Ein Zeltlager, wo das Geld der Eltern keine Rolle spielt

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 Geschenke basteln: In Baltersberg legen die Organisatoren besonders viel wert auf Kreativität.
Geschenke basteln: In Baltersberg legen die Organisatoren besonders viel wert auf Kreativität. (Foto: Franziska Stölzle)
Franziska Stölzle

Telefon für einen kleinen Jungen im Zeltlager Baltersberg in der Gemeinde Bodnegg. Die Mama ist dran. Aber der angefragte Besuch von ihr wird von Teamer Bernhard Ruoff, den alle nur Berni nennen, ausgeschlagen. Wieso? „Besuche der Eltern sind ein Störfaktor“, sagt er. Das eine Kind bekomme Besuch, ein anderes jedoch nicht. „Es führt zu schwierigen Situationen für die Kinder, nicht alle haben ein heiles Familienbild“, erklärt der Teamer.

Das macht das Ferienlager Baltersberg so besonders, die Kinder sollen sich selbst, ohne Einfluss der Eltern, entfalten und weiterentwickeln. Das Zeltlager ist speziell für Kinder aus sozial schwachen Familien, geflüchtete und benachteiligte Kinder und zusätzlich auch für psychisch eingeschränkte Kinder vorgesehen. Das 14-köpfige Team arbeitet daran, auch körperlich eingeschränkten Kindern die Möglichkeit zu geben, am Zeltlager teilzunehmen. Bis aber alles Hand und Fuß hat, benötigen die Teamer noch Zeit.

Das Lager ist ausgebucht

Für das Ferienlager stellt Doris Heine ihr Hab und Gut zur Verfügung. Sie selbst ist schon seit Jahren bei der Kinder- und Jugendhilfe aktiv und hat auch schon Pflegekinder bei sich aufgenommen. Für ein Zeltlager bietet ihr Hof, in Baltersberg bei Bodnegg, die perfekten Voraussetzungen. Schon seit drei Jahren bietet das Zeltlager zehn Tage Spaß und Aktion für Kinder an und hat jedes Jahr mehr Teilnehmer, dieses Jahr ist das Maximum mit 42 Kindern erreicht. Für die aufgedrehte Meute, die zwischen acht bis fünfzehn Jahre alt ist, sind zwölf Teamer verantwortlich. „Die Teamer stellen das Zeltlager oft während ihres Urlaubs auf die Beine, viele nehmen dafür ihren Jahresurlaub“, sagt Bernhard Ruoff.

Die elfjährige Alena ist schon das zweite Jahr dabei und fühlt sich pudelwohl. Zusammen mit ihren beiden Cousinen verbringt sie dort zehn unbeschwerte Tage. „Heute habe ich einen Traumfänger für den Geburtstagstag morgen gebastelt“, erzählt Alena. Die kreative Seite der Kinder wird dort besonders gefördert. Auf drei großen Tischen liegt sämtliches Bastelmaterial, von buntem Papier über Sticker und Perlen, bis hin zu Malstiften aller Art. Hier ist für jeden was dabei, „jeder ist ein Teil von Baltersberg“, sagt Bernhard Ruoff.

Die Kosten für das Zeltlager werden vorwiegend durch private Spenden gestemmt, alles Weitere durch die Teilnahmebeiträge. „Das Geld steht bei uns aber nicht im Vordergrund, jedes Kind bekommt die Möglichkeit teilzunehmen“, beteuert der Teamer. Entweder es wird der reguläre Betrag von 185 Euro bezahlt, oder es wird der Förderbeitrag in Anspruch genommen. „Für die maximale Förderung könnte das zum Beispiel so aussehen: Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern und wenig Gehalt“, erklärt der Teamer. So bekomme man 52 Prozent Nachlass und bezahle nur noch rund 90 Euro. Aber selbst wenn keine 90 Euro aufgebracht werden können, ist das kein Ausschlusskriterium. Jeder Fall wird individuell betrachtet, man zahlt das, was man zahlen kann. Das Geld soll keine Rolle spielen.

In der Regel gibt es einen Workshop am Vormittag und einen am Nachmittag. So wird morgens beispielsweise Brennball angeboten, und gegen später dürfen sich die Kinder Chemieexperimente anschauen. Es wird aus den Bereichen Sport, Kreativität, Meditation und Wellness eine bunte Mischung angeboten, „alles ist freiwillig, wenn jemand lieber im Zelt bleiben möchte oder etwas anderes tun, dann kann er das“, sagt Bernhard Ruoff. Die Kinder werden hier weder herumdirigiert noch fremdbestimmt. Da hier der Querschnitt der Gesellschaft teilnimmt, gibt es keine bestimmten Regeln. Die Teamer profitieren vom sogenannten „Lagerparlament“, hier sollen die Kinder Probleme selbst lösen und bestimmen so ihre eigenen Regeln. „Die eigenen Regeln bricht niemand“, sagt er.

Im Großen und Ganzen sei aber ein feinfühliger, guter und vor allem freundlicher Umgang unter den Kindern Alltag. „Es ist nicht immer Friede, Freude und Eierkuchen, aber das ist völlig normal“, versichert der Teamer. Natürlich gibt es auch das eine oder andere Kind, dem man eine festere Struktur und Regeln an die Hand geben muss, aber auch damit wissen sich die Teamer zu helfen. „Kindheit ist eine Herausforderung für jeden“, erläutert er. Die Kinder sollen sich im Zeltlager Baltersberg nicht anpassen und fügen müssen, sondern es bereichern. Bei vielen Kindern sei auch in den zehn Tagen eine deutliche Entwicklung erkennbar, am Anfang seien sie schüchtern und zurückhaltend und würden sich von Tag zu Tag mehr öffnen.

Die älteren der Runde sind zwischen elf und fünfzehn Jahre alt, für sie ist Basteln, Malen und Fangen spielen nicht gerade der Hit. Sie sitzen lieber in den Zelten und „chillen“, so sind sie zu sechst im Zelt und spielen am Handy oder unterhalten sich über „coole“ Dinge. „Ich hoffe, heute Abend ist Kinoabend, da können wir von 20 Uhr bis 2 Uhr Filme schauen“, wirft Mo in die Runde und erhält Zustimmung von allen Seiten.

Aber nicht nur die Älteren möchten einen Kinoabend. Selbst die Kleinen sind so ausgepowert vom Spaßprogramm, dass sie eine Pause brauchen. Der achtjährige Benedikt fasst zusammen: „Die vielen Angebote machen Spaß, aber den ganzen Abend Filme schauen, ist halt echt cool.“

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