Was Vorarlberg und St. Gallen von Grünkraut lernen

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Drei Länder, drei Ansätze: Ein Projekt von drei Pädagogischen Hochschulen untersucht die Grundschulen in Deutschland, Österreich
Drei Länder, drei Ansätze: Ein Projekt von drei Pädagogischen Hochschulen untersucht die Grundschulen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Grünkraut ist mit dabei. (Foto: Archiv: dpa)

160 Schüler, 15 Lehrkräfte, jahrgangsübergreifendes Unterrichten und gleichzeitig jahrgangshomogene Klassen, unterschiedliche pädagogische Ansätze unter einem Dach und dazu noch Inklusion – das alles ist die Grundschule Grünkraut. Es funktioniert prima und ist zum Nachahmen geeignet. Da waren sich die Vertreter der Pädagogischen Hochschulen (PH) Weingarten, Feldkirch (Vorarlberg) und St. Gallen (Schweiz) einig, als sie die Grundschule Grünkraut als eine von sechs sogenannten Best-Practice-Schulen in den drei Ländern besucht haben. Denn die Grünkrauter Grundschule ist Teil der trinationalen Bildungswoche der drei Pädagogischen Hochschulen.

Ziel des Projekts der drei PHs ist, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Grundschulen der drei Länder herauszufinden. „Wir können voneinander lernen“, sagt Sandra Langer von der PH Weingarten. 30 Studenten, jeweils zehn aus den drei teilnehmenden Ländern, gehen mit den Projektverantwortlichen in die Schulen und untersuchen. Dabei geht es um die Schulen als Ganzes: Räumlichkeiten spielen genauso eine Rolle wie die Lehrer, das Arbeitsumfeld, die Art des Unterrichts oder auch die Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Und da gibt es große Unterschiede, wie die Projektverantwortlichen sagen.

Schulen für 40 Millionen Euro

Vor allem in einem Punkt gibt es einen großen Unterschied zwischen den drei Ländern: in der Architektur. So geht das österreichische Bundesland Vorarlberg in Sachen Schulgebäude ganz neue Wege. „Wir haben fantastische Schulgebäude gesehen, die 30 bis 40 Millionen Euro gekostet haben“, berichtet Sandra Langer begeistert. Sie sähen aus wie kleine Universitäten. Das sind keine Schulgebäude mit klassischen Klassenzimmern mehr. Man spreche hier von einem Cluster-Modell, erklärt Herwig Winkel von der PH Feldkirch. Beispiele sind zum Beispiel die Volksschule Edlach oder die Schule am See in Hard. Stark vereinfacht gesagt, geht der Weg weg vom Klassenzimmer zu mehr offenen und gemeinsamen Räumen. Alle Flächen sind Arbeitsflächen. So kann das komplette Schulgebäude als ein Raum für Unterricht genutzt werden, so Winkel.

„Vorarlberg ist architektonisch ein wildes Land, wir sind wagemutig vorausgegangen und Baden-Württemberg kann da nachziehen. Baden-Württemberg ist ein reiches Land“, stellt der Professor fest. Und sein Kollege Peter Rheinberger ergänzt: „Nach der Theorie von Loris Malaguzzi ist der erste Pädagoge das Kind, der zweite Pädagoge der Lehrer und der dritte Raum.“ Der Leitgedanke: Architektur und Pädagogik gehören zusammen. Und so würden derzeit in Vorarlberg viele neue Schulgebäude entstehen.

Die Gebäude seien ein zentraler Schlüssel, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. „Die Kinder kommen mit immer unterschiedlicheren Voraussetzungen in die Schule. Ihre Lebenswelt wandelt sich sehr stark und die Schulgebäude müssen sich dem anpassen“, sagt Winkel und bezieht sich dabei auch auf das Thema Digitalisierung, auf das man reagieren müsse.

Unterrichtsformen, bei denen das ganze Schulgebäude miteinbezogen wird, gibt es auch in Baden-Württemberg. Doch stoße man hier oft an räumliche Grenzen, wie auch Grünkrauts Grundschulleiter Harald Kordes berichtet. Neue Unterrichtsformen brauchen Platz, und der ist Mangelware. „Wenn Sie bei uns in die Schule kommen, sind überall die Türen offen und sie werden überall Schüler sehen, die Aufgaben machen, zusammen lernen und sogar Probleme diskutieren“, erzählt er, ohne dabei zu verschweigen, dass seine Grundschule sehr gut ausgestattet sei. „Wir haben bei der Gemeinde Grünkraut ein offenes Ohr. Wir bewegen uns hier auf einem sehr hohen Niveau“, sagt Kordes, deswegen sei in Grünkraut viel möglich.

Eine große Gemeinsamkeit der drei Länder gibt es auch in Sachen Finanzierung: In jeder Gemeinde, die schließlich der Schulträger ist, gibt es unterschiedliche finanzielle Voraussetzungen. So kann eine reichere Gemeinde anders investieren, als das eine weniger wohlhabende Kommune tun kann. Dementsprechend unterschiedlich gestalten sich die Gebäude oder auch die Ausstattung. Chancengerechtigkeit scheitere manchmal schon auf der Gemeindeebene, wenn manche Gemeinden einen doppelt so hohen Schuletat haben als andere. „Wir haben das auch in der Schweiz. So gibt es innerhalb eines Kantons sehr große Unterschiede“, berichtet Judith Pekarek, Professorin an der PH St. Gallen.

Vorbild im Bereich Inklusion

Sie war besonders angetan vom inklusiven Gedanken in Baden-Württemberg. Denn laut Pekarek habe der Kanton St. Gallen ein rein seperatives Schulsystem. Außerdem war sie vom jahrgangsübergreifenden Unterrichten in Grünkraut begeistert. „Es ist schön, diese Vielfalt zu sehen, dass es Möglichkeiten gibt, auf jeden einzugehen, und man trotzdem unterrichten kann, ohne beliebig zu sein“, sagt sie.

Am Ende werden die Studenten des trinationalen Projekts ihre Ergebnisse zusammenfassen, dokumentieren und vortragen. Den Verantwortlichen des Pilotprojektes ist es wichtig, dass die Studenten die Ergebnisse mit in ihr Berufsleben nehmen und davon profitieren können. Eine Präsentation auf politischer Ebene wird es nicht geben. Dazu kann sich Sandra Langer einen Kommentar aber doch nicht verkneifen: „Es ist doch schade, dass die Politik oft nicht wahrhaben will, dass es Länder mit ähnlichen Voraussetzungen gibt, wo vieles, was wir fordern, schon längst Realität ist.“

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