Lukas Beingrübel beweist das zielsicherste Auge

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Schwäbische Zeitung
Daniel Krüger

In London hat der Niederländer Michael van Gerwen bei der Dart-Weltmeisterschaft zum dritten Mal den Titel geholt. Für die Dartfreunde Bergatreute ist die WM aber nicht der Höhepunkt des Dartjahres. Denn kurz vor dem Jahreswechsel luden sie zu einem der größten Hobbyturniere in der Region. Aber kann es das Schützenhaus Bergatreute mit der Kathedrale des Dartssports, dem Londoner Ally Palley, aufnehmen?

Aus 28 Ländern kommen die 96 Profis, die sich in London zum 26. Mal um den WM-Titel streiten. Eine solche Historie können die Dartfreunde nicht vorweisen. Sehen lassen konnte sich das Starterfeld des Dorfturniers aber trotzdem: Von den 89 Hobbyspielern reisten einige sogar aus Österreich und dem Ruhrgebiet an. Lukas Beingrübel sorgte am Ende dafür, dass der Pokal im Dorf blieb. Neben der Siegprämie von 200 Euro durfte er sich zudem über einen Restaurantgutschein freuen. Ganz ohne Gutschein muss hingegen der neue Weltmeister von London auskommen, die 500 000 Pfund Entschädigung dürften jedoch Trost genug sein.

Für Tennisfans heißt es oft: „Quiet, please!“ Darüber können Dartfans nur müde lächeln, denn hier wird gesungen, getanzt, ausgebuht und gefeiert. Die meisten der 6000 Fans, die in jeder Session in den Ally Palley strömen, tragen verrückte Kostüme und sind nicht mehr ganz nüchtern. Auch in Bergatreute wurde der Dartrausch ziemlich wörtlich genommen. Bei Bierpreisen von 2,50 Euro pro Halbe ein günstiges Vergnügen, verglichen mit den umgerechnet 7,50 Euro, die in London aufgerufen werden. Das freute nicht nur die Fans im Schützenhaus, denn anders als bei offiziellen Turnieren war das Hopfendoping hier auch den Spielern gestattet.

Frauen in der Männerdomäne

Beim Thema Gleichstellung kann sich der Weltverband PDC bei den Dartfreunden noch einiges abschauen. In London erhielten zwei Frauen eine Wildcard, beide schieden in der ersten Runde aus. Auch für den Sport 1-Kommentator Gordon Shumway war die WM danach vorbei: Er bezeichnete die Auftritte der Damen als „Zirkus“, sorgte für einen Shitstorm und durfte seine Koffer packen. Ganz anders in Bergatreute: Hier standen gleich sieben Damen am Board, die erst das Männerfeld aufmischten und anschließend in einem eigenen Turnier die beste Frau ausspielen durften. Ohne peinlichen Zirkus des überwiegend männlichen Publikums gewann Ariane Fleck das spannende Finale.

Keine Frage, Darts wird auch bei uns immer populärer. Derzeit gibt es in Deutschland aber nur gut 11 000 organisierte Steeldarts-Spieler. Was zum großen Boom fehlt, ist der nächste Boris Becker. Mit Max „Maximiser“ Hopp und Martin „The Wall“ Schindler, beide 22 Jahre alt, haben es zwar zwei Deutsche in die erweiterte Weltspitze geschafft, beide warten aber noch auf den großen Durchbruch. Vielleicht ist der nächste „Leimener“ aber auch ein Bergatreuter? Luca Boser, 15 Jahre alt, trainiert und spielt seit dieser Saison mit den Dartfreunden und hat seitdem eine enorme Entwicklung genommen. Sein höchstes Finish in einem Ligaspiel liegt bei 146 Punkten, die er mit drei Darts auf Null gestellt hat. Das machen selbst seine Idole im Ally Palley nicht im Vorbeigehen.

Übergewichtige Männer, die in verrauchten Kneipen auf Scheiben starren. Dieses Bild gehört der Vergangenheit an, da ist sich Dartfreunde-Präsident Thomas Wespel sicher. „Unser Klub ist voll in die Gemeinde integriert, wir wurden beim Bau einer neuen Boardanlage unterstützt und dürfen sogar den Gemeindebus für Auswärtsfahrten nutzen“, sagt Wespel, den hier alle nur „Pocke“ nennen. Das wichtigste für einen guten Dartspieler ist nämlich der Spitzname. Das gilt im Londoner Ally Palley genauso, wie im Schützenhaus Bergatreute.

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