Horst Kalbhenn begeisterte sich und Tausende andere für die Kunst

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Der weit über die Region bekannte Künstler Horst Kalbhenn ist tot. Mehr als 100 Ausstellungen hat er bestritten. Unser Archivbil (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Siegfried Kasseckert

Horst Kalbhenn ist tot. Still und bescheiden, wie er lebte, ist er von dieser Welt gegangen. Bis vor wenigen Wochen noch hat der 82-jährige Maler und Bildhauer, der seit 20 Jahren in Blitzenreute wohnte, an seinen plastischen Objekten gearbeitet. Er sprühte vor Ideen, hatte noch vieles vor.

Horst Kalbhenn hinterlässt ein riesiges Werk, das einen weiten Bogen schlägt von den expressiven Landschaftsbildern und Porträts der Fünfzigerjahre, über großartige Materialbilder und feine Collagen in lyrischen Farbklängen bis hin zu stark abstrahierten Reliefs und Vollplastiken in meist karger Farbigkeit, die seit mehr als zehn Jahren sein Werk beherrschen. Kein Geringerer als Paul Cézanne, einer der Väter der Moderne und bedeutendster Anreger des Kubismus, war ihm Vorbild und geistiger Vater. Mal in geometrischen, mal in amorphen Formen suchte Horst Kalbhenn ein Künstlerleben lang seinen ganz eigenen Weg. Stets war ihm der menschliche Körper das Maß allen Schaffens, mögen seine Schöpfungen, vor allem die Reliefs und Plastiken, auf den ersten Blick auch noch so ungegenständlich erscheinen.

Der tief humanistische Gedanke, der in seinem Werk überall mitschwingt, erzeugt so etwas wie beseelte Konstruktionen, hat der Ravensburger Kunst- und Kulturpublizist Dr. Herbert Köhler einmal geschrieben. In der Tradition der Arte poverea verwendete Kalbhenn mehr und mehr „ärmliche Materialien“ wie Holz, Pappe, Stoff, Leim und schuf so Kunstgebilde, für die er das schöne Wort „transparente Luftarchitektur“ erfand.

Horst Kalbhenn begeisterte sich und andere für die Kunst. Er war auch ein großer Lehrer. Hunderte, ja wohl mehrere Tausend Schülerinnen und Schüler verdanken ihm, dem Kursleiter an der Volkshochschule, der er 45 Jahre lang gewesen ist, Freude am Malen und Gestalten.

Viele Ausstellungen in der Kreissparkasse

Horst Kalbhenn besitzt eine riesige Fangemeinde. Das zeigte sich auch bei den vielen Ausstellungen, die er bestritten hat, darunter weit über 100 Einzelausstellungen. Vor allem die Kreissparkasse Ravensburg machte sich um sein Werk verdient. Mehr als ein Dutzend Ausstellungen widmete das Kreditinstitut dem Maler und Bildhauer, die letzte 2009 zum 80. Geburtstag.

Geboren wurde Horst Kalbhenn am 4. Juli 1929 in der Goethestadt Frankfurt am Main, was man ihm immer noch anhörte. Doch schon seit 1937 wohnte der Künstler im Kreis Ravensburg, seit gut 20 Jahren mit seiner Frau im Eigenheim in Blitzenreute. Drei Söhne haben die Kalbhenns.

Eine Kunstakademie konnte er mangels finanzieller Möglichkeiten nicht besuchen, doch absolvierte er Kurse an der Freien Kunstschule Stuttgart und lernte im Privatunterricht beim Zügel-Schüler Max von Schellerer in München vor allem das präzise Zeichnen. Exzellente Porträt- und Tierstudien aus den 50er- und 60er-Jahren beweisen es.

Sein Heimatort Fronreute besitzt eine große Zahl Kalbhenns. Wie man dazu kam – das ist eine hübsche Geschichte: Die Gemeinde überließ „ihrem“ Künstler vor gut 16 Jahren ein kleines Gebäude als Atelier, das einst als Schweinestall diente. Die „Miete“ bezahlte der Künstler alljährlich in Form eines Bildes in festgelegter Mindestgröße. So gewann Blitzenreute zum Nulltarif eine stattliche Kalbhenn-Sammlung, im Rathaus zu sehen,

Als Geburtstagsgeschenk zum 80. überreichten die Kinder ihrem Vater einen schönen Katalog, den Sohn Sven, Germanist und Psychologe in Tübingen, herausgegeben hat. Eine Hommage an den Vater. „Horst, wir alle lieben Dich“, ist da zu lesen. So werden es viele Freunde und Weggefährten empfinden.

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