Grünkraut macht sich für die kommenden Jahrzehnte fit

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 Heimatpfleger Hans Offenwanger (links) und Bürgermeister Holger Lehr vor der Kirche in Grünkraut.
Heimatpfleger Hans Offenwanger (links) und Bürgermeister Holger Lehr vor der Kirche in Grünkraut. (Foto: Wolfgang Steinhübel)
Wolfgang Steinhübel

Woher der Name „Grünkraut“ nun genau kommt, lässt sich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen. Fakt ist die erste Erwähnung „Gruonencrut“ am 26. Mai 1269, einem Sonntag, als im Kirchhof eine größere Versammlung stattfand, bei der zwei Urkunden aufgesetzt wurden. Als Ort der Beurkundung wird „Gruonencrut“ genannt. Das ist für die heute selbständige Gemeinde nördlich von Ravensburg ein guter Grund zum Feiern. Unter dem Motto „750 Jahre“ finden in diesem Jahr mit großer Unterstützung der örtlichen Vereine eine Vielzahl von Veranstaltungen statt.

Erste urkundliche Erwähnung

Das offizielle Wappen der Gemeinde zeigt einen grünen Farn auf drei grünen Kuppen auf goldenem Untergrund. Damit wird der Ortsname Grünkraut, der zu ergänzen wäre mit „Zum grünen Kraut“ oder „Im Grünen Kraut“, im Zusammenhang mit der Hügellandschaft der Gemarkung symbolisch wiedergegeben. Die offizielle Beschreibung lautet: In Gold (Gelb) auf grünem Dreiberg ein vierblättriges grünes Farnkraut.

Dass die Gegend von Grünkraut schon früh besiedelt war, zeigt eine Urkunde aus dem Jahr 834, in der ein gewisser „Engilpret von Engelbertisruiti“ (der heutige Hof Englisreute) seinen Hof mit allen beweglichen und unbeweglichen Dingen dem Kloster St. Gallen übergab. Das Gebiet gehörte damals zum Argenau, das nach Bregenz gehörte.

Ganz Grünkraut abgebrannt

Die Grafen von Montfort-Tettnang, die zwischenzeitlich die Herrschaft über Bregenz übernommen hatten, verkauften 1446 die „Pfarr Grünkraut“ mit allen Rechten und Gütern an die Patrizierfamilie Humpis von Ravensburg. Bereits 1560 verkaufen diese Grünkraut wieder an das Kloster Weißenau. 1632, im 30-jährigen Krieg, und 1686 brannte die gesamte „Pfarr“ mit Kirche, Pfarrhaus, Pfarrscheuer Widumhof und Meßmergut (also ganz Grünkraut) ab.

Besonders tragisch: Beim Brand 1686 verbrannten alle Kirchenbücher. Auch deshalb ist die Rekonstruktion des Ursprungs des Namens Grünkraut schwierig. In ihrer Not gründete die Pfarrgemeinde eine Schutzengelbruderschaft, die bis heute besteht und aktuell zirka 150 Mitglieder hat.

Besuch von General Charles de Gaulle

Am 13. Mai 1812 wird Grünkraut zur selbständigen Gemeinde mit 1075 Einwohnern. Ein neues Rathaus, Schulhaus und Armenhaus werden errichtet. Von 1848 bis 1897 baut die evangelische Kirchengemeinde ein neues Zentrum mit Kirche, Schul- und Pfarrhaus. Grünkraut blieb nach dem zweiten Weltkrieg ein bäuerliches Dorf mit 1500 Einwohnern, das sich kaum veränderte.

Nach Kriegsende waren bis zu 500 Franzosen als Besatzungsmacht stationiert. Es war eine Spezialeinheit, die hier für den Einsatz in Indochina ausgebildet wurde. General Charles de Gaulle war zweimal zu Besuch da. Erst in den 1960er-Jahren begann eine durchgreifende Entwicklung. Mit neuen Baugebieten wuchs die Einwohnerzahl stetig, und durch die Ausweisung des Gewerbegebietes Gullen wurden wertvolle Arbeitsplätze geschaffen, was der Gemeinde einen gewissen Wohlstand verschaffte.

