Homöopathie im Kuhstall

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Milchbauer Robert Müller aus Grünkraut und Tierarzt Christoph Ganal (rechts) aus Weingarten untersuchen Kuh Heidi, die nach der
Milchbauer Robert Müller aus Grünkraut und Tierarzt Christoph Ganal (rechts) aus Weingarten untersuchen Kuh Heidi, die nach der Geburt eines Kalbes nicht richtig fit ist und homöopathische Mittel verabreicht bekommt. (Foto: Karin Kiesel)
Schwäbische Zeitung

Nachhaltigkeit und die Gesundheit der Milchkühe im Fokus – mit dieser Strategie will sich der Ravensburger Milchverwerter Omira für die Zukunft neu aufstellen. Landwirte, die ihren Hof nachhaltig bewirtschaften, sollen belohnt werden. Und weil dabei das Wohl der Kühe eine besondere Rolle spielt, bekommt auch Homöopathie in der Tierhaltung eine neue Bedeutung. Ein Besuch auf dem Hof von Robert Müller in Grünkraut.

80 Kühe und deren weibliche Nachzucht (weitere etwa 80 Tiere) hat Müller auf seinem Hof. Er kennt alle mit Namen und weiß, wenn es einer von ihnen nicht gut geht. So wie beispielsweise der sechsjährigen Heidi. Sie hat vor einigen Tagen ein Kalb geboren und ist seither ungewöhnlich träge, hat wenig Appetit und „kaum Milchleistung“, wie der Landwirt erklärt. Für einen Milchbauern ist das schlecht, denn Kühe sind in modernen Höfen Leistungstiere, der wirtschaftliche Erfolg des Betriebs hängt von der Milch ab.

Deswegen will Robert Müller auch so oft es geht auf alternative Behandlungsmöglichkeiten zurückgreifen. „So wenig Antibiotika wie möglich“, lautet seine Devise. Denn das sei weder gut für das Tier und zudem auch schlecht für das Fleisch und besonders für die Milch, die er in dieser Zeit dann nicht mehr verarbeiten darf. „Das ist der Vorteil von Homöopathie. Ich habe keine Wartezeiten auf die Milch und für das Tier ist es auch gut“, so Müller. Und weil Tiere schließlich nicht wissen, welche Medikamente sie bekommen, gebe es bei Kühen auch keinen Placebo-Effekt.

Das sieht auch Tierarzt Christoph Ganal aus Weingarten so, der Kuh Heidi an diesem Tag untersucht. „Alternative Behandlungsmöglichkeiten sind eine Bereicherung der Therapiemöglichkeiten. Man muss wissen, wie man beispielsweise Homöopathie anwendet, und die Grenzen kennen. Und wenn es notwendig ist, andere Medikamente verabreichen.“ Bei Kuh Heidi reichen homöopathische Wirkstoffe. Sie bekommt eine Spritze mit einer Mischung aus verschiedenen Mitteln, die ihren Appetit und allgemein ihr Wohlbefinden steigern sollen. Weil durch die Geburt des Kalbs noch etwas von der Nachgeburt in der Gebärmutter blieb, hat diese sich nicht richtig zurückgebildet und die Kuh fühlt sich in der Folge schlapp und unwohl. Wie Tierarzt Ganal erklärt, müsse der Kuh schnell geholfen werden, bevor es zu Stoffwechsel- und in der Folge zu Leberproblemen kommt. Nach ein bis zwei Tagen, so schätzt Ganal, gehe es der Kuh wieder gut und auch die Milchleistung sei dann wieder normal.

Kühen sieht man Schmerzen an

„Wir arbeiten mit Lebewesen, warum sollte man dann nicht auch die Kraft der Natur nutzen, wenn es sinnvoll ist?“, sagt Robert Müller. Das gelte besonders in Zeiten, in denen es immer mehr Antibiotika-Resistenzen gebe. „Wenn man homöopathische Medizin anwendet, schaut man seine Tiere ganz anders an, beobachtet sie genau und bekommt sofort mit, wenn etwas nicht stimmt“, erklärt Müller. Zudem sei es natürlich eine Kostenersparnis, wenn man nicht wegen allem sofort den Tierarzt holen müsse. Und da Kühe eine ausgeprägte Mimik haben, sieht der Milchbauer schnell, wenn etwas nicht stimmt. „Kühen sieht man Schmerzen an, sie haben einen leidenden Blick, lassen die Ohren hängen. Auch am Fell kann man erkennen, ob sich das Tier unwohl fühlt.“

Etwa viermal am Tag werden seine Kühe gemolken. Das übernimmt ein Melkroboter im Stall. Weil dort ein spezielles Kraftfutter steht, gehen die Kühe selbstständig mehrmals am Tag zum Melken an den Roboter und sind deswegen im Stall nicht angebunden, können sich sozusagen frei bewegen. Auf die Wiese kommen sie deswegen allerdings seltener, weil der tägliche Melkprozess im Stall für die Milch sorgt, die Müller verkaufen will.

Für die Omira, die genossenschaftlich organisiert ist und für 2017 einen Neustart der Marke plant, ist die nachhaltige Landwirtschaft ein Weg, das Vertrauen der Verbraucher in die Produkte wie beispielsweise die Milch zu stärken, erklärt Susanne Hof, bei der Omira für die Qualität- und Hygieneberatung tätig. Auch vor dem Hintergrund, dass sich die Omira 2014 von etwa 120 Biobauern getrennt hatte, will das Unternehmen zeigen, dass Milch aus konventioneller Landwirtschaft mit Bioprodukten durchaus vergleichbar sein kann. „Es ärgert mich, dass die Leute die teure Biomilch kaufen, weil sie glauben, sie sei besser als unsere“, sagt Müller.

Mehr Geld für die Milch

Deswegen nun die Qualitätsoffensive mit den Stichworten Nachhaltigkeit und Wohl der Milchkühe. Milchbauern, die die Standards einhalten, werden im Rahmen eines Bonusprogramms belohnt. 0,5 Cent pro Kilogramm Milch gibt es, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Wer mittels eines Fragebogens nachweisen kann, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben und auf das Tierwohl zu achten (beispielsweise durch alternative Therapiemöglichkeiten), bekommt ab 2017 den finanziellen Zuschlag. „Jeder Aufschlag lohnt sich“, sagt Milchbauer Müller. 75 Euro gebe es einmalig für das Ausfüllen des Bogens, und durch den Zuschlag in Höhe von 0,5 Cent pro Kilogramm Milch rechnet Müller mit 300 Euro mehr im Monat. „Wir produzieren pro Monat 60 000 Liter Milch, das lohnt sich auf alle Fälle.“

Die Fragebögen wurden laut Susanne Hof jetzt verteilt. Zudem biete die Omira im Bereich alternative Behandlungsmöglichkeiten eine Vielzahl an Seminaren an. „Das Angebot wird sehr gut angenommen. Die Seminare sind immer ausgebucht und es gibt eine große Warteliste“, so Hof.

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