Was geschieht mit dem Archiv der ehemaligen Papierfabrik Stora Enso?

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Siegfried Kasseckert

137 Jahre hat die Papierfabrik Stora Enso die Geschichte und Geschicke der Gemeinde Baienfurt bestimmt. 2008 ging sie in Insolvenz, Hunderte von Beschäftigten verloren ihren Arbeitsplatz. Auf dem 30 Hektar großen Gelände entstand inzwischen ein sehr attraktiver Gewerbepark. 2018 hat die Gemeinde vier Gebäude der ehemaligen Fabrik erworben. In ihnen lagert das Archiv von Stora Enso, etwa 20 laufende Meter gelten als archivwürdig. Doch was damit geschieht, ist unklar und offenbar umstritten.

Im Mai 2018 hatte der Gemeinderat und Historiker Uwe Hertrampf (G+U) in einer Ratssitzung dafür plädiert, die Geschichte der Papierfabrik aufzuarbeiten. Das Thema sei für Baienfurt mindestens genauso wichtig wie die Geschichte der Kardel, jenes stacheligen Distelgewächses, mit dessen Hilfe Wollstoffe aufgeraut wurden und das lange Jahre in Baienfurt gewinnbringend angebaut wurde. Die Kardel bekam in Baienfurt sogar ein kleines, attraktives Museum. Die Geschichte von Stora Enso fand selbst im 2015 erschienenen Heimatbuch nur eine knappe Darstellung.

Jetzt befasst sich der Baienfurter Gemeinderat mit der Frage, was aus dem Stora-Enso-Archiv werden soll. Das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg und das Ravensburger Kreisarchiv haben das Material gesichtet. Und dann? Drei Möglichkeiten schlägt die Gemeindeverwaltung vor: Das Material – Schriften, Bilanzen, Geschäftsbücher, Verträge, Fotos – wird dem Wirtschaftsarchiv, einer Stiftung der Industrie- und Handelskammern und des Landes Baden-Württemberg, kostenlos überlassen, von diesem gereinigt, archivgerecht verpackt und in einer Datenbank verzeichnet. Zweite Möglichkeit: Der Aufbau des Archivs erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Kreisarchiv Ravensburg, und zwar im Kreisarchiv. Doch Aufgabe des Kreisarchivs ist nur die Orts- und Kreisgeschichte, nicht Firmengeschichte. Als dritte Möglichkeit sieht die Gemeindeverwaltung den Aufbau des Archivs in eigener Regie vor, vergleichbar dem Kardelmuseum im Neunerbeck. Dann müssten für das Archiv-Material, immerhin rund 20 laufende Meter, geeignete Räumlichkeiten gefunden und ein Archivar beauftragt werden. Dieser Lösung gibt die Gemeindeverwaltung den Vorzug. Ihr Vorschlag: das Kreisarchiv mit dieser Aufhabe zu beauftragen. Wo das Archiv eingerichtet werden soll und was das alles kostet, blieb offen.

Uwe Hertrampf begrüßte die Initiative der Gemeindeverwaltung. Baienfurt sei das seltene Beispiel eines schon im 19. Jahrhundert industrialisierten Dorfes. Es sei wichtig, in der Zeit der Globalisierung zu dokumentieren, „woher man kommt“. Hertrampf regte an, das alles einmal in einer Ausstellung zu zeigen. Auch Brigitta Wölk (SPD) setzte sich dafür ein, das Archiv der Stora Enso in der Gemeinde zu belassen. Artur Kopka (CDU) meldete Bedenken an. Er wies auf die Folgekosten hin. Die Gemeinde müsse einen Archivar beschäftigen und die Raumfrage klären. Die jetzigen Räume sind ungeeignet, feucht und kaum beheizbar. Andrea Arnhold (CDU) fand, Stora Enso sei ein „Teil unserer Geschichte, unserer Identität“. Das Archiv gehöre zu Baienfurt. Schließlich billigte das Gremium einen Antrag Artur Kopkas, die Entscheidung zu vertagen. Inzwischen soll geklärt werden, wie hoch die Folgekosten sein werden und wo das Archiv untergebracht werden könnte.

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