„Es laufen immer noch zwei Welten parallel“

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Siegfried Kasseckert

In Baienfurt leben zurzeit noch 147 Geflüchtete, davon allein 117 in Eigentumswohnungen der Gemeinde oder in privat vermieteten Wohnungen. Wie mühsam und langwierig Integration ist, darüber berichteten jetzt im Gemeinderat die Integrationsmanagerin Ramona Lock von der Johanniter Unfallhilfe und Andreea Marian, Flüchtlingsbeauftragte der Gemeinden Baienfurt und Baindt. „Es laufen immer noch zwei Welten parallel“, zog Uwe Hertrampf, Fraktionssprecher der Grünen und Unabhängigen, am Ende Bilanz.

Andreea Marian, seit einem Jahr im Amt, konnte eine beeindruckende Liste von Aktivitäten und Planungen präsentieren. Eine Liste, die FWV-Sprecher Richard Birnbaum zu der Bemerkung veranlasste, dass „es wahnsinnig ist, was hier bei uns geleistet wird“. Zielgruppe sind vor allem Frauen. Für geflüchtete Frauen ohne Kinderbetreuung gab es einen Sprachkurs und ein Frauen-Café. Putzaktionen, Infos zur Müllentsorgung und Mülltrennung sowie die Koordination der Ein- oder Auszüge aus kommunaler Anschlussunterbringung, Hilfe bei der Wohnungssuche, die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen und Helferkreisen stehen ebenfalls auf der Agenda.

„Leben und Lieben in Deutschland“

Jungen Afghanen wurde sogar eine Art von Sexualkunde-Unterricht zum Thema „Leben und Lieben in Deutschland“ angeboten. Die Planungen für dieses Jahr umfassen unter anderem ein Zuckerfest, wie es am Ende des Ramadan Tradition hat, ein Frauenfrühstück, einen Verkaufsstand beim Baienfurter Marktplatzfest und einen Unterstützungskurs in Deutsch für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Ramona Lock, seit Anfang 2018 in der Gemeinde Baienfurt mit dem Integrationsmanagement im Zusammenhang des Paktes für Integration Baden-Württemberg beauftragt, teilte mit, dass sie allein im vergangenen Jahr 423 Beratungsgespräche mit Geflüchteten geführt hat. Auf die Frage, was denn die Hauptprobleme seien, nannte Lock Sprache und Anpassung in der Schule. Letztere sei schwierig, wenn in einer Klasse die Hälfte aus fremdsprachlichen Kindern besteht.

Was denn möglich sei, um Abschiebungen zu verhindern, wollte Artur Kopka (CDU) wissen. Lock empfahl, im laufenden Asylverfahren eine Ausbildung zu beginnen. Denn Personen, die sich in einem Arbeitsverhältnis befinden, könnten eine Duldung erreichen. Sprache spiele bei fremdsprachlichen Kindern an der Achtalschule eher eine zweitrangige Rolle, versicherte Gemeinderat Werner Fürst (CDU), Konrektor der Achtalschule. Die Schule biete zwei Vorbereitungskurse an. Das größere Problem heiße Verhaltensveränderung. Daran müsse außerhalb der Schule weitergearbeitet werden – durch direkte Kontaktaufnahme mit den Familien.

Die meisten Initiativen betreffen Flüchtlings-Frauen. Was denn gemeinsam mit den Männern geplant sei, wollte Rainer von Bank (FWV) wissen. „Wir möchten an die Familien ran, aber das geht nur langsam. Zuerst sollen sich die Frauen der Flüchtlinge kennenlernen“, so Marian, deren Eltern aus Rumänien kommen. Ein Problem sei auch die Beteiligung der Einheimischen. Marian testierte den Geflüchteten allerdings auch: „Bei den meisten ist der Wille da zu lernen“.

Uwe Hertrampf meinte, man müsse versuchen, die Geflüchteten ins Vereinsleben zu integrieren, am leichtesten wohl im Sport. „Bei den Älteren ist das schwierig“, entgegnete Marian. Am Ende resümierte Bürgermeister Günter A.Binder: „Alles läuft hier sehr gut“.

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