Künstlerin auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

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 Christiane Lehmann (vorne) in ihrer Ausstellung im Rathaus Baienfurt
Christiane Lehmann (vorne) in ihrer Ausstellung im Rathaus Baienfurt (Foto: Elke Obser)
Siegfried Kasseckert

Die Ausstellung dauert bis 12. April. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 12.15 Uhr, Montag 14 bis 16 Uhr, Donnerstag 14 bis 18 Uhr.

Wer zum Eingang des Baienfurter Rathauses eilt, entdeckt von außen ein Schriftband besonderer Art. Da ist die Rede von einem „Akt der Auflehnung gegen den Sündenfall und einem Willen, den adamischen Zustand im Garten Eden wiederzuerlangen“. Ein Aufruf zur Suche nach dem Paradies, also das im Technik-Wahn unserer Zeit verlorengegangen ist. Dieses Schriftband weist auf eine ganz und gar ungewöhnliche Ausstellung im Baienfurter Rathaus hin. Unter dem eher wenig sagenden Titel „Inside & Outside“ (deutsch: Innen und Außen) lädt die in Wilhelmsdorf lebende Künstlerin Christiane Lehmann zu einer Werkschau ein, welche die Widersprüche und Grenzbereiche zwischen Natur, Technik und Menschsein zum Thema hat. Eine schwierige, rätselhafte Ausstellung, aber überaus wert, sich darauf einzulassen.

Christiane Lehmann (Jahrgang 1954) lebt mit ihrem Mann, einem pensionierten Arzt, seit Jahrzehnten in Wilhelmsdorf, wo sie auch das vielbeachtete Projekt Landart Ried ins Leben rief. Die Künstlerin ist promovierte Zahnärztin. Doch Kunst sei schon immer ihr Leben gewesen, sagt sie. Und so hat sie Kunst mit Schwerpunkt Bildhauerei an der privaten Hochschule Alanus nahe Bonn studiert und war dort bis 2011 Meisterschülerin. Ihre Vita verzeichnet eine Fülle von Ausstellungen, auch im Ausland, und zahlreiche Beteiligungen. Installationen und Objektkunst bilden eigentlich ihre Schwerpunkte. Doch in Baienfurt beschränkt sich Christiane Lehmann weitgehend auf Arbeiten auf Papier und Leinwand und einige wenige Keramiken.

Gast von renommiertem Museum

Bei der Vernissage am Freitagabend gab der Leiter des renommierten Museums Villa Rot in Burgrieden, Marco Hompes, eine Einführung. Hompes zitierte zu Beginn einen Satz des französischen Dichters Charles Baudelaire, der wie ein Motto über Christiane Lehmanns Werk stehen könnte: „Ich habe mich damit begnügt zu fühlen“. Es wäre schön, bemerkte der Redner, wenn wir uns in dieser technisierten und digitalisierten Welt wieder mit dem Gefühl begnügen könnten. Marco Hompes verglich Lehmanns Werk mit einem geschlossenen Briefumschlag, von dem man nicht weiß, was darin ist.

Was in Lehmanns Werk zwischen Abstraktion und Figürlichem changiert, bezieht immer wieder auch das Bild des Menschen ein, rudimentär zwar, aber zu erahnen. So taucht schemenhaft eine Figur auf („Tag vier“) oder der Umriss eines Kopfes in einem feinen, zweiteiligen, ganz aus dem Weiß gearbeiteten Bild. „Transformation of Energy“ nennt die Künstlerin ein großformatiges Werk, das ihre Auseinandersetzung mit der Digitalisierung dokumentiert. Immer wieder huldigt sie unserer schönen floralen Welt; es sind dies Arbeiten, die dank ihrer dekorativen Kraft am leichtesten verständlich erscheinen, Bilder voller Poesie. Aber Christiane Lehmann ist auch eine politische Künstlerin. Aus dem Bassin im Foyer ragt ein Drahtständer, in dem blutige Fische aus Ton hängen, ein Menetekel gegen das massenhafte Fischsterben in plastikverseuchten Gewässern. Ja, Christiane Lehmanns Rückbesinnung auf den Garten Eden ist alles andere als harmonisch.

Vieles bleibt geheimnisvoll und mythisch

Vieles in diesem Werk bleibt rätselhaft, geheimnisvoll, mythisch. Das alles lässt sich möglicherweise nur so erklären, wenn man weiß, dass die Künstlerin auf Reisen in die Mongolei und zu den Indianern Nordamerikas immer wieder Reste von Lebensformen gesucht hat, die noch verwurzelt sind in Naturrhythmen und die in ihren Ritualen das Geheimnis der Natur verehren, wie Christiane Lehmann einmal schrieb.

Der Kuratorin Dorothee Schraube-Löffler ist es jedenfalls gelungen, eine bedeutende Ausstellung zu organisieren. Zwei weitere sollen dieses Jahr im Rathaus noch folgen, wie Bürgermeister Günter A. Binder mitteilte. Binder stellte in einem Grußwort die Frage: „Wer verliebt sich schon in ein Gewerbegebiet?“ Seine Antwort: „Wenn man einen Menschen begeistern will, muss man ihn auf der emotionalen Ebene erreichen“.

Das glückte jedenfalls der Percussions-Gruppe des Musikvereins Baienfurt unter Leitung von Thomas Kramer. Die sieben Buben rissen ihr Publikum zu stürmischen Beifall hin. Große Klasse!

Die Ausstellung dauert bis 12. April. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 12.15 Uhr, Montag 14 bis 16 Uhr, Donnerstag 14 bis 18 Uhr.

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