper vom Arbeitskreis Literatur im Gespräch mit Artur Becker. (Foto: Jeanette Löschberger)
Schwäbische Zeitung
Jeanette Löschberger

Der polnische Schriftsteller Artur Becker hat am Mittwochabend im historischen Sitzungssaal des Rathauses vor zwei Dutzend Literaturliebhabern nicht nur seinen Essayband „Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause“ vorgestellt. Er gab ebenso Kostproben aus seiner leichteren Kost, dem Roman „Sieben Tage mit Lidia“, „Der Lippenstift meiner Mutter“ und er erzählte Gedichte. Damit unterhielt er das Publikum über eineinhalb Stunden, vor allem mit den kurzen Anekdoten, die er zur Entstehung seiner Literatur einstreute.

Becker schreibt und veröffentlicht seit den 1990er Jahren Romane, Novellen, Erzählungen, Gedichte und Aufsätze in Deutscher Sprache. „Die Deutsche Sprache ist ein Mantel, den ich mir täglich überziehe“, sagt Becker. 2009 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Ein Preis, der herausragende auf Deutsch schreibende Autoren ehrt, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist. Seinen außergewöhnlichen Umgang mit Sprache fasst Stefanie Kemper vom Arbeitskreis Literatur, in ihrer Einführung zur Lesung zusammen: „er ist ein großer Erzähler, ein verbal überquellender Fabulierer, witzig, spritzig und wundervoll zu lesen“. Meist gehe es um das Polen der 80er Jahre, um das Gehen aus einem Land und das Ankommen.

Mit „Kosmopolen“ möchte Becker seine Leser überzeugen, sich mit den Erfahrungen der polnischen Nachbarn auseinanderzusetzen. Er stammt aus der nordpolnischen Region Masuren und lebt seit 1985 in Deutschland.

Das Essay, mit seinem polnischen Dialekt gelesen, beschreibt seine Jugend, in der er sich nichts sehnlicher wünscht als bei der Feuerwehr zu sein. Er spricht von dem unwirklichen Leben, das Emigranten in der Fremde führen. Er lässt dabei auch die belastende deutsch-polnische Geschichte nicht aus und zeigt mittels Gemeinsamkeiten und Verbindungen beiden Nationen einen Weg aus der vermeintlichen Erbfeindschaft auf. Den Ort „Kosmopolen“ hat er sich dabei als glücklichen Zufluchtsort erschaffen. Eine Republik der Freiheit und Unsterblichkeit.

„Etwas mit Liebe und Romantik“

Als Stipendiat wurde Becker nach Venedig eingeladen, was seine ausgezeichnete Ortskenntnis im Roman „Sieben Tage mit Lidia“ erklärt. Nach der Aufforderung seines Verlegers mal „etwas mit Liebe und Romantik zu schreiben“, entstand dieser Roman, aus dem er zum Schluss eine Liebesszene vorliest, die ganz Becker-typisch mit langen und bilderreichen Sätzen daherkommt. Die Protagonisten sind dabei hin und hergerissen zwischen der vertrauten Welt, die sie kennen und der Frage nach der Zukunft, in der eine Grenze überschritten werden könnte – frei nach dem Thema des diesjährigen Schreibwettbewerbs „Ich mag nicht fragen, wo die Fahrt zu Ende geht“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen