Feuerwehr verhindert Explosion von Biogasanlage

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Schwäbische Zeitung
Gabriele Hoffmann

Bis zum Mittwochmorgen dauerte der Brand einer Biogasanlage in Bergatreute. Giftiges Schwefeldioxid lag in der Luft und sogar die Landwirte halfen den Feuerwehren beim Löschen:

Großeinsatz der Rettungskräfte aus dem Landkreis Ravensburg am Dienstagabend im kleinen Bergatreuter Weiler Witschwende. Eine Biogasanlage brennt. Kurz nach Eingang der Alarmierung ist die Feuerwehr Bergatreute am Einsatzort. Gleich darauf die Feuerwehr aus Bad Waldsee. Wegen der Gefahrenlage werden noch die Wehren aus Ravensburg, Weingarten, Bad Wurzach und der Gefahrgutzug alarmiert. Das Deutsche Rote Kreuz ist in großer Zahl und mit Schnelleinsatzgruppe, zwei Notärzten und zwei Rettungswagen vor Ort.

Bergatreutes Bürgermeister Helmfried Schäfer traf gleichzeitig mit der Feuerwehr am Brandort ein. Ebenfalls da sind Vertreter des Umweltamtes beim Landratsamt Ravensburg und der Wasserversorgungsgruppe Oberes Schussental. Über Radio und mit Lautsprecherdurchsagen der Polizei wurden die Bürger aufgefordert Fenster und Türen geschlossen zu halten. Witchwende ist daraufhin wie ausgestorben. Nur noch die Rettungskräfte befinden sich auf dem Terrain. Das Gelände ist übersät von Einsatzfahrzeuge mit rotierendem Blaulicht. Der Brandort ist hell ausgeleuchtet und weitläufig abgesichert.

Giftige Gase, beißender Geruch

Schon von weitem sieht man eine große weiße Wolke über der Biogasanlage, die mit vier Fermentern (Bioreaktoren) zu den großen im Kreis Ravensburg zählt. Es sind Schwefeldioxid und andere giftige Dämpfe die dort aufsteigen. „Wir führen laufend Messungen durch“, sagt Kreisbrandmeister Oliver Surbeck. „Die Werte sind im oberen Bereich, aber es besteht keine Gefahr für die Bürger.“ Entstanden ist der Brand höchstwahrscheinlich bei Wartungsarbeiten an der leeren Biogasanlage. Beim Schweißen oder Schneiden könnte ein Funke die Schaumstoff-Isolierung in Brand gesetzt haben. „Der Brand hat dann auf den Schwefel übergegriffen, der unterhalb der Isolierung im Prozess der Gärung in der Biogasanlage entsteht“, schildert der Kreisbrandmeister das Szenario.

Das dabei austretende Schwefeldioxid reizt auch weiter entfernt noch die Schleimhäute. Für den Feuerwehr-Fachberater Chemie, Reiner Briechle vom Gefahrgutzug Isny ist das austretende Schwefeldioxid auch ohne große chemische Analyse klar erkenntlich: Ein beißender Geruch in der Nase und metallischer Geschmack auf der Zunge.

Rund 1000 Kubikmeter fasst der im Boden eingegrabene brennende Fermenter. „Durch den Brand herrschen im Inneren 170 Grad Celsius“, erklärt der Kreisbrandmeister. „Da kann niemand nah heran.“ Alle Einsatzkräfte arbeiten mit Atemschutz, beziehungsweise mit spezieller Vollkleidung, die an den Träger hohe gesundheitlich Anforderungen stellt. Ein Feuerwehrmann bekam dabei Kreislaufprobleme und musste vom Notarzt behandelt werden. „Für die Feuerwehr stellen sich drei Problemstellen“, erklärt Surbeck, „die Bekämpfung des Feuers an Isolierung und Schwefel, sowie die Abkühlung der Biogasanlage.“ Letzteres wurde zuerst mit Wasser versucht und später mit Schaum. Schaum belastet die Umwelt weniger als Wasser. „Wenn der Schaum aus dem Einfüllstutzen der Biogasanlage wie Bierschaum hoch kommt, dann ist das Risiko einer Explosion gebannt“, erklärt Surbeck, nimmt seine Atemschutzmaske und geht vor zur Brandkontrolle.

Die Anlage ist auf 80 Grad herunter gekühlt. „In circa einer Stunde gegen 23 Uhr, dürfte das Feuer gelöscht sein“, sagt Surbeck. Doch dann kippt das Ganze, und es wird zu einem selten großen und aufwendigen Einsatz für die Feuerwehr. Es ist zu viel Schaumstoff-Isoliermaterial in der Anlage, sodass der Schaum zum Löschen nicht ausreicht. „Das Risiko einer Explosion konnte mit dem Schaum zwar ausgeschaltet werden“, sagt Surbeck, „doch zum Feuer Löschen reicht es nicht. Die wirksamste Art den Brand unter Kontrolle zu bekommen, ist ein Verfüllen mit Stickstoff, doch weder das Sauerstoffwerk in Friedrichshafen, noch Boehringer-Ingelheim in Biberach konnten eine so große Menge Stickstoff liefern.“ Blieb also nur Wasser zum Löschen, doch es gibt keine Wasserleitung, die so eine Menge – immerhin sind 1000 Kubik – füllen beziehungsweise transportieren kann, erklärt der Kreisbrandmeister. Das gebe es vielleicht in einigen Großbetrieben oder Großstädten, aber nicht hier in der Region.

Landwirte helfen beim Löschen

Eine Lösung wurde mit Hilfe von 15 Landwirten gefunden, die mitten in der Nacht aktiviert wurden und mit ihren Fasswagen Wasser aus einem Teich pumpten und zur Biogasanlage transportierten. „Das ging wie im Kreisverkehr“, sagt Surbeck und lobt im gleichen Atemzug seine Feuerwehrkollegen und die Landwirte. „Du musst nur einem etwas sagen, und dann klappt es.“

Der Kreisbrandmeister forderte auch noch den zweiten Gefahrgutzug des Landkreises an. Damit kamen weitere Feuerwehrleuten aus Isny, Leutkirch, Bad Wurzach und Amtzell zum Einsatz. Die ganze Nacht über wurde bis zum Morgen die Schadstoffbelastung der Luft gemessen. Die Werte blieben hoch, sagt Surbeck, aber noch in zumutbaren Grenzen. Bis 2.30 Uhr in der Nacht wurden die Bewohner von Witschwende laufend im Radio und per Lautsprecher durch die Polizei aufgefordert, Türen und Fenster geschlossen zu halten.

Erst gegen 8 Uhr morgens konnte Entwarnung gegeben werden, die Gefahr war gebannt. Die Umweltschutzbehörde beim Landratsamt Ravensburg war auch am Mittwochmorgen noch mit Messungen vor Ort beschäftigt. Ob das Wasser aus der Anlage als Sondermüll entsorgt werden muss, ist allerdings noch nicht klar. Auf jeden Fall muss es kontrolliert abgeleitet werden. Nach zwölf Stunden Gefahrguteinsatz kamen dann auch die Einsatzkräfte an den Rand ihrer Belastbarkeit.

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