Spielgruppen erleben einen Höhenflug

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 Spielen, singen, ratschen: Kleinkind-Gruppen wie die von Eveline Knoll erleben derzeit einen Boom.
Spielen, singen, ratschen: Kleinkind-Gruppen wie die von Eveline Knoll erleben derzeit einen Boom. (Foto: Verena Jäger)
Verena Jäger

Ein halbes Dutzend Kleinkinder flitzt barfuß oder auf ABS-Socken umher und jagt bunten Gummibällen nach. Auch die Mamas rollen sich ein paar Bälle zu, plaudern miteinander, spielen mit ihren Kindern oder kommentieren deren Tun. Die Babys dürfen sich ohne Kleidung und Windelpakete bewegen und spielen. Es ist Freitag, 9.15 Uhr, und im Lichthof trifft sich die Spielgruppe. Geleitet wird sie von Eveline Knoll, genannt Evi. Sie hatte den Lichthof ursprünglich für ihre Heilström- und Farblichtbehandlungen auserwählt und im Februar 2018 dort um die Baby- und Spielgruppen erweitert.

Noch nie hat es so viele Eltern-Kind-Programme gegeben wie heutzutage. Auch Bildungsprogramme für junge Eltern boomen allerorts. So erleben auch Spielgruppen einen Höhenflug und erfreuen sich wachsender Beliebtheit – auch im Landkreis Ravensburg. So sehr, dass sich Eveline Knoll aus Weingarten sogar selbstständig machen kann. Sie ist ein Beispiel von vielen. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt die Sozialpädagogin Monika Hofmann, dass es vor allem der Kontakt zu Gleichaltrigen ist, von dem die Babys und Kleinkinder in solchen Spielgruppen profitieren: „In Gruppen für die ganz Kleinen (…) ist es oft so, dass ein Baby etwas macht und alle anderen schauen wissbegierig zu. Oder lauschen einfach. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass Babys schon viel mehr aufnehmen, als man früher dachte.“ Und auch die Eltern würden bei den Treffen dazulernen, meint die Ko-Autorin von „Treffpunkt Krabbelgruppe: Eine Ideenbörse für Eltern mit kleinen Kindern“. „Sie werden dafür sensibilisiert, dass zum Beispiel beim Wickeln auch Zeit für Streicheleinheiten oder ein ,Zwiegespräch‘ mit dem Kind ist. Und den Eltern tut es gut, von anderen zu hören, dass sie nicht die Einzigen waren, die in der vergangenen Nacht fünfmal aufstehen mussten“, sagt Hofmann der „Süddeutschen Zeitung“.

Philosophie von Emmi Pikler, Rudolf Steiner und Jesper Juul

Eveline Knolls Baby- und Spielgruppen für Kinder bis zu 24 Monaten sind angelehnt an die Philosophie von Emmi Pikler, Rudolf Steiner und Jesper Juul. Was die ungarische Kinderärztin, der Entwickler der Waldorfpädagogik und der dänische Familientherapeut gemeinsam haben, ist ihr Menschenbild: Demnach sind Kinder keine halb fertigen Mängelwesen, die von den Erwachsenen mit Lob und Tadel geformt werden müssen, sondern kleine Persönlichkeiten, die Respekt, Zugewandtheit und Achtung verdienen.

Evis Konzept: Mit nur einer Gruppe „alles“ anzubieten, also Singen und Tanzen, Babymassage, Austausch und pädagogische Leitung, Wasserspiele, die Erfahrung der Nacktheit und natürlich die Krabbelgruppenerfahrung. Auch bietet sie „Papa-Tage“ an, die sie für besonders wertvoll hält. Doch die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte und ausgebildete Erzieherin kann auch ganz anders: Sie spielt Gitarre und Schlagzeug. Ihre große Leidenschaft ist jedoch das Singen. Als Frontfrau der Party-Coverrock-Band HoTTube, die sie 2004 mit Unterstützung ihres Mannes gegründet hat, ist Eveline Knoll auf den Bühnen in und um Weingarten zu erleben. Außerdem tritt sie mit dem Tanzmusik-Duo „Voicebox“ auf Hochzeiten, Firmenfeiern und Fasnetsbällen auf.

10 Uhr – Vesperpause in der Spielgruppe. Mamas, Papas und Kinder setzen sich um einen Tisch, reichen sich die Hände und sprechen einen Tischvers. Dann wird ausgepackt. „Denkt bitte daran, das Essen aus den Plastikboxen zu holen und auf die Teller zu legen“, erinnert Evi. Tischkultur zu vermitteln, ist ihr wichtig. Aber zwanglos. „Eltern sollten locker an die Sache rangehen und nicht krampfhaft erziehen und fördern wollen.“

Vieles könne man unkompliziert in den Alltag einbauen, etwa Vorlesen oder Beten vor dem Zubettgehen, aber auch die alltäglichen Dinge benennen. Unsere Gesellschaft jedoch sei geprägt von Leistungsdenken, kritisiert die zweifache Mutter. „Wir wollen Kinder wie Vasen füllen, aber das funktioniert nicht. Sie müssen Spaß haben, dann lernen sie von alleine.“

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