Mit Elvis-Schmelz und Robbie-Angebertum zum Glück

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 Beim Gemeinschaftssingen können alle mitmachen.
Beim Gemeinschaftssingen können alle mitmachen. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

„Aus voller Kehle für die Seele“, heißt das Mitmach-Programm von Patrick Bopp, mit dem er am Hoftheater hier in der Region am Mittwochabend eine Premiere gefeiert hat. Dieses Format – das Verabreden zum gemeinsamen Singen – wird fortan hoffentlich häufiger Station machen. Das wünschen sich zumindest die geschätzten 130 Sängerinnen und zehn Sänger, die nach einem lautstarken Abend sich selbst und dem musikalischen Moderator und Pianist üppigen Applaus spendeten. Für die SZ hat Barbara Sohler ihr kümmerliches Talent eingebracht und sich selbst versucht.

Ich mache ein Gesicht wie ein Kuh, lache wie eine Hexe und jammere das schwäbische Lamento „auweh – ahwa- hawoisch“. Alles, um die Stimmbänder geschmeidig und den Kiefer locker zu machen. Und weil es Bopp ganz schambefreit vormacht und alle um mich herum mitmachen. Lachend erst und ein bisschen irritiert. Aber nach nicht einmal zehn Minuten sind alle Kehlen auf Betriebstemperatur und die Hemmungen beim Teufel. Und bescheren uns – uns! So schnell geht Kollektivbildung beim Singen – als Chor den ersten Gänsehautmoment bei „I am sailing“. Ich höre mich „Rrrrote Lippennn soll man küssennn“ schmettern und bei Cohens „Hallelujah“ einen gerührten Schluchzer unterdrücken. Und Udo Jürgens wird mir als Sing-Beginner plötzlich hoch sympathisch – einfach weil er Ohrwurm-Songs produziert hat.

Wer textlich nicht sicher ist, der hält den Blick einfach immer nach vorn auf die Theater-Bühne gerichtet – da wirft ein Beamer alle Liedtexte an die Leinwand. Der einnehmenden, teambildenden Situation aber kann sich tatsächlich Niemand entziehen: Der junge, etwas verkrampft wirkende Mensch hinter mir nicht, der augenscheinlich der Freundin zuliebe hier ist. Meine Begleiterin nicht, die mehrfach betont hatte, überhaupt nicht singen zu können und sich auch nicht exponieren zu wollen. Und auch Salka Boettcher, die Hausherrin im Hoftheater, nicht. Deren Augen funkeln noch mehr als sonst, als sie in der Pause die leeren Gäste-Gläser abräumt und dabei schwärmt, wie sehr sie das Singen genieße. Und dass es schließlich so leicht und beinahe selbstverständlich geht, dieses Fließen lassen der Stimme, das liegt zum größten Teil an der unverkrampften Motivation von Patrick Bopp, der vorsingt, am Klavier in die Tasten haut und uns auf wundersame Weise alle Scheu nimmt.

Haben wir uns bei den ersten Liedern noch etwas verhalten an „Hänschen klein“ und schon alberner werdend am Pippi-Langstrumpf-Song versucht, so sind wir schnell laut beim Lagerfeuer-Romantik-Klassiker „Country Roads“ und grölen anschließend vielstimmig Skandal-Rosis Telefonnummer durchs Hoftheater. Wir lernen mit Elvis-Schmelz zu knödeln, das Angebertum in Robbie-Williams‘ Stimme zu imitieren und auch, dass es ein Backgroundsängerinnen-Gesicht gibt. Langsam fällt alle Zurückhaltung. Zumindest bei mir. Ich sehe mich den Kopf in den Nacken werfen, beim flehentlichen „Hey Jude“-Refrain und traue mich, auch mal eine zweite oder dritte Stimme zu singen, wie Bopp vorschlägt. Wie ich das mache? Keine Ahnung. Aber im Chor und der wohlwollenden Atmosphäre, in der Jeder Jeden anlächelt, mit offenem Mund, da wachse ich über mein kümmerliches Talent hinaus.

Beim letzten Jürgens-Schlager entscheide ich mich sogar für die etwas angeschickerte Harald-Juhncke-Version, die „Ich-a war-a noch niemals in-a New York“ ein leichtes Lallen verpasst. „Eine tolle Idee“ bescheinigt meine offensichtlich gar nicht so unbegabte Freundin zum Ende des Sing-Abends. Und zwar nicht meiner Gesangseinlage sondern dem Initiator Patrick Bopp. Und eine ganz und gar nicht repräsentative Umfrage unter ein paar Sängerinnen ergibt: Das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Und es fühlt sich wahrlich ein bisschen an wie Sauna für die Seele: Gesund und warm. Lediglich ein paar mehr Männer und die entsprechenden Stimmen täten Not, frei nach dem Motto „Ohne Bass – weniger Spass“. Aber am 10. März kommt Partick Bopp ja wieder. Ins Hoftheater. Zum so wahnsinnig glücklich machenden Gemeinschaftssingen.

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