Wie eine App Bürger in Waldburg und Bodnegg zusammenbringt

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 Fahrgemeinschaft, Pflanzentausch, Kochgruppe: Die Nachbarschafts-App bringt alle zusammen.
Fahrgemeinschaft, Pflanzentausch, Kochgruppe: Die Nachbarschafts-App bringt alle zusammen. (Foto: Carolin Steppat)
Carolin Steppat

Wie moderne Nachbarschaftshilfe aussehen kann, zeigen die Gemeinden Waldburg und Bodnegg. Dort vernetzen sich die Bürger digital mit einer Nachbarschafts-App, um sich gegenseitig zu helfen.

Egal, ob es um die Mitfahrgelegenheit nach Ravensburg geht, Hilfe bei der Mirabellenernte oder gemeinsame Zeit für Alleinstehende an Weihnachten – mit einer Nachbarschafts-App vernetzen sich die Waldburger seit rund einem Jahr digital. Ins Leben gerufen wurde die Waldburger Nachbarschaftsplattform von Gemeindewesenarbeiterin Kerstin Schulz.

Sie betreut in Waldburg das „Netzwerk Senioren“ und damit auch die praktische Seniorenarbeit vor Ort. Ihre Idee war es, eine Art Schwarzes Brett für die Bürger zu schaffen. Damit es einfach und schnell gepflegt werden kann, sollte es digital sein.

Im Rahmen des Repair-Cafés, das seit März 2017 in Waldburg angeboten wird, kam sie schließlich mit Kollegen ins Gespräch über die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung vor Ort. Nach gründlichem Abwägen habe sie sich dann für die App von nebenan.de entschieden.

Die Menschen brauchen ein Gefühl der Sicherheit. Deshalb haben wir es auch von kommunaler Seite angeboten.

Gemeindewesenarbeiterin Kerstin Schulz

Diese App ermöglicht den Bürgern eines Orts, sich digital zu vernetzen und auszutauschen. Außenstehende oder Bewohner anderer Ortschaften haben keinen Zutritt. Besonders wichtig sei, so erklärt Schulz, dass sich die Nutzer mit vollem Namen und Adresse anmelden müssen: „So entsteht ein geschützter Raum. Die Menschen brauchen ein Gefühl der Sicherheit. Deshalb haben wir es auch von kommunaler Seite angeboten.“ Dass die App unter deutschem Datenschutz läuft, sei ein weiterer Aspekt.

Auch eine Männerkochgruppe gibt es

Seit der Einführung der App tut sich ordentlich was auf der digitalen Plattform. Bereits 191 Nutzer haben sich innerhalb eines Jahres dort angemeldet. Neben Gruppen wie „Unser schönes Waldburg“ können sich die Bürger auch in Sachen Mitfahrgelegenheiten, rund um den Garten, Pflanzenbörse und mehr, Heizen mit Holz, Elektrofahrer und Hundeliebhaber austauschen.

Sogar eine kleine Männerkochgruppe gibt es. Die Teilnehmenden, erklärt Schulz, seien vor allem Waldburger ab 20 Jahren bis ins hohe Alter. Damit auch ältere Menschen, die mit digitalen Themen weniger vertraut sind, daran teilnehmen können, wird die App regelmäßig im Repair-Café vorgestellt.

Inspiration für Bodnegg

Die Einführung in Waldburg inspirierte Christa Gnann, Mitarbeiterin im Bürgerkontaktbüro Bodnegg. Auch ihr gegenüber hatten alleinstehende Seniorinnen den Wunsch geäußert, mit anderen Alleinstehenden für gemeinsame Unternehmungen in Kontakt zu kommen.

Nach Gesprächen mit Kerstin Schulz sei ihr klar geworden, dass man hierfür die App nutzen könne. Nach Rücksprache mit Bürgermeister Christof Frick hat sie deshalb zum 1. Juli dieses Jahres die digitale Nachbarschaft „Wir in Bodnegg“ ins Leben gerufen. 79 Bodnegger nutzen mittlerweile die App – auch Bürgermeister Frick.

Hassrede ist [...] kein Thema. Stattdessen gibt es eine große Hilfsbereitschaft und kurze Wege zwischen Leuten.

Christa Gnann, Mitarbeiterin im Bürgerkontaktbüro Bodnegg

Der geschützte Rahmen, die Anmeldung mit Klarnamen und Adresse sowie anschließender Verifizierung, sorge für ein kameradschaftliches Miteinander. Gnann: „Hassrede ist deshalb kein Thema. Stattdessen gibt es eine große Hilfsbereitschaft und kurze Wege zwischen Leuten.“

Die Vorteile der digitalen Nachbarschaft sieht auch Leander Mißbach, Klimaschutzmanager des Gemeindeverwaltungsverband Gullen (GVV), zu dem neben Bodnegg und Waldburg auch Grünkraut und Schlier gehören. Er wünscht sich, dass die App eines Tages von allen Bürgern des GVV genutzt werden kann, um eine Bürgerbeteiligung zu schaffen jenseits des Amtsblattes.

Deshalb befinde er sich derzeit in Gesprächen. Neben dem sozialen Aspekt, sieht er auch Chancen bei den Themen Nachhaltigkeit und Verkehr: „Wir müssen neue Formen der Mobilität finden im ländlichen Raum, wo man stark auf den öffentlichen Personennahverkehr oder das Auto angewiesen ist“, so Mißbach. Das könnten Mitfahrgelegenheit ebenso wie privates Carsharing sein. Und nicht zuletzt könne man mit der App auch Dinge teilen und verleihen, die so nicht neu beschafft werden müssten.

Plattform gehört zu einem Berliner Unternehmen

Dass die App in den Ortschaften so gut ankommt, spricht sich herum. Auf Kerstin Schulz kommen seit Einführung der App viele Kommunen zu, um sich darüber zu informieren. Manchmal fühle sie sich deshalb fast schon „wie eine Promoterin“. Angeboten wird die Plattform aber vom Unternehmen Good Hood GmbH mit Sitz in Berlin.

Der Service nebenan.de ist derzeit nach Unternehmensangaben das größte soziale Netzwerk für Nachbarn in Deutschland mit 1,3 Millionen aktiven Nutzern. 2015 wurde die Plattform als Sozialunternehmen gegründet.

Seit 2018 können lokale, gemeinnützige Organisationen und Stadtverwaltungen über ein sogenanntes Organisationsprofil Teil der Nachbarschaft werden. Interessierten Kommunen rät Schulz deshalb sich direkt mit der Firma in Verbindung zu setzen, denn „im Gegensatz Facebook und Co. erreicht man dort immer einen persönlichen Ansprechpartner.“

Die Zukunft der digitalen Nachbarschaft allgemein sieht die 48-Jährige positiv: „Meine Generation ist ja schon aufgewachsen mit digitalen Dingen und ich denke, dass wir uns zukünftig noch mehr damit vernetzen werden.“ Für die App hat sie den Wunsch, dass sie irgendwann zum Selbstläufer wird. Doch dafür brauche es noch etwas Zeit und Vertrauen. Deshalb können sich Neulinge nach wie vor regelmäßig im Repair-Café die App zeigen und erklären zu lassen.

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