Moderne Krippe sorgt in Baienfurt für Kontroversen

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Siegfried Kasseckert

Kurt Tucholsky wurde einmal gefragt: Was darf die Satire? Seine Antwort: Die Satire darf alles. Tucholskys Monitum kommt einem in den Sinn angesichts der neuen Krippe in der Blauen Kirche zu Baienfurt. Was darf die Kunst?

Darf eine Bildhauerin entgegen der biblischen Botschaft, die man bei Lukas liest, die Krippe, in der das Jesuskind lag, einfach weglassen und stattdessen eine Mutter Maria schnitzen, die ihr Kind innig umarmt und am Herzen trägt? Darf eine moderne Künstlerin den vielbeschworenen Stern von Bethlehem einfach weglassen und stattdessen einen Krippen-Hintergrund präsentieren, in dem (Südtiroler) Tannenbäume dominieren und das ganze Ambiente in ein goldenes Licht gehüllt ist, ein Licht, das einen fast blendet?

Ja, doch, das darf eine moderne Künstlerin. Die neue Baienfurter Krippe, links vor dem Chor der Blauen Kirche platziert und auch am späten Nachmittag beleuchtet, stammt von der Südtiroler Künstlerin Heidi Leitner. Die 1968 in Brixen/Italien geborene Künstlerin hat mit ihrem schlichten, eigenwilligen Stil vor allem mit religiösen Arbeiten mehrere Jury- und Publikumspreise gewonnen. In ihrem profanen Werk nimmt die Darstellung des Menschen, besonders des alten, in alltäglichen Situationen einen großen Rang ein.

Josef erinnert an einen Senn von der Alm

Heidi Leitner arbeitet meist mit Holz, kombiniert mit Kupfer und Messing. Wichtig ist ihr die Verwendung von Blattgold und Blattsilber. Sie hat ihre Arbeiten auch vielfach international gezeigt. So in den USA und China, in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz.

Leitner lebt auf einem Bauernhof mit Tieren in der Abgeschiedenheit hoch oben in Südtiroler Bergen. Die Einfachheit dieser Menschen hat sie unverkennbar verinnerlicht. Der Josef zum Beispiel, der den Esel am Seil führt, kommt daher wie ein Senn von der Alm.

Seit einem Jahrzehnt wurde im Baienfurter Kirchengemeinderat immer wieder das Thema diskutiert, welche Krippe zum Stil der expressionistischen Kirche mit den Fresken von Alois Schenk passen könnte. 2018 wurde ein Krippenausschuss mit Pfarrer Bernhard Staudacher, der auch Kunst studiert hat und seit langem künstlerisch tätig ist, und dem früheren Rektor Konstantin Hummel gegründet.

Man fand schließlich die Südtiroler Bildhauerin Heidi Leitner, besuchte sie in ihrem Atelier und war „voll überzeugt, dass ihr künstlerischer Stil den Innenraum unserer Kirche hervorragend ergänzt“, wie Bernhard Staudacher in einem Flyer schreibt. Die Bildhauerin arbeitete von April bis Oktober 2019 an der Baienfurter Krippe und gab ihr den Titel „Die unendliche Liebe“. „Ich bin stolz, für eine so großartige Kirche eine Weihnachtskrippe zu schaffen. Ich werde diese Aufgabe mit großer Ehrfurcht und Liebe machen“, wird die Künstlerin im Flyer zitiert.

Umstrittenes Kunstwerk

Vor vielen Jahren, als in Baienfurt ein heute längst akzeptierter „Volksaltar“ vor dem Chor der Kirche aufgestellt wurde, gab es eine heftige Debatte über Sinn und Unsinn eines so ungewohnten „Mobiliars“. So heftig werden die Gegensätze diesmal gewiss nicht aufeinanderprallen.

Gleichwohl ist das Kunstwerk, wie alles, was zu diesem Genre gehört, nicht unumstritten. Zwei ältere Damen, die sich zum gemeinsamen Gebet in der Kirche treffen, finden, die grobe Schnitzerei entspreche ihrem Bild von einer Krippe ganz und gar nicht. Spenden würden sie dafür jedenfalls nicht. Auf Spenden zur Finanzierung der Krippe ist die Kirchengemeinde aber angewiesen, denn nach den Richtlinien der Kirche dürfen Krippen nur mit Spendengeldern finanziert werden, was eigentlich niemand versteht.

Man kann sogar eine Patenschaft für eine Krippenfigur übernehmen. Ein junges Paar, das vor der beleuchteten Krippe steht, reagiert ganz anders als die beiden älteren Damen: Eine wunderbare Arme-Leute-Krippe sei das, passend in unsere Zeit und in die Kirche – einfach toll, erklären die beiden.

Schlecht präsentiert

Die sieben Krippenfiguren sind aus Zirbelkiefer geschnitzt, jeweils etwa 33 Zentimeter hoch, Ochs, Esel, Kamel und vier Schafe ebenfalls aus Zirbelkieferholz, zwei Gänse aus Lärchenholz. Die Präsentation der Krippe lässt freilich zu wünschen übrig. Das Gemälde des Pius-Altars wurde einfach zugehängt, der dunkelrote Faltenvorhang unter der Krippe mag auch nicht so recht passen. Links neben den Altar gestellt, böte die Baienfurter Krippe sicher ein noch besseres Bild.

Auch zur Symbolik der Krippe gibt es einen Flyer, in dem man zum Beispiel lesen kann, dass Ochs und Esel Harmonie und Lebenskraft bringen und Bäume für Heilung stehen. Bis Mariä Lichtmess (2. Februar) kann die Baienfurter Krippe besichtigt werden. Lichtmess ist das Fest, das an die Darstellung Jesu im Tempel erinnert.

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