Beste Unterhaltung für Ohr, Auge und Hirn

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Kein Hardcore-Rocker, kein Softie, eher dosiert intellektuell und deshalb anregend: Michael Krebs singt, spricht und spielt geni
Kein Hardcore-Rocker, kein Softie, eher dosiert intellektuell und deshalb anregend: Michael Krebs singt, spricht und spielt genial Klavier. (Foto: dls)
Dorothee L. Schaefer

Ein voll besetztes Hoftheater zum Konzert „Michael Krebs – live“. Dabei ist er nicht zum ersten Mal hier, einige eingefleischte Fans kommen auch diesmal wieder. Und nach gut zwei Stunden Programm könnte es für viele auch noch weiter-gehen - das Publikum fühlt sich eindeutig wohl mit ihm.

Eine analoge Unterhaltung gegenüber den digitalen Anfechtungen unserer Zeit: Das ist das Musikkabarett des 45-jährigen Michael Krebs. Der ist gebürtig aus Schwäbisch-Hall, hat Verwandtschaft in Oberschwaben, ein Jazzklavierstudium an der Musikhochschule in Hamburg absolviert und lebt seit Längerem in Berlin. 1998 erhielt er seinen ersten Preis, danach elf weitere, 2017 gewann er den Kleinkunstpreis Baden-Württemberg. Ein Vollprofi, der in verschiedenen Bands spielte und noch eine eigene hat, aber vor allem als Solist mit dem Piano etwa einhundert Mal im Jahr in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland auf Kleinkunstbühnen gastiert. Denn die Sprache ist eminent wichtig bei ihm, trotz Pianokunst und Stimmumfang. Krebs schreibt seine Lieder selbst, manche haben inzwischen Kultstatus erreicht, alle zwei Jahre wechselt sein Programm.

Um was geht’s? Na, um was schon, um Beziehungen, Realität, Erfolg – und das Gegenteil all dessen, was sich bei Krebs in dem Slogan „An mir liegt’s nicht“ kondensiert hat. Mit dem macht er inzwischen sogar gute Merchandising-Geschäfte, denn, mal ehrlich, der passt doch immer, oder? Diesmal beginnt er mit einem Song über die Auswüchse des Digitalen, "Unbekannter Fehler", und der Pianist sitzt am Klavier und lässt es gestisch zu einem halben Automaten werden und seine rechte Hand in immer gleicher Wiederholung einer Tonfolge zu einem Update-Fehler. „Wenn Du ein Publikum hast, das hinschaut und zuhört, dann weißt Du mit Sicherheit, dass Du nicht weit gekommen bist", ätzt er gegen den Ersatz von Realität durch das Smartphone. Da ist es nicht weit zu Twitter und 140 Zeichen, auf die jede Geschichte eingedampft oder das Wesentliche in einer dreizeiligen Kurzfassung über dreistündige Filme wie "Titanic" oder Epen wie die "Odyssee