Die Wurzeln von Kellenried liegen in Österreich

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Quelle: „Frauen, die das Leben lieben“, Oberschwäbische Verlagsanstalt Drexler & Co., Ravensburg, 2001

Die Faszination für das Klosterleben ist ungebrochen. Es ist so nah und doch den meisten Menschen so fern. Oberschwaben ist seit Jahrhunderten von den zahlreichen Klöstern geprägt worden. Die Klöster in Weingarten, Weißenau und Bad Schussenried sind nur wenige der klangvollen Namen, deren große Zeit aber schon lange Geschichte ist. Übrig sind in der nahen Region noch zwei lebendige Klöster: die Franziskanerinnen von Reute bei Bad Waldsee und die Abtei St. Erentraud in Kellenried, das zur Gemeinde Berg gehört. Letzterem widmet sich die „Schwäbische Zeitung“ in einer kleinen Serie in Texten, Bildern und Filmbeiträgen.

Die 19 Schwestern des Benediktinerordens zeigen sich der SZ sehr offen und gewähren selten tiefe Einblicke in ihr abgeschiedenes Leben. Mit Kamera, Stift und Block durfte die Zeitung hinter die Klausurmauern blicken, in den Bereich, der eigentlich den Schwestern allein vorbehalten ist. Warum entscheidet sich ein Mensch für ein Leben mit Gott, für ein keusches Leben weit weg von Szeneleben, Familie und Reisen? Und all das in einer Zeit der Kirchenaustritte, der leeren Kirchenbänke, einer säkularen Gesellschaft, einer Zeit der Medien, der Hektik, in der das Thema Sexualität allgegenwärtig ist. Wie lebt es sich als Nonne? Wie hat sich das Leben im Kloster verändert? Wie finanziert sich ein solches Leben?

In loser Folge wird die „Schwäbische Zeitung“ diesen Fragen nachgehen, die Geschichte abbilden und das Leben in Kellenried begleiten. Im ersten Teil geht es um die späte Neugründung des Klosters Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Beginn des Klosters

Hinter der Hopfenplantage erheben sich die zwei Kirchtürme des Klosters Kellenried. Sie scheinen aus dem Hügel zu wachsen, wenn man sich dem Bau mit dem Auto von Berg Richtung Fronhofen nähert. Die barocken Spitzen lassen eine jahrhundertealte, bewegte monastische Geschichte in Oberschwaben vermuten. Doch wer davorsteht, stellt schnell fest: Es ist nur eine barocke Anmutung, ergänzt durch Zweckbauten – denn das Kloster Kellenried ist gerade einmal 92 Jahre alt, ein Neubau unter den Klöstern der Region. Die Gründung der Abtei datiert auf den 7. August 1926, als die ersten Schwestern einzogen. Zum Vergleich: Das Kloster Weingarten wurde 1056 vom Welf IV. gegründet, das Kloster Weißenau im Jahre 1145 von Gebizo von Ravensburg.

Die Klöster waren einst große Wirtschaftsbetriebe, hatten politischen Einfluss, galten gar als Zentren der Macht – all das war das Kloster Kellenried nie. Zur Gründungszeit von St. Erentraud war die Säkularisation bereits wieder Geschichte. Aber wie kam es zu einer Klosterneugründung im 20. Jahrhundert?

Am Beginn von Kellenried stehen eine Leidensgeschichte und ein Zufall. Die Anfänge von St. Erentraud finden sich in Österreich. Genauer gesagt in Nonnberg bei Salzburg, dem ältesten deutschsprachigen Benediktinerkloster, aus dem die erste Gemeinschaft von Kellenried hervorgegangen ist. Nonnberg war eine überaus aktive Ordensgemeinschaft – gegründet vom heiligen Rupert, dem ersten Bischof von Salzburg, der das Kloster im achten Jahrhundert für seine Nichte Erentrudis erbaut hatte. Im Namen der Abtei in Kellenried taucht Erentrudis beziehungsweise Erentraud wieder auf und zeigt die Verbindung.

Eine Vielzahl an Neugründungen

Zur Blütezeit von Nonnberg gingen immer wieder neue Gemeinschaften aus dem Stammkloster hervor. Unter anderem das Kloster Gurk in Kärnten. Es wird von einer unfassbar großen Zahl junger Menschen berichtet, die es im 19. Jahrhundert in die Klöster zog. Die Äbtissin hoffte damals auf ein blühendes neues Kloster Gurk, die Gründungsgruppe wartete sehnsüchtig auf eine neue Zeit, die sich aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Qual für die jungen Schwestern herausstellte. Ein Leben in tiefer Armut, nicht zuletzt der Erste Weltkrieg und später eine Hungersnot beutelten die Benediktinerinnen. Von 1890 bis 1920 seien 21 Schwestern mit einem Altersdurchschnitt von 36 Jahren gestorben, heißt es in einer Chronik.

Ein Neuanfang musste her, denn die verbliebenen Nonnen wollten nicht in Gurk bleiben. Der Wunsch nach einem Ortswechsel war stark, wurde lange abgewiesen (denn alle Klöster gehörten zur Beuroner Kongregation), aber dann nach langen Verhandlungen der Priorin Scholastica und der Äbtissin von Nonnberg endlich erhört. Der Weg sollte die Schwestern von Gurk nach Oberschwaben führen, stammte der Abt von Seckau aus Riedlingen und kannte sich aus in der Region.

Zusammen mit dem Erzabt Raphael Walzer von Beuron stieß der Abt von Seckau bald auf ein Hofgut im kleinen Örtchen Kellenried. Dort wollte das kinderlose Ehepaar Marschall mit seinen zwei Pflegetöchtern das Hofgut samt Landwirtschaft verkaufen. Auch das Kloster Weingarten, das wie Nonnberg und später auch Kellenried zur Beuroner Kongregation gehörte, war damals an einem Kauf interessiert. Schließlich war es dann Bischof Paul Wilhelm von Keppler der Diözese Rottenburg, der einer Neugründung eines Frauenklosters in Kellenried zustimmte. 1923 schrieb die Priorin Scholastica aus Gurk an die Marschalls: „Wenn jemand sein Heim nicht mehr halten kann und nicht weiß, wo aus und wo ein, und es bietet ihm ein Wohltäter ein neues und liebes Heim aus dem Eigenen, so können Sie sich denken, wie dem zu Mute ist – und so ist es uns ergangen. Gott vergelte es.“

Herzog stiftete das Holz

Der Bauherr wünschte, dass sich der Neubau in die oberschwäbische Klosterlandschaft einfügt, und so entstand der Bau im Stile des Barocks. Im März 1923 starteten die Arbeiten, das Holz stiftete der Herzog von Württemberg, die Mönche von Beuron halfen mit und übernachteten im Kloster Weingarten und es gab auch viele Menschen aus der Region, die beim Bau unter die Arme griffen. Im Kloster Kellenried berichtet man noch heute von Besuchen damaliger Helfer, die von überallher kamen.

Am 7. August 1926 war es schließlich so weit und die geplagten Schwestern aus Gurk zogen in ihr neues Heim. Und eine neue Schwester war mit dabei: eine der Pflegetöchter der Marschalls, denen das Hofgut gehörte. Sie wurde auf den Namen Erentraud geweiht – wie die Nichte des Stifters von Nonnberg hieß und die Abtei Kellenried noch immer heißt. Priorin Scholastica aus Gurk war die erste Äbtissin von Kellenried.

Quelle: „Frauen, die das Leben lieben“, Oberschwäbische Verlagsanstalt Drexler & Co., Ravensburg, 2001

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