Die Horgenzeller basteln an ihrer Zukunft

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Unter anderem geht es bei dem Prozess um Wohnformen für alle Generationen.
Unter anderem geht es bei dem Prozess um Wohnformen für alle Generationen. (Foto: Symbol: Bernd Thissen/dpa)
Elke Oberländer

Nach dem Auftakt für die Gesamtgemeinde wird der Prozess nun in den Ortschaften fortgesetzt: am Mittwoch, 20. Juni, in Hasenweiler im Gasthof Traube, am Montag, 25. Juni, für die Ortschaft Wolketsweiler im Horgenzeller Bürgersaal, am Dienstag, 26. Juni, in Kappel im Pfarrstadel und am Mittwoch, 27. Juni, in Zogenweiler im Schützenhaus. Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Die Teilnehmer sollen dabei Ideen einbringen und Arbeitskreise bilden, um ihre Vorschläge umzusetzen.

Was verstehen die Horgenzeller unter Lebensqualität? Wie soll sich die Gemeinde entwickeln? Bei der Beantwortung dieser Fragen sollen die Bürger mitreden. Zur Auftaktveranstaltung des Projekts sind am Montag rund 150 Horgenzeller in die Mehrzweckhalle gekommen. Und hatten schon einige Ideen, wie zum Beispiel eine genossenschaftlich betriebene Wirtschaft, einen Nahversorgungsladen oder neue Touren mit dem Bürgerbus.

Demografischer Wandel, digitale Revolution – wie soll eine Gemeinde auf die Veränderungen in der Welt reagieren? „Das können nicht nur wir entscheiden“, sagt Restle. Mit „wir“ meint der Bürgermeister sich selbst, den Gemeinderat und die Verwaltung. „Da müssen viele Menschen mitentscheiden und mitanpacken“, betont Restle. „Denn die Bürger wissen selbst am besten, was gute Lebensqualität ausmacht.“ Er appellierte deshalb mit Gemeinderäten aus allen vier Teilorten intensiv an die Bürger, sich in den Prozess „Lebensqualität durch Nähe“ einzubringen, mit dem die Horgenzeller die Zukunft ihrer Gemeinde mitgestalten sollen.

Die Sozialpädagogin Karin Schmeh-Silbe und der Psychologe Alexander Hölsch stellten das Projekt vor. Sie haben ähnliche Projekte bereits in anderen Gemeinden umgesetzt. Als Beispiele für Themen, die angegangen werden können, nannten die beiden Wohnformen für alle Generationen, Maßnahmen gegen Ärztemangel, Naherholung, eine Kulturscheune, ein Dorfzentrum für die Nahversorgung und als Treffpunkt, einen Jugendrat, Mitfahrangebote und Bürogemeinschaften anstelle von Heimarbeit.

Teilorte nicht vergessen

Gemeinderat Elmar Denzler aus Hasenweiler betonte, dass die Gemeinde Horgenzell nicht nur im Zentralort, sondern auch in allen kleinen Weilern ein attraktiver Wohnplatz sein soll. Dabei dürfe man auch die jungen Horgenzeller nicht vergessen: „Jeder soll sagen: Hier lebe ich gern.“

Im Prozess gehe es zum einen um spezifische Themen der Teilorte, zum anderen um gemeinsame Themen der gesamten Gemeinde, sagte Gemeinderat Ulrich Mayr aus Happenweiler. „Jeder hat die Möglichkeit, mitzuarbeiten und mitzugestalten“, betonte Rätin Sylvia Dorner aus Ringgenweiler. „Man kann auch später noch einsteigen, und man muss auch nicht die ganze Zeit dabei bleiben.“ Ihr ist es wichtig, dass diejenigen, die mitmachen, auch Spaß dabei haben – wenn sie schon ihre Freizeit opfern.

Erste Ideen sprudeln schon

Als Beispiel dafür, was Bürger mit ehrenamtlichem Einsatz erreichen können, stellte Hugo Gindele das Projekt Backhaus in Ringgenweiler vor. Dabei gehe es zum einen ums Brotbacken im Holzbackofen, zum anderen um die Kommunikation. „Bürger aus der ganzen Gemeinde dürfen da backen und einen schönen Tag verbringen“, sagte Gindele. Er rechnet damit, dass das Backhaus bald fertiggestellt ist.

