Schöner Sterben ohne Totstellreflex

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 Die schwarzen Heinzelmännchen sprechen aus, was Herrn Becker (links, Klaus Schulz in Unterhose) und seiner Gattin (liegend, And
Die schwarzen Heinzelmännchen sprechen aus, was Herrn Becker (links, Klaus Schulz in Unterhose) und seiner Gattin (liegend, Andrea Harreiter) angesichts des baldigen Todes durch den Kopf schwirrt. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Man nehme: Einen außergewöhnlichen Spielort, ein grandioses Ensemble und inszeniere eine unbequeme Idee – schon hat das Theater-Publikum allen Grund, nach Baienfurt in Mützels Scheune zu pilgern. Dort haben sich Regisseurin Daniela Jakob und ihr Ensemble selbst übertroffen: Mit dem Stück „last minute“, einer sozialkritischen Schau auf ein ebenso präsentes wie privates Thema: Den Tod.

Dem begeisterten Premierenpublikum am vergangenen Freitag jedenfalls war anzumerken, dass sich eine stehende Ovation fast nicht gehört - wenn allenthalben gestorben wird.

Leben leuchtet vor dem Hintergrund des Todes

„67 plus drei“, das ist der Renner. Die Massen stehen Schlange vor der Klinik, alle wollen sich den neuen Chip implantieren lassen, der dafür sorgt, dass mit 70 das Ableben sozialverträglich, sauber und planbar über die Bühne geht. Kein Siechtum, keine Pflegeheime mehr – sondern die Seniorenabtreibung, den schönen Tod. Dafür sorgt die Ritualdesignerin, die den Sterbetag zu einem Fest machen kann. Dabei hilft ein Workshop zur Lebens-Verarbeitung, in dem von der Krebspatientin bis zur Singlefrau alle Teilnehmer lernen: Nur vor dem Hintergrund des Todes beginnt das Leben zu leuchten. Und netter ist es sowieso, schön und nicht verwelkt im Sarg zu liegen.

Das ist das Szenario, das Daniela Jakob ihre 19 Spielerinnen und Spieler zeichnen lässt und in das sie kongenial die skurrilsten Effekte einflicht: Da singt der aufgerüschte Schlagerstar (Joachim Heller, bemerkenswert als Sänger wie als Sensenmann) Udo-Jürgens-Klassiker oder Gloria Gaynor. Schwarze Heinzelmännchen plappern gänzlich schambefreit all jene Unartigkeiten heraus, die durch unser aller Köpfe vagabundieren. Und doch schimmern schon die niedrigsten Instinkte und bald darauf das verzweifelte Festhalten am Leben durch. Der Computerspezialist (Robert Amann) macht sich heimlich daran, den Chip zu knacken. Wer kann, der nimmt jeden lebenszeitverlängernden Job an. Da ist sich Frau nicht einmal als Putzhilfe in einem Swingerclub zu schade. Der Generalmajor (Wolfgang Rittmann, herrlich nörgelnd) will lieber noch eine Niere spenden anstatt abzuleben. Und als beim Abschiedsfest von Herrn Schönfeld (Jochen Welte mit unübertroffener Mimik) der Chip nicht pünktlich das Lebenslicht ausbläst, da gerät die prima Party prompt außer Kontrolle.

Als schließlich die kluge Mutter (eine auch im echten Leben wunderschöne Barbara Roth) dreier Mädchen überlegt, anstatt sittsam mit 70 abzutreten doch lieber in Afrika ihren Lebensabend verbringen zu wollen, da geraten die bald Hinterbliebenen ordentlich in, nunja, emotionale Seenot. Die furchtbar gefährliche Reise durch Italien, über das Mittelmeer, nach Libyen und durch die Wüste schreckt die zum Chip-Out Verdammte nicht. Denn in Nigeria wartet das Leben. Nicht zuletzt bei dieser intelligenten, brisanten Wendung ist zu spüren, dass sich die Theatergäste immerzu fragen, ob die feinen Nadelstiche und offensichtlichen Seitenhiebe einen erschrockenen Gluckser oder gar ein scharfes Lachen erlauben.

Irgendwann stehen Museumsbesucher am Sterbebett eines Menschen, der röchelnd und stöhnend sozusagen „retro“ ablebt – und man spürt genau das, was Daniela Jakob einen ihrer Spieler sagen lässt: „Sterbende sind emotional anstrengend, in der Schlussphase.“ Der Zuschauer schämt sich dafür. Und wird doch aufgestört, schüttelt versonnen den Kopf über die Alternative, die das Stück anbietet. Und weil die Theatergruppe des Kulturvereins Manufaktur nicht bloß ein Stück auf die Bühne bringt – sondern einen unerzogenen Erlebnisabend bieten will, deshalb weist ein Schild vor der Scheune nicht zur Bühne sondern den Weg zum „Bestattungsinstitut Transita“. Es stehen Grablichter, liegen Flyer zum Thema „Schöner Sterben“ aus und ein Kondolenzbuch. „Was würden Sie gerne noch erleben?“ fragt dort das Ensemble. „Meine Enkel“ hat einer der Premieren-Zuschauer niedergeschrieben.

Bevor sie nach fast drei Stunden nach Hause gehen, schütteln die 140 Premierengäste den zeitweise fast greifbaren Totstell-Reflex ab und lassen die Scheune dann doch noch ordentlich wackeln. Der Applaus ist nicht euphorisch und enthemmt wie nach einem lauten, lustvollen Konzert. Vielmehr nachdenklich und voller Hochachtung. Für eine tief gehende Inszenierung, die nicht grell aber gewaltig und großartig daherkommt.

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