Warum ein 30-Jähriger sich entscheidet, einen Bauernhof zu gründen

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Noch sind seine Kühe, Schafe und Wasserbüffel im provisorischen Zelt untergebracht. Mit dem Bau eines neuen Stalls will Brugger
Noch sind seine Kühe, Schafe und Wasserbüffel im provisorischen Zelt untergebracht. Mit dem Bau eines neuen Stalls will Brugger dann seinen Viehbestand erweitern. (Foto: Melanie Brugger)
Schwäbische Zeitung
Franziska Mayer

Christian Brugger liegt mit seiner Biohof-Idee voll im Trend. 12,1 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis Ravensburg sind Bio-Höfe. Damit liegt deren Anteil im Kreis deutlicher höher als in ganz Baden-Württemberg, wo es 7,3 Prozent sind. Das zeigen die Zahlen der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) Schwäbisch Gmünd. Gerade bei den Biomilchkühen sei im Landkreis Ravensburg ein kontinuierlicher Zuwachs festzustellen.

Die Attraktivität der Bio-Landwirtschaft nimmt grundsätzlich zu, sagt Albrecht Siegel, Leiter des Landwirtschaftsamtes. Bei den ökologisch bewirtschafteten Flächen sei Ravensburg mit rund 11 700 Hektar landesweit führend. Seit Januar 2018 kann sich der Landkreis als „Bio-Musterregion Baden-Württemberg“ bezeichnen. Ravensburg hatte sich im vergangenen Jahr beim gleichnamigen landesweiten Wettbewerb des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg beworben. (fm)

In Jeans, Stoffmütze und Turnschuhen hievt sich Christian Brugger über das Gatter zu seinen vier Rindern. In zwei anderen Gattern daneben stehen ein paar Wasserbüffel und Schafe. Noch ist es nur ein provisorisches Zelt, in dem die Tiere zuhause sind. Das soll sich ändern: Der 30-Jährige aus Bodnegg baut derzeit seinen eigenen Bio-Milchviehbetrieb auf. Ein neuer Stall ist Teil des Plans. Im November 2012 entschied sich Brugger für den Weg in die ökologische Landwirtschaft. In Zeiten von sterbenden Höfen ein mutiger Schritt für einen jungen Mann.

Landwirtschaft: So groß sind die Betriebe

„Schon als Kind war mir klar, dass ich einmal Landwirt werden möchte“, erzählt Brugger. Ungefähr acht Jahre alt sei er bei einem seiner ersten Ausflüge mit dem Traktor gewesen, erinnert er sich. Traktoren, Maschinen – alles Technische habe ihn als kleiner Junge fasziniert. Zwar hatte seine Familie keinen Hof, aber viele Tiere, die ihn und seine Geschwister faszinierten. Katzen, Hunde, Pony, Gänse, Enten, Hühner und Zwergziegen – ein Streichelzoo für die ganze Familie. Nachdem der Hof der Großeltern in den 1960er-Jahren abbrannte, führte seine Oma den Betrieb weiter, bis sein Vater 15 war. Danach verpachtete die Familie ihre Flächen. Brugger durfte bei den Pächtern und den benachbarten Höfen mithelfen.

Junge Leute gehen neue Wege

Direkt in die Landwirtschaft sollte es aber nicht gehen. Die Faszination für die Technik war zunächst stärker, und so machte er sein Hobby zum Beruf. „Ich habe schon immer gerne an Rasenmähern und anderen technischen Geräten herumgeschraubt“, erzählt Brugger. Eine Ausbildung zum Mechatroniker lag also nahe. Fünf Jahre arbeitete der Bodnegger in diesem Beruf, bis ihm irgendwann der Job keinen Spaß mehr machte. Er wollte etwas an seinem Leben ändern. Nach einem Vortrag in Ravensburg vor sechs Jahren entschloss er sich dann für die Landwirtschaft. Der Enthusiasmus des Referenten, der von einem Umdenken in der Landwirtschaft sprach, hatte Brugger angesteckt. „Mir wurde klar, ich muss es jetzt mit einem eigenen Hof versuchen“, sagt er. Sein Wunsch von damals sollte Wirklichkeit werden. Der Vortrag zeigte die Problematik auf, dass die Technik in der Landwirtschaft zu viel und zu spezialisiert sei, die Individualität von Höfen dabei oft nicht bedacht werde. „Neue Wege in der Landwirtschaft brauchen junge Leute, das hat mich motiviert.“

