Allgäuer Derby auf Champions-League-Niveau

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Allgäuer Derby auf Champions-League-Niveau
Allgäuer Derby auf Champions-League-Niveau (Foto: Fotos: Matthias Hagmann Riedholz 19f D-88167 Maierhoefen)

Im Fußball sind Derbys zumeist Publikumsmagneten. Leider nicht immer in der Musik. Dem famosen Gastspiel der Oberallgäuer Band „Rainer von Vielen“ auf dem Isnyer Theaterfestival wäre jedenfalls deutlich mehr Zuspruch zu wünschen gewesen. Denn was die musikalische Qualität anbetrifft, die exakte instrumentale Virtuosität, die kompositorische Substanz und spielerische Vielfalt der Arrangements – überall hier spielt das Quartett unbestritten in der Champions League des „Rock made in Germany“.

Zum Glück ist die eingefleischte Fan-Gemeinde zugegen, um den Abend großartig werden zu lassen: Zu schließen aus der Textsicherheit, mit der die Zuhörerschaft so manche Strophe lautstark begleitet oder vollendet; aus dem enthusiastischen Klatschen und Tanzen, wenn Frontmann und Band-Namensgeber Rainer Hartmann wie ein Kung-Fu-Shaolin über die Bühne fegt, Faust und polierten Schädel ins Scheinwerferbunt des dunklen Festivalzelt-Himmels gereckt; oder mit ausladenden Tanzschritten über die Bühne pogt, um sich wenig später auf selbiger auf den Rücken zu werfen für ein extatisches Solo auf der Blues-Harp. Das zieht Hartmann so intensiv in die Länge, moduliert mit Rhythmus und Lautstärke, dass das murmelnde Geplauder des Publikums zusammen mit der Musik die wabernde Geräuschkulisse eines gesteckt vollen Blues-Clubs assoziieren lässt – gebannt wartend unter einem fast unerträglichen Spannungsbogen auf die das Stück vollendende Eruption.

Mit einer solchen begann der Konzertabend auch: dem Titelsong des aktuellen Albums „Überall Chaos“. Der zeigte, wohin es gehen sollte in den folgenden zwei Stunden: Auf zu einem Parforce-Ritt durch sämtliche Spielarten der zeitgenössischen Rockmusik. Angesichts der stilistischen Wandlungsfähigkeit von „Chaos“ zu sprechen, würde allerdings gänzlich daneben zielen. „Rainer von Vielen“ machen sich das Genre zu eigen, um das zu gebären, was sie „Bastard-Pop“ tauften, was von überall her Zusammengefügtes bedeuten kann, aber einzig und allein in der musikalischen Perfektion des Zusammenspiels von Gitarrist Mitsch Oko, Bassist Dan le Tard und Schlagzeuger Sebastian Schwab entstehen kann.

Und ganz vorne dran Namensgeber Rainer Hartmann, dessen Sprech- und Kehlkopfgesang in den harten, wummernden Nummern Assoziationen zu „Rammstein“ produziert; wäre da nicht die Zugabe mit einer Schlagzahl pro Minute („beats per minute“) nah an der Speed-Metal-Grenze, zu der seine Stimmtechnik genauso faszinierend funktioniert – eben was Eigenes. Den „Toten Hosen“ würde zur Ehre gereichen, hätten sie einen Rock’n’Roll-Kracher wie „Der größte Tag“ von den Allgäuern im Repertoire – nicht nur ein wahlsieghymnentaugliches „Tage wie dieser“.

Obwohl – „Rainer von Vielen“ können auch Politik: beiläufig-bissig zwischen zwei Songs in der „Durchsage auf Bitte des Veranstalters, der Fahrer des Wagens mit dem Kennzeichen AfD 0/8/15 soll bitte wegfahren“. Textlich-pathetisch im „Großer Bla“, bei dem sich die Fangemeinde im Zelt lauthals mit ins Zeug legt gegen „unhaltbare Thesen und Gedanken aus Schleim“; einer Hymne, untermalt von Rainer Hartmanns Akkordeon in Melodie-Sphären, die „Element of Crime 2.0“ aus der Feder geflossen sein könnte, keinesfalls Hubert von Goisern, der die „Ziach“ auf großen Bühnen zwar salonfähig gemacht hat, von dessen alpenländischer Spielart die vier Oberallgäuer aber meilenweit entfernt sind.

Mögen sie sich treu bleiben auf ihrem innovativ-subversiven Weg, sei als Zuruf erlaubt angesichts der am 20. Juli 2018 veröffentlichten Single „Für immer unendlich“, der finalen Zugabe auf dem Theaterfestival. Dieser Neue-Deutsche-Welle-Verschnitt, eine Gute-Laune-Reggae-Schunkelei lässt befürchten: Auch Kommerz ginge bei „Rainer von Vielen“, wofür die Plattenindustrie geteert und gefedert gehörte. Champions-Leaguisten wecken leider Begehrlichkeiten. Und die diesjährigen Abschiedsworte der Musiker im Isnyer Zelt, wonach „es großartig ist, ein Derby zu spielen“, bekämen eine andere, eine schale Bedeutung.

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