Barrierefreie Ortsmitte

Den finanziellen Spielraum nutzt die Gemeinde aktuell, um größere Baumaßnahmen umzusetzen. Holger Lehr, seit Dezember 2010 Bürgermeister von Grünkraut, berichtet stolz: „Nach über dreijähriger Planungszeit konnten wir in diesem Jahr mit dem Projekt ,Barrierefreiheit in der Ortsmitte’ beginnen.“ Rund um den Rathausplatz erhalten die Gehwege ein neues Pflaster, geeignet zum Beispiel für Rollator und Kinderwagen. Die Zugänge zu den Ladengeschäften werden barrierefrei, ebenso die Bushaltestelle. Im Oktober beginnt der Einbau eines Aufzuges in das Rathaus. Alle Ebenen werden von der Tiefgarage aus erreichbar sein.

Überall wird investiert

Auch an die Infrastruktur ist gedacht: komplette Wasserleitungen inklusive der Hausanschlüsse werden erneuert, Leerrohre für Breitbandanschlüsse verlegt. 1,4 Millionen Euro erhält die Gemeinde als Zuschuss vom Land als Teil des Landessanierungsprogrammes. Im Herbst beginnen Bauarbeiten an der Schule und Sporthalle. Sie sollen an ein Nahwärmenetz angeschlossen werden. Anfang nächsten Jahres ist die Komplettsanierung der Leichenhalle vorgesehen. Es kommt eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach. Mit dem erzeugten Strom werden auch Teile der Straßenbeleuchtung und das gegenüberliegende Kinderhaus St. Nikolaus versorgt.

Nahrversorgung erhalten

Bürgermeister Lehr will die Menschen in der Gemeinde behalten. Bisher ist die Nahversorgung gut. Mit einer Apotheke, einem Arzt, zwei Zahnärzten, einem Physiotherapeuten, Bäcker und Metzger, zwei Banken, einem Lebensmittelladen und einem Gartencenter ist man vor Ort breit aufgestellt. Für die Zukunft sind alternative Konzepte für ältere Menschen geplant. Zentral, direkt neben dem Rathaus, soll ein Zentrum für betreutes Wohnen entstehen. Dort sind bisher die Feuerwehr und der Betriebshof stationiert. Für beide besteht dringender Erweiterungsbedarf.

Ein neuer Standort wird gesucht, eventuell zusammen mit der Gemeinde Bodnegg. Die Entscheidung dazu wird im Herbst der Gemeinderat treffen. „Die Umsetzung des Projektes ist eine mehrjährige Mammutaufgabe“, so Lehr. „Wir müssen mit Mut herangehen und die Gemeinde für die nächsten Jahrzehnte fit machen.“

Feiern das ganze Jahr über

Maßvolle Wohnungsbauförderung ist ein weiteres Ziel. In der Buchenstraße entsteht ein kleines Baugebiet. Für weitere Arbeitsplätze dürfte die Erweiterung des Gewerbegebietes Gullen sorgen. Nächstes, spätestens übernächstes Jahr, soll der Bebauungsplan für Gullen 7 stehen.

Die 3220 Einwohner von Grünkraut feiern noch das ganze Jahr ihr 750-jähriges Pfarrjubiläum mit verschiedenen Veranstaltungen. Eine große Festmesse veranstaltet zum Beispiel die katholische Kirchengemeinde am 15. September. Interessant ist auch die Ortsmeisterschaft der Schützenriege. Vom 7. bis 11. Oktober ist jeder Grünkrauter Bürger eingeladen, einen „Glücksschuss“ abzugeben. Der beste Schuss erhält die „750 Jahre Jubiläumsscheibe“.

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