Landwirtschaft: Immer weniger Betriebe, immer größere Flächen

So überlegte er nicht lange und zog 2013 nach Rheinau. Dort begann er die Ausbildung zum Bio-Landwirt mit Zusatzqualifikation auf Demeter-Niveau. Demeter ist ein deutscher Bio-Anbauverband mit den strengsten Auflagen. Dass es die ökologische Landwirtschaft sein soll, stand für den Jungbauern schon immer fest. „Das ist eine Grundüberzeugung. Ich will im Einklang mit der Natur arbeiten, für die nächste Generation. Konventionelle Landwirtschaft bedeutet für mich eher das Gegenteil“, erklärt er. Trotz seiner starken Überzeugung verurteile er seine konventionell arbeitenden Kollegen und Nachbarn nicht. „Mir ist eine gute Zusammenarbeit und Verständnis füreinander wichtig.“

Auf Wochenmärkte gehen

Während seiner Ausbildung zum Bio-Landwirt sammelte Brugger unter anderem Erfahrungen bei einem Lehrbetrieb mit hofeigener Milchverarbeitung und Käserei. Mit Blick auf seine eigene Zukunft als Milchbauer eine bewusste Entscheidung. „Ich habe dort viel über Milchverarbeitung und Direktmarketing gelernt und konnte für mich klären, ob das überhaupt zu mir passen würde.“ Es passte: Eine Käserei sowie der Verkauf von Fleisch und Milchprodukten im Hofladen und auf Wochenmärkten stehen auf Bruggers Plan. Bewusst entschied sich der 30-Jährige auch für einen Meisterlehrgang an der Fachschule für Landwirtschaft Emmendingen-Hochburg bei Freiburg, den er parallel zu seinem dritten Ausbildungsjahr begann. Seine Ausbildung in der Schweiz hat er bereits im Sommer 2016 abgeschlossen. Und nach einem Jahr Vollzeitschule steht er auch bei seiner Fortbildung kurz vor dem Abschluss. Bald kann er sich staatlich geprüfter Landwirtschaftsmeister mit Fachrichtung Ökolandbau nennen.

Unsere Bauern - die große Reportage

Seine Flächen brauchen noch etwas länger, bis sie als Ökoland gelten. Nach offiziellen Richtlinien dauert die Umstellung auf bio mindestens zwei Jahre. Dann erst könne er seine Erzeugnisse offiziell als ökologisch kennzeichnen und als Biowaren verkaufen, erklärt er. Ein weiteres Jahr sei nötig für das Demeter-Siegel. Seit einem Jahr bewirtschaftet Brugger eigene Flächen. Teilweise sind das Flächen, die die Familie seit über 40 Jahren verpachtet hatte.

Für seinen Bauernhof braucht Brugger weiteres Land und vor allem tierischen Zuwachs. Der hätte aktuell im provisorischen Zelt nicht genügend Platz. „Trotz beantragter Betriebsnummer, im Moment fange ich von Null an“, sagt Brugger. Mit dem geplanten neuen Stall sollen rund 30 Milchkühe, 60 Jungtiere und 30 Schafe ein angemessenes Zuhause bekommen.

Christian Brugger liegt mit seiner Biohof-Idee voll im Trend. 12,1 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis Ravensburg sind Bio-Höfe. Damit liegt deren Anteil im Kreis deutlicher höher als in ganz Baden-Württemberg, wo es 7,3 Prozent sind. Das zeigen die Zahlen der Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL) Schwäbisch Gmünd. Gerade bei den Biomilchkühen sei im Landkreis Ravensburg ein kontinuierlicher Zuwachs festzustellen.

Die Attraktivität der Bio-Landwirtschaft nimmt grundsätzlich zu, sagt Albrecht Siegel, Leiter des Landwirtschaftsamtes. Bei den ökologisch bewirtschafteten Flächen sei Ravensburg mit rund 11 700 Hektar landesweit führend. Seit Januar 2018 kann sich der Landkreis als „Bio-Musterregion Baden-Württemberg“ bezeichnen. Ravensburg hatte sich im vergangenen Jahr beim gleichnamigen landesweiten Wettbewerb des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg beworben. (fm)

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