Beim gemütlichen Teil der Veranstaltung haben die Bürger bei Sekt und belegten Broten bereits erste Ideen diskutiert. Im Gespräch waren etwa eine genossenschaftlich betriebene Wirtschaft in Zogenweiler, ein kleiner Nahversorgungsladen in Hasenweiler, neue Touren mit dem Bürgerbus und ein Wanderweg, der über die Geschichte der Gemeinde informiert.

Für die Bewirtung haben die Schüler der Gemeinschaftsschule Horgenzell gesorgt. Sängerin Nadine Immeke und ihre Band haben den Abend musikalisch begleitet.

Das Projekt „Lebensqualität durch Nähe“

Mit vollem Namen heißt das Projekt in Horgenzell „Lebensqualität durch Nähe – Aktivierung von bürgerschaftlichem Engagement zur Gestaltung des eigenen Lebensraums zu den Themen Altwerden in vertrauter Umgebung, Nahversorgung, Mobilität, Inklusion und Integration“, abgekürzt LQN. Mit diesem Projekt hatte die Gemeinde sich beim Ideenwettbewerb „Quartier 2020 – gemeinsam gestalten“ beworben und 80 000 Euro Preisgeld bekommen. Dieses Geld fließt jetzt in die Umsetzung. Bürgermeister Restle rechnet zusätzlich mit Zuschüssen vom Land.

Zwei Fachleute haben das LQN-Projekt vorgestellt: Karin Schmeh-Silbe, Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin vom K-Punkt ländliche Entwicklung im Kloster Heiligkreuztal der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Psychologe Alexander Hölsch vom Verein SPES-Zukunftsmodelle. SPES steht für Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen. Die SPES-Fachleute haben das LQN-Projekt bereits in vielen Gemeinden umgesetzt.

Für die Begleitung des LQN-Prozesses hat SPES Kosten von rund 94 000 Euro veranschlagt. Zu den einzelnen Posten zählt die Vorbereitung mit 11 760 Euro, die Auftaktveranstaltung mit 6000 Euro, ein Bürgerfest mit 960 Euro, eine Zukunftsschmiede mit 1920 Euro sowie Koordination und finanzielle Abwicklung für 14 400 Euro. Darin ist die Begleitung der Initiativphase in zwei Teilorten eingerechnet. Weitere Kosten können anfallen, wenn die Gemeinde zum Beispiel die Module „Altwerden in vertrauter Umgebung“ oder die Initiierung eines Dorfzentrums für jeweils rund 31 000 Euro dazu bucht.

Bereits im Februar hatte der Gemeinderat den Verein SPES-Zukunftsmodelle damit beauftragt, den LQN-Prozess in Horgenzell umzusetzen. Ein Ausschuss aus Mitgliedern der Verwaltung und des Gemeinderats hat für jede der vier Horgenzeller Ortschaften ein Vorbereitungsteam zusammengestellt. Die ausgewählten Bürger haben sich seit April zweimal getroffen. Zusammen haben sich in den vier Teams bereits 70 Horgenzeller engagiert, berichtet Restle.

Die Fachleute von SPES und vom K-Punkt Ländliche Entwicklung im Kloster Heiligkreuztal werden den moderierten Prozess voraussichtlich über zwei Jahre begleiten.

Nach dem Auftakt für die Gesamtgemeinde wird der Prozess nun in den Ortschaften fortgesetzt: am Mittwoch, 20. Juni, in Hasenweiler im Gasthof Traube, am Montag, 25. Juni, für die Ortschaft Wolketsweiler im Horgenzeller Bürgersaal, am Dienstag, 26. Juni, in Kappel im Pfarrstadel und am Mittwoch, 27. Juni, in Zogenweiler im Schützenhaus. Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Die Teilnehmer sollen dabei Ideen einbringen und Arbeitskreise bilden, um ihre Vorschläge umzusetzen.

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