Ein Weckruf, direkt aus dem Wecker-Herz

Lesedauer: 7 Min
Barbara Sohler

Zum dritten Mal steht er mittlerweile auf der Einhalden-Bühne, zum ersten Mal jedoch mit seinem aktuellen Programm „Poesie und Widerstand“. Die Rede ist von Liedermacher Konstantin Wecker. Dem wilden, weisen Widerständler, der seit Jahrzehnten Musik macht, der Inhalte wegen. Und wegen dem geschätzte 1500 Menschen am Freitagabend auf den Kaseshof nach Geratsreute gepilgert sind.

Langsam senkt sich die Nacht über den Kaseshof. Bunte Decken werden vor der Bühne ausgebreitet, die letzten Verpflegungswürste zwischen die Servietten geklemmt, die jüngsten herumwuselnden Kinder eingefangen. Ein paar Festivalbesucher, die ohne Sitzgelegenheit gekommen sind, tragen Bierbänke auf die Wiese vor der Bühne. Gerade eben hat das Trio „Berta Epple“ (mit Veit und Gregor Hübner und Bobby Fischer ein Garant für bekömmlichen Jazz) noch das bedingungslose Grundeinkommen gefordert, über die Lebenselixiere Urin und Kartoffelsalat philosophiert, den Gang zum Zahnarzt seziert und gar wunderbar auf den Hauptakt des Abends hingearbeitet. Auf den nach wie vor schillernden Kometen Konstantin Wecker, um den sich am Freitagabend alle Gespräche drehen.

Seine Präsenz macht sprachlos

Beinahe ehrfürchtig still wird es unter den Gästen, als Wecker schließlich die Bühne betritt. Gleich fällt auf: seine Holzperlenkette in Regenbogenfarben, die früher seinen Hals zierte, die fehlt. Ansonsten aber scheint der streitbare Liedermacher ganz der Alte. Wobei, nein, der 71-Jährige, der immer schon für seine politischen Fingerzeige bekannt ist, er wirkt noch rechtschaffener, noch reflektierter. Noch schonungsloser, auch sich selbst gegenüber. Seinem Timbre, seinem Blick, seiner Gestik ist anzumerken, dass er sich nicht auf aktuelle Themen setzt, um eine opportune Meinung zu transportieren. Nein, es ist eine Haltung.

Es ist ein Weckruf, der direkt aus dem Wecker-Herz erschallt, wenn er sich laut und schnell empört. Über die braune Brühe, die das Land überschwemmt. Über menschenverachtende Ideologien. Über das Feigwerden, das Ungefährbleiben. Über sein eigenes Erwachsenwerden. „Erst mit über 50 und dem ersten Kind hab ich mich dem gestellt“, grantelt er mit sich selbst.

Von Weckers „Wirkungswucht“ schrieb unlängst eine Journalistin – und genau das ist es, was die Einhalden-Besucher spüren, hundertfach, ohne es benennen zu können. Weckers Präsenz macht schlicht sprachlos, das Festivalpublikum schweigt, lauscht andächtig. Hört ihn vorlesen, aus seinen alten Gedichten. Nimmt ihm fraglos ab, wenn er sagt, er habe ein Herz für Träumer und Versager. Immerhin sind auch unter den Einhalden-Fans etliche, die ihn immer wieder haben grandios öffentlich scheitern sehen, die um seine jahrelange Kokainabhängigkeit wissen. So wie Eva Henzler aus Biberach, die ein ausgewiesener Wecker-Fan und Einhalden-Neuling ist. So wie Volker Urban, der seit Jahren vom Hunsrück nach Schwaben reist, „des besonderen Einhalden-Gefühls wegen und der immer exzellenten Künstler“, sagt Urban.

Dieses Attribut trifft auch auf die Bandmitglieder zu, mit denen Wecker teils seit Jahren arbeitet und die der Liedermacher zugewandt und mit ganz persönlichen Worten vorstellt: Den Percussionisten Wolfgang Gleixner, die beiden „Quoten-Özis“ –den Violinisten Marcus Wall und den Leadgitarristen Severin Trogbacher-,den Gitarristen Jens Fscher, sowie seinen „musikalischen Lebensgefährten“ Johannes Barnikel und die gerade einmal 21-jährige Cellistin Nathalia Dauer, die beim Einhalden für ihre verhinderte Münchner Kollegin einspringt. „Nathalia war zweimal auf meinen Konzerten, studierte Cello in Basel und ist heute nach nur einer Probe ins kalte Wasser gesprungen“, adelt Wecker die Studentin. Dann hält er behutsam Rückschau auf seinen Vater Alexander, den er „als Maler wie als Opernsänger nur wenig erfolgreich“, als jedoch aussergewöhnlich sanften, besonnenen Vater beschreibt. Er singt ein anrührendes Liebeslied („… selbst wenn Venus aus dem Schaumbad entstiege – ich ließe sie schäumen, weil ich dich liebe“), zu Ehren seines verstorbenen Physiker-Freundes Hans-Peter Dürr „Gefrorenes Licht“.

Blutmond und Sternschnuppe

Und nachdem Wecker den beiden Lockenköpfen Inka Kuchler und Irene Schindele/den „Vivid Curls“ aus dem Allgäu kurz die Bühne überlassen hat, für ein charmant vorgetragenes Plädoyer für das Mitgefühl und die Menschlichkeit, dreht er noch einmal auf: Er wettert gegen die Duldungsstarre, den Nationalismus und auf Absurdistan. Und weil der rare Blutmond auch am Himmel über Geratsreute zu sehen ist, lässt er im Stockdunklen seine Vertonung von Goethes „An den Mond“ erklingen. Dass wie bestellt zum letzten Schlussakkord direkt hinter der Bühne eine Sternschnuppe vom Himmel fällt, das kann Wecker natürlich nicht sehen. Aber er kann sehr wohl spüren, dass er das Einhalden-Publikum gepackt hat, mit Haut und Haaren und sich vermutlich Hunderte neuer Fans gemacht hat. Deshalb gibt der Haudegen und Humanist am Klavier auch etliche Zugaben. Streut weiter kühne Ideen mit zärtlicher Kraft über die Köpfe des ergriffenen Publikums. Und schließt seinen Liederabend erst nach knapp drei Stunden.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen