Er schickt die Tigernuss von Horgenzell in die Welt

Lesedauer: 7 Min
Seit 35 Jahren Vegetarier und großer Fan der Erdmandel: Gottfried Strehler aus Ringgenweiler.
Seit 35 Jahren Vegetarier und großer Fan der Erdmandel: Gottfried Strehler aus Ringgenweiler. (Foto: Oberländer)
Elke Oberländer

Seit 35 Jahren ist Gottfried Strehler Vegetarier. Er hat ein vegetarisches Restaurant betrieben und im Lauf der Jahre viele interessante Lebensmittel für sich entdeckt. Was ihn immer noch begeistert, ist die Tigernuss, auch Erdmandel genannt. Wenn der 67-jährige aus Ringgenweiler über die kleinen, süßlich schmeckenden Knollen spricht, gerät er schnell ins Schwärmen. Inzwischen betreibt er einen Onlinehandel mit Schwerpunkt Tigernuss.

Der Wunsch, die Welt zu verändern, ist es nicht, was Strehler zum Vegetarier werden lässt. Es ist sein Übergewicht: „Ich habe mich unwohl gefühlt“, erinnert er sich. „Ich musste etwas tun.“ Damals, Anfang der 80er Jahre, bekommt Strehler die Schriften des Arztes Max-Otto Bruker in die Hände. Mit dessen vegetarischer Vollwertkost nimmt er schnell zehn Kilo ab. Aus dieser Zeit stammt sein Lebensmotto, sagt Strehler: „Man muss rechtzeitig etwas tun, bevor man krank wird.“ Das hat sich für ihn bewährt: Außer der einen oder anderen Erkältung sei er nie krank gewesen.

Fleisch macht ihn nicht mehr an

Vor diesem Umschwung war Strehler „ein guter Fleischesser“, erinnert er sich. „Es hat mir geschmeckt.“ Trotzdem hat er kein Problem damit, das Fleisch wegzulassen. „Das fällt nur schwer, wenn man sich gezwungen fühlt“, sagt er. Er habe damals beschlossen, auf sein Bauchgefühl zu setzen: „Wenn ich Lust drauf habe, ess ich auch Fleisch.“ Aber es macht ihn gar nicht mehr an. Stattdessen informiert er sich immer weiter über gesunde Ernährung und entdeckt alte Gemüsearten, von denen damals noch nicht viele gehört hatten, wie Mangold, Topinambur und Pastinaken.

Eigentlich ist Strehler ausgebildeter Erzieher. Aber es hat ihn schon früh in die Gastronomie gezogen. „Das war mein Jugendtraum: in der Küche zu arbeiten.“ Als Vegetarier hat er nun keine Freude mehr an der herkömmlichen gutbürgerlichen Küche. In Reutlingen macht er 1982 sein eigenes vegetarisches Restaurant auf: Nichtraucher, 32 Sitzplätze, was geht bio. „Damals kam die Biobewegung erst in Fahrt, vieles war gar nicht bio zu bekommen.“ Noch heute ist er stolz darauf, dass er im ersten Jahr kein Tagesessen wiederholt hat – jeden Tag etwas Neues. „Und nach Tschernobyl haben uns die Leute die Bude eingerannt“, erinnert sich Strehler. Zehn Jahre lang betreibt er das vegetarische Restaurant. Dann hört er auf und widmet sich der Pflege seiner Eltern. In dieser Zeit stößt er auf die Tigernuss – auf der Suche nach einem natürlichen Mittel, das die Verdauung ankurbelt. Im Reformhaus wird ihm Erdmandelmehl empfohlen. Strehler informiert sich über die Pflanze aus der Familie der Sauergrasgewächse, erkundet sich nach Lieferanten und Verarbeitungsmöglichkeiten.

Warum die Erdmandel auch Tigernuss heißt? Das ist wohl das einzige, was Strehler nicht von ihr weiß. Die Pflanze bildet unterirdische Ausläufer, an denen die Erdmandeln wachsen. Die kleinen Knöllchen sind bis zu 15 Millimeter dick und schmecken nussartig. Sie werden vor allem in Südeuropa und Afrika angebaut. In Spanien wird aus ihnen ein beliebtes Getränk hergestellt: Horchata de Chufa, zu Deutsch Erdmandelmilch. In Deutschland wächst die Erdmandel auch, bildet aber keine Knöllchen, berichtet Strehler.

2004 gründet Strehler seinen Onlinehandel. Nach eigenen Angaben ist er der Händler mit der größten Auswahl an Erdmandel-Produkten – von Mehl, Frühstücksbrei und Öl über Mus und Erdmandel-Schoko-Creme bis zu Chips und Konfekt. „Die Erdmandel enthält alles, was der Mensch braucht“, sagt Strehler. „Sie schmeckt gut, enthält viel Ballaststoffe, kann für Allergiker die Erdnüsse ersetzen und liefert glutenfreies Mehl.“ Zweites Standbein seines Geschäfts neben der Erdmandel ist die Braunhirse. Sie soll vor allem gut für die Gelenke sein. Inzwischen hat Strehler sein Sortiment auf viele weitere Produkte ausgedehnt: von Goji-Beeren und Süßlupinen-Bräterchen über Wasserwirbler und Spülmittel bis zu Vitaminen und Mineralstoffen.

Hat er selber als Vegetarier Probleme mit Vitamin- oder Mineralstoffmangel? „Man muss aufpassen, dass man sich nicht einseitig ernährt“, sagt Strehler. Aber das allein reicht seiner Einschätzung nach heute nicht mehr aus. Früher habe man gesagt: Wer sich abwechslungsreich und gesund ernährt, der bekommt alle Nährstoffe, die er braucht. „Aber die Böden sind ausgelaugt“, sagt Strehler. „Der konventionelle Anbau macht die Äcker kaputt.“ Die Pflanzen würden nicht mehr ausreichend Nährstoffe aus dem Boden ziehen und dann den Menschen nicht mehr ausreichend versorgen.

Täglich wird frisch gekocht

Dazu komme, dass viele Menschen aus beruflichen Gründen gar keine Möglichkeit hätten, sich vielfältig zu ernähren. Strehler selber legt Wert darauf, dass er und seine Frau täglich frisch kochen. Nach seiner Erfahrung gibt es für jeden Menschen die eigene richtige Ernährung: „Das muss jeder selbst rausfinden.“ Wer ein bisschen sensibel sei, der merke schnell, was ihm gut tut.

Und wie geht es ihm als Vegetarier in Oberschwaben? „Wenn man überwiegend selbst kocht, ist das kein Problem“, sagt Strehler. Rein vegetarische Restaurants gebe es leider nicht. Und in vielen Gaststätten würden Vegetarier nach wie vor verhungern. Ein paar Lichtblicke gebe es allerdings.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen