Eine poetische Begegnung mit Charme und Tiefe

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Konstantin Ischenko (links) und Yoed Sorek sind gemeinsam im Speidlerhaus in Baienfurt aufgetreten.
Konstantin Ischenko (links) und Yoed Sorek sind gemeinsam im Speidlerhaus in Baienfurt aufgetreten. (Foto: Claudia Perugino)
Wolfram Frommlet

Im Jüdischen Museum Hohenems ist soeben eine Ausstellung mit dem Titel „Ende der Zeitzeugenschaft?“ eröffnet worden. Es gibt kaum noch Überlebende der Shoah, die in Schulen gehen können, zu historischen Tagungen. Dies gilt auch für Zwangsarbeiter, Sinti und Roma. Es bleiben Dokumentarfilme, Radio-Interviews und Literatur, die sie selbst geschrieben haben. Wie Victor Klemperers Tagebücher. Eine ganz besondere Form, über die Shoah zu berichten und Zeitzeugen-Oralität zu bewahren, ermöglichte am Abend vor der Reichspogrom-Nacht das Baienfurter Speidlerhaus-Team in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung und dem Denkstättenkuratorium in Weingarten. Eine großartige Kombination.

Eine berührende Antwort auf die Frage des Jüdischen Museums Hohenems hatte der in Augsburg lebende Sänger und Erzähler Yoed Sorek. Er erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte sei-ner 1924 im Jiddischen Schetl von Wilna geborenen Großmutter und damit auch die Kultur der litauischen, vor allem der städtischen Juden. Sie überlebte, im Gegensatz zur Mehrheit im Wilnaer Ghetto und in ihrer Familie, das Arbeitslager und die anti-semitischen Gewaltorgien jener Litauer, die sich den deutschen Faschisten „anboten“. Ihr und ihrem Mann gelang die Flucht nach Palästina. Dort wurde ihr Enkel Yoed geboren, dort hörte er ihre Geschichte. Geschichten. Denn sie hatte nicht nur das Grauen im mentalen Gepäck, sondern auch das, was den litauischen wie den deutschen Faschisten nicht gelungen war zu zerstören: Die jiddische Sprache, das jiddische Liedgut und mit ihm auch Riten und Feste. „Sie war keine religiöse Frau. Es gibt religiöse und es gibt freie Menschen, sagte sie. Sie gehörte zu den ‚freien‘, bezog aber dennoch ihre Identität aus dem Judentum“, sagt ihr Enkel, der bewegende Auszüge aus ihren vergriffenen Erinnerungen liest.

Sie hatte das jiddische Liedgut im Gepäck

Statt diese neu aufzulegen, gelingt ihm eine ganz wundervolle und wohl ziemlich einmalige Ergänzung: Er schreibt ihre Lieder nieder, er studiert sie mit all ihren musikalischen und sprachlichen Feinheiten und Stimmungen. Er entdeckt Leiden und Freude, Trost, Zärtlichkeiten und Träume, Sehnsüchte in den kleinen emotionalen Ausbrüchen.

Ohne Sentimentalität und folkloristische Süßlichkeit

Yoed Sorek singt diese Lieder mit hauchzarten Pianissimi, mit glasklarer Kopfstimme und anrührenden Sentiments, und vermeidet durch minutiöse Forti jede Sentimentalität und folkloristische Süßlichkeit. So wurde in diesem Milieu gescherzt und geweint, getröstet und versöhnt und vielleicht auch ein bisschen „erzogen“.

Und dann müssen sich zwei Musiker getroffen haben, die aufeinander gewartet hatten, was einen Glücksfall bedeutete für die „Schetl-Kultur“, die die oft akademisch gebildeten Herrenmenschen hofften, durch die Kamine zu jagen: Yoed Sorek traf Konstantin Ischenko, der mit seinem Akkordeon aus St. Petersburg im Westen gelandet war. Es entstand eine lyrische, eine poetische Begegnung mit Charme und Tiefe, mit kleinen, sensiblen und gelegentlich mit größeren Gesten und Respekt für einander.

Wichtiger als eine Zugabe die sehr persönlichen Sätze, man kann auch sagen Gefühle, von Yoed Sorek, dem Israeli, am Schluss. Zum Wahnsinn von Halle. Der an anderen Orten ja auch geschehe. In Israel habe er gelernt, dass die Angst dazugehört. „Sie schützt uns. Mit ihr spüre ich, etwas stimmt nicht.“

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