Warum das Land schneller altert als die Stadt

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Lärmende Bagger durchpflügen die Erde, Lkw schaffen tonnenschweres Baumaterial heran. Hier, am Rande der Oberdorfstraße in Seibranz entsteht gerade ein neues Baugebiet für 22 Eigenheime. Mehr als die Hälfte der Bauplätze sind bereits vorgemerkt, vor allem für junge Familien.

Für den idyllischen Ortsteil der oberschwäbischen Kleinstadt Bad Wurzach ist das neue Baugebiet ein Meilenstein. Aus Mangel an Alternativen waren Interessenten zuvor oft abgewandert.

Eine fatale Entwicklung, die der Stadt als Wirtschaftsstandort Schwierigkeiten bereitet. Denn während im vergangenen Jahr auf 100 Einwohner im erwerbsfähigen Alter noch knapp 30 Einwohner im Rentenalter kamen, werden es nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes im Jahr 2035 bereits 47 sein.

Baden-Württemberg im Jahr 2025

Entwicklungen wie diese gibt es landauf, landab. Stärker als die Bevölkerung im Südwesten insgesamt wird der Anteil der Menschen im Rentenalter steigen: Von heute rund 2,2 Millionen Menschen auf fast drei Millionen im Jahr 2035. Bis zum Jahr 2050 rechnen die Forscher sogar damit, dass der Anteil der über 65-Jährigen denjenigen erreicht, den die unter 20-Jährigen im Jahr 1950 hatten. Das Generationenverhältnis hätte sich also in 100 Jahren umgekehrt.

Zuwanderung bremst Bevölkerungsrückgang - vorübergehend

Schon seit dem Jahrtausendwechsel beobachten Statistiker nicht nur eine Vergreisung, sondern auch einen Bevölkerungsrückgang auf dem Land. Die gestiegene Zuwanderung nach Baden-Württemberg konnte diese Entwicklung in den vergangenen Jahren zwar etwas bremsen und die Bevölkerungszahlen stabilisieren, auf lange Sicht wird die Landflucht vor allem von jüngeren Menschen jedoch wieder Fahrt aufnehmen.

Die Vorboten dieser Entwicklung sind bereits heute erkennbar. So kommen im städtisch geprägten Weingarten auf 100 Einwohner im Erwerbsalter rechnerisch nur 27,7 Unter-20-Jährige, während es in der Nachbargemeinde Berg mehr als 34 sind. Für eine Hochschulstadt wie Weingarten sei das typisch, sagen Experten des Statistischen Landesamtes. Da besonders viele junge Erwachsene etwa für eine Ausbildung in die Stadt kämen, sei der Anteil der erwerbsfähigen Einwohner dort besonders groß.

Baden-Württemberg im Jahr 2035

In Berg dagegen spiegelt sich das wieder, was auf dem Land vielerorts passiert. Zwar haben Frauen dort überdurchschnittlich viele Kinder – in Berg sind es 1,6 je Frau, in Weingarten 1,2. Doch sind die Kinder einmal dem Schulalter entwachsen, kehren sie ihrer Heimat oft den Rücken. Jeder fünfte der 18- bis 25-Jährigen, die auf dem Land wohnen, könnte sich für diesen Schritt entscheiden, schätzt das Statistische Landesamt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig, hängen aber oftmals eng mit der Entwicklung einer Gemeinde zusammen. Gibt es vor Ort Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten? Wie steht es um das kulturelle und soziale Angebot? Wie sieht es in Sachen Kinderbetreuung oder Gesundheitsversorgung aus? „Infrastruktur trägt ganz entscheidend zur Lebensqualität vor Ort bei“, sagt Alexander Handschuh vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Wo es keine Fachärzte gebe, Bahnhöfe nur unregelmäßig bedient würden oder der nächste Supermarkt kilometerweit entfernt liege, da würden sich schließlich auch die Menschen abwenden.

„Schon jetzt ist ein Siedlungsdruck auf die Ballungsräume deutlich zu spüren“, stellt Handschuh fest. Heißt: Immer mehr Menschen leben lieber in der Stadt, die alle wichtigen Dienstleistungen und Verkehrsangebote zur Verfügung stellt. Deshalb sind Ober- oder Mittelzentren wie Ulm, Friedrichshafen oder Ravensburg mit ihrem breiten Angebot und ihrer guten Erreichbarkeit gefragt.

Landbevölkerung überholt Städter

Vor allem die Gemeinden im unmittelbaren Umland müssen sich auf drastische Umwälzungen einstellen. Gehörten sie bislang landesweit mit durchschnittlich 42,9 Jahren zu den jüngsten Gemeinden, wird sich das bereits in den nächsten zwölf Jahren ändern. Die Bewohner werden dann mit durchschnittlich 46,7 Jahren zu den ältesten gehören. In städtischen Großräumen wie Stuttgart oder Ulm/Neu-Ulm dagegen steigt das Durchschnittsalter nur auf knapp 45 Jahre.

Unter den Gemeinden ist daher längst ein Wettbewerb um junge Familien entstanden. Mit dem Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten, der Ausweisung von erschwinglichen Baugebieten oder mit der Zahlung von Zuschüssen, versuchen Bürgermeister, dem Trend entgegenzusteuern. Mancherorts, wie in Bubsheim im Landkreis Tuttlingen, sind es auch einzelne Unternehmen, die den Zuzug junger Familien fördern.

Für die Gemeinden ist jeder hinzugewonnene Neubürger nicht nur ein Pfund, mit dem sie in Standortfragen wuchern können, sondern letztlich auch bares Geld wert. Zwischen 1000 und 2000 Euro je Einwohner fließen allein durch den Finanzausgleich in die Kassen.

Zugleich müssen die Gemeinden jedoch auch die Belange Älterer berücksichtigen. Nahversorgung mit Waren des täglichen Bedarfs, ein Arzt im Ort, Mobilität - das sind Fragen, die gerade im eher schlecht angebundenen ländlichen Raum unter den Nägeln brennen. Nicht alles kann dabei eine Gemeinde selbst stemmen. Schon jetzt fehlen Beispielsweise in der Pflege tausende Fachkräfte - vor allem auf dem Land. So benötigt allein die Sozialstation Bodensee bis zum Jahr 2030 150 zusätzliche Kräfte.

Vielerorts formieren sich Initiativen, die einen Teil der Daseinsvorsorge übernehmen. Lieferdienste für Senioren, Bürgerbusse und Dorfläden sollen dazu beitragen, dass letztlich nicht auch noch Senioren dem Land den Rücken kehren.

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