Ein Dorf demonstriert gegen die große Agrarindustrie

Lesedauer: 6 Min
 Im Rußmaier wird lieber vor Ort demonstriert und damit zugleich das Dorfleben gestärkt.
Im Rußmaier wird lieber vor Ort demonstriert und damit zugleich das Dorfleben gestärkt. (Foto: Elke Oberländer)
Elke Oberländer

Viele Tausend Menschen sind am Samstag nach Berlin oder Tübingen gefahren und haben gegen die Agrarindustrie und für gesundes Essen aus klimafreundlicher Landwirtschaft demonstriert. Im kleinen Horgenzeller Teilort Rußmaier bleibt man lieber vor Ort. Mehr als 50 Erwachsene, viele Kinder, einige Hunde und ein Pferd haben auf ihre eigene Art demonstriert – so, wie sie es in den vergangenen Jahren auch schon getan haben. Gemessen an der Einwohnerzahl waren es im Rußmaier prozentual deutlich mehr Demonstranten als in der Millionenstadt Berlin.

„Mehr Respekt für die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern“, heißt es auf dem Schild, das an einem Hoftor lehnt. Davor servieren drei Frauen Hefezopf, Nußschnecken, Kuchen und Waffeln. Dazu gibt es Kaffee und heißen Punsch. Immerhin geht es auch um Lebensqualität. „Gutes Essen für gesunde Kinder“, fordert ein Plakat. Und gleich daneben: „Lasst uns die Erde lebensfähig halten!“ Zwei Mädchen halten ein Schild mit der Aufschrift: „Wir wollen mehr Platz für Tiere und kein Gift auf die Pflanzen.“

Rund um ein Lagerfeuer wird über die Agrarpolitik der EU diskutiert. „Die Agrargelder werden wie mit der Gießkanne verteilt“, schimpft ein Mann. „Wenn eine Tierfabrik oder ein Betrieb mit Gülleseen gleich viel Geld bekommt wie ein umweltfreundlicher Betrieb – dann ist das nicht in Ordnung.“ Eine junge Frau weiß es genauer: 80 Prozent der Fördergelder für die Landwirtschaft werden nur nach Fläche verteilt, erklärt sie. „Wer viel Land besitzt, bekommt viel Geld.“ Nur 20 Prozent der Subventionen für die Landwirtschaft werden als Prämie für Blühstreifen oder artgerechte Tierhaltung vergeben. „Das muss umverteilt werden“, fordert sie.

Lieber kleine statt große Betriebe

„Lasst den vielfältigen Bauer am Leben“, hat ein Landwirt auf sein Schild geschrieben. „Kleine Bauernbetriebe braucht das Land“, heißt es auf einem anderen Schild. Viele Teilnehmer der Demonstration fordern, eher die kleinen und mittleren Bauernhöfe zu unterstützen. Die Familienbetriebe, nicht die spezialisierten Großunternehmen. „Dann bleibt die Landschaft auch eher bewohnbar für Tiere“, sagt eine Frau. „Wenn die Felder nicht so riesig sind, wenn dazwischen Hecken, Feldwege oder Bäche bleiben.“

„Wir wollen, dass auch in Zukunft bei uns die Vögel singen und die Bienen summen – und dass nicht alles totgespritzt wird“, ergänzt eine andere Teilnehmerin. Ihre Nachbarin sorgt sich, dass Dünger und Spritzmittel das Trinkwasser vergiften. Ein Mann berichtet, dass gerade im Umfeld von Biogasanlagen, die aus großen Entfernungen mit viel Gülle beliefert werden, das Wasser extrem viel Nitrat enthält. Ein anderer hat eine Studie gelesen, nach der die Gülleausbringung auch für einen großen Teil des Feinstaubs in der Luft verantwortlich ist. Ein paar Meter weiter schimpft eine Frau über die Massentierhaltung: „Da kommen die multiresistenten Keime her, die uns in den Krankenhäusern so zu schaffen machen.“

Das Dorfleben bewahren

Bei der kleinen Traktor-Parade zum Abschluss sind alle mit dabei, sitzen auf den Anhängern, halten ihre Schilder und Transparente hoch und winken. Wird die Demonstration im Rußmaier etwas ändern an den Missständen in der Agrarpolitik? „In der Politik können wir zwar nicht viel ausrichten“, sagt ein Biolandwirt. „Aber wir machen das für uns.“ „Konventionelle Betriebe und Biobauern stehen doch heute unter dem gleichen Druck“, erklärt ein Landwirt, der selber konventionell wirtschaftet. „Da müssen wir zusammenhalten.“

Vielen Teilnehmern geht es nicht nur darum, dass es weiterhin bäuerliche Familienbetriebe in der Landwirtschaft gibt. Sie wollen auch das Dorfleben bewahren. Die Landwirtschaft gehört für sie dazu. „Es gibt doch kaum noch wirkliche Dörfer“, sagt eine Frau angesichts des Höfesterbens. „Da sind wir im Rußmaier wirklich eine seltene Ausnahme.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen