Auch im Allgäu ermordeten Nazis behinderte und kranke Menschen

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 Doris Graenert, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins, und Referent Ernst Mader aus Blöcktach.
Doris Graenert, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins, und Referent Ernst Mader aus Blöcktach. (Foto: Walter Schmid)
Walter Schmid

Der deutsch-polnische Partnerschaftsverein Isny-Andrychow hat am „Tag des Gedenkens an die Opfer von Gewaltherrschaft und Menschenvernichtung“ einen Vortrag mit Ernst Mader im Refektorium des Schlosses organisiert. In der Einladung war das Thema sachlich umrissen: „In der Nazi-Zeit wurden in den Nervenheilanstalten Kaufbeuren und Irsee etwa 2000 psychisch kranke und behinderte Menschen umgebracht.“ Die Schilderungen, die sich dahinter verbargen, gerieten dafür umso beklemmender.

Doris Graenert vom Partnerschaftsverein, früher oberste Krankenschwester im Isnyer Krankenhaus und nach dem Krieg in Irsee ausgebildet, erinnerte zum Holocaust-Gedenktag an den 27. Januar 1945, als die Überlebenden des Konzentrationslagers Ausschwitz-Birkenau befreit wurden.

Und sie zitierte aus einem Brief Adolf Hitlers, datiert auf den Kriegsbeginn am 1. September 1939: „Die Befugnisse von Ärzten sollten so erweitert werden, dass unheilbar Kranken – bei kritischer Beurteilung ihres Zustandes – der Gnadentod gewährt werden kann.“ In der Folge habe das „Euthanasie-Programm“ seinen Lauf genommen: „Dass deutsche Landsleute Millionen Menschen ermordet haben, erzeugt Abscheu und Scham. Wir tragen eine historische Mitverantwortung, unabhängig von individueller Schuld. Erinnerung darf niemals ein ‚Verfallsdatum‘ haben.“

Ernst Mader überschrieb seine Ausführungen mit: „Das erzwungene Sterben – die sogenannte Euthanasie-Aktion in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee zwischen 1940 und 1945, nach Dokumenten aus Archiven und aus mündlichen und schriftlichen Berichten von Augenzeugen.“ In der Anstalt Kaufbeuren starben in dieser Zeit demnach 695 Menschen durch Gas, 450 Menschen durch Medikamente und 800 bis 1200 Menschen durch Aushungern und dessen Folgen.

Das Schicksal der Karolina Mair

Die Ausführungen des Referenten, ein Wechsel von Erzählung, Bildern, Zitaten und persönlichen Gesprächen mit Überlebenden, nahmen die Zuhörer mit in das grauenvolle Geschehen, machten betroffen, erzeugten Scheu und Scham. Mader stellte das Einzelschicksal von Karolina Mair, einer damals 28-jährigen ledigen Mutter aus Blöcktach vor. „Sie wurde auf Antrag der Familie wegen angeblicher Wahnideen in die Anstalt Irsee eingewiesen. Im Dorf galt Karolina als intelligent, hübsch, sie achte auf Sauberkeit, weigere sich jedoch manchmal zu arbeiten“, zitierte Mader aus Dokumenten.

In Phase I der „Aktion Gnadentod“ seien Patienten zu speziellen Vergasungsanlagen – Schloss Hartheim bei Linz oder Schloss Grafeneck bei Reutlingen – abtransportiert worden. „Maßgebend für die Auswahl, die ich hierbei traf, war die Nützlichkeit des betreffenden Kranken für den Arbeitsbetrieb der Heil- und Pflegeanstalt“, begründete der damalige medizinischen Direktor die Vergasungsaktion. Zu Karolina schrieb eine Augenzeugin, Ordensschwester in Irsee: „Die Karolina ist auch vergast worden, aber die hat‘s geahnt. Sie hat uns Mörderinnen geheißen, als man sie in den Bus nach Hartheim rein hat: 'Ihr seid‘s Mörderinnen, ihr bringt‘s mich um.’ Der ist’s ergangen wie den anderen. Die hat man abgeholt, am nächsten Tag war sie tot. Und die Angehörigen haben dann Nachricht gekriegt: ist verstorben an Typhus oder an sonstwas, und war doch alles verlogen.“

Diese Ordensschwestern seien wohl gegen das eigene Wollen verstrickt gewesen in die Tötungsmaschinerie, so die Einschätzung des Referenten. Eine Ordensschwester Felicitas habe protestiert. „Dann kam der Inspektor und sagte: 'So, jetzt ist Schluss. Das nächste Mal kommen sie ins KZ Dachau.’ Ist mir wurscht, hat‘s gesagt, dann geh ich halt nach Dachau.“

Der damalige Bischof von Münster habe als einer der Wenigen den Mut gehabt, in einer Predigt die Öffentlichkeit auf die Vorgänge aufmerksam zu machen. Dann sei in Kaufbeuren und Irsee die Vergasung gestoppt worden und Phase II eingeleitet worden: verhungern lassen.

Der Hausgeistliche in Irsee schrieb in sein Tagebuch: „Das Leid der Kranken war entsetzlich, und ich gewann die Überzeugung, dass ein gewaltsamer Hungertod zudiktiert wurde. Der Anblick der ausgemergelten Gestalten auf den Stationen war kaum zu ertragen.“ Die Phase III sei medikamentöser Mord gewesen, schilderte Mader. Arzt und Stadtrat Peter Clement fasste die Stimmung im Refektiorim treffend zusammen: „Ich finde keine Worte mehr.“

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