Kerzen aus Kellenried gehen in die ganze Welt

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Wie Schwester Immaculata die Kerzen herstellt und weitere Teile der Serie, sehen Sie im Video unter der folgenden Adresse:

www.schwäbische.de/kellenried

An manchen Tagen sieht Schwester Immaculata nur noch Dornbüsche. „Manchmal träume ich auch noch von Dornbüschen“, erzählt sie und lacht. Denn an manchen Tagen macht die 88-Jährige nichts anderes, als die Konturen des Motivs in weiße Kerzenrohlinge zu ritzen. Am Ende des Prozess steht dann eine Kerze mit dem brennenden Dornbusch – ein biblisches Motiv aus dem Buch Exodus. Es erzählt die Geschichte, als Gott Mose in den Flammen des Dornbusches erschien und ihm den Auftrag erteilt hatte, das Volk Israel aus Ägypten zu führen.

Das war zu Beginn des Jahres, denn der brennende Dornbusch war 2018 der Kassenschlager aus der Werkstatt von Schwester Immaculata, die die Kerzenproduktion im Kloster Kellenried von 1963 an aufgebaut hat. Jedes Jahr ist es ein anderes Motiv. Für das kommende Jahr hat sie sich das Thema Friede ausgesucht – Motive dafür sind die Ostersonne, der Ölzweig oder auch die Friedenstaube.

Gleich hinter den Türen der Klausur rechts (dem Bereich, der nur dem Konvent vorbehalten ist) beginnt das Reich von Schwester Immaculata. Da werden aus blassen weißen Rohlingen kleine und große Kunstwerke geschaffen – alles in Handarbeit. Es sind Taufkerzen, Kommunionkerzen, Hochzeitskerzen und in der Zeit vor Ostern sind es hauptsächlich Osterkerzen, die hier bemalt werden. „Malen, das ist unsere Stärke“, sagt die Nonne und erwähnt ihre Mitarbeiterinnen, die ihr helfen. In der Osternacht wurden die Kerzen angezündet und brennen nun in den Gotteshäusern der Kirchengemeinden in Oberschwaben und in der ganzen Welt.

Etwa 500 Kerzen werden in der Werkstatt von Schwester Immaculata pro Jahr gefertigt. Es waren schon einmal mehr. Auch bei den Bestellungen schlägt sich nieder, dass es insgesamt immer weniger Pfarreien gibt, weil sie sich zusammenschließen. So bricht ein Hauptteil der Kundschaft weg: die Pfarrgemeinden, die hier vor allem ihre Osterkerzen bestellen. Die fertigen Produkte gehen vor allem in die Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg, aber auch in die ganze Welt: nach Tschechien, nach Frankreich, nach Finnland, aber auch bis nach Indien. Dort steht seit Jahren eine Kellenrieder Kerze am Grab der heiligen Mutter Teresa – etwas ganz Besonderes für das Team. „Der Kontakt nach Indien kam durch einen ehemaligen Priester aus der Diözese zustande, der schon seit vielen Jahren die Kerze bestellt“, berichtet sie. Es sei ein erhebendes Gefühl, wenn die eigenen Werke in die ganze Welt gehen. „Vor Ostern sage ich immer zu meinen Mitarbeitern: Jetzt stellen wir uns doch mal vor, dass in der Osternacht in so vielen Kirchen unsere Kerzen brennen“, sagt sie.

Durch Zufall zur Werkstatt

Schwester Immaculata ist eigentlich durch einen Zufall zur Kerzenwerkstatt gekommen. Ihre Mutter bestellte eine Hochzeitskerze, aber die damalige Schwester, die sich mit der Kerzenfertigung beschäftigt hat, sagte ihr in der Rekreation: „Das mach ich nicht mehr.“ Und so blieb der Schwester Immaculata nichts anderes übrig, als es selber auszuprobieren. Ihre Mutter erwartete, dass die Kerze gemacht wird. Sie machte sich an die Arbeit und gestaltete ihren ersten Entwurf: einen Lebensbaum mit Ringen, den sie heute noch schön findet. Das war dann der Startschuss für die Kerzenwerkstatt und die Arbeit von Schwester Immaculata, die sie heute noch mit Herzblut jeden Tag macht.

Alles musste sie sich selbst beibringen. Ihre Vorgängerin arbeitete nämlich hauptsächlich mit Wachs. Schwester Immaculata wollte aber nicht Wachs gestalten, sondern bemalen. Es brauchte seine Zeit, bis sie schließlich von einer Mitschwester einen Tipp bekam, für den sie noch heute dankbar ist: „Ich habe dann mit Schellack gearbeitet. Das ist das beste Bindemittel.“ Nach und nach begann sie dann die Werkstatt zu einem Erwerbszweig des Klosters aufzubauen, als man gemerkt hat, dass man mit den Kerzen auch Geld verdienen kann. Früher war in diesen Räumen auch die Stickwerkstatt untergebracht, die dann aber aufgegeben wurde, als die dafür zuständige Schwester gestorben ist. „Dann habe ich die Werkstatt bekommen. Jetzt habe ich die schönste Werkstatt des Hauses“, sagt sie.

Bezug zum Weltgeschehen

Die Kerzen aus der Kellenrieder Werkstatt sind nicht einfach nur Kerzen. Es sind Unikate, die alle eine bestimmte Geschichte erzählen. Und diese Geschichte ist für Schwester Immaculata wichtig. Sie will durch ihr Tun eine Botschaft transportieren. Über 100 Osterkerzenmotive hat sie schon gefertigt, viele mehr für die anderen Kerzenarten. Jedes einzelne Motiv ist mit Bedacht ausgewählt und hat einen Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. „Ich überlege jedes Jahr neu, was zurzeit wichtig ist. Zum Beispiel habe ich schon die Schrift ,Evangelii gaudium’ – also die Freude des Evangeliums – von Papst Franziskus gut studiert. Das heißt: sich freuen am Wort Gottes, und ich habe versucht, dieses Thema umzusetzen“, berichtet sie. Auch das Luther-Jahr habe sie sich überlegt umzusetzen. Wichtig sind ihr immer die liturgischen Symbole wie Taube, Fisch oder Baum. „Das sind die Ich-bin-Worte aus dem Johannes-Evangelium: ,Ich bin der Weg’, ,Ich bin die Tür’, ,Ich bin der Weinstock’“, erklärt Schwester Immaculata.

Für das Jahr 2018 hat sie den Dornbusch aufgegriffen – aus einem ganz bestimmten Grund: „Die Angst in der Gesellschaft ist so groß, dass ich mich entschlossen habe, etwas mit Vertrauen darzustellen und zu vermitteln. Und so kam ich zum Dornbusch aus Exodus 3,7. Dort steht die Osterbotschaft, die uns von Anfang an mitgegeben ist: Gott geht jeden Weg mit uns.“ Ein weiteres Motiv, das Schwester Immaculata ausgesucht hat, ist der Osterengel, der eine für sie besonders wichtige Botschaft in dieser Zeit transportiert: Erschreckt nicht, fürchtet euch nicht, er ist auferstanden. Daran knüpft auch das neue Friedensthema an. Jede Osterkerze aus Kellenried wird für den Frieden auf dieser so unruhigen Welt brennen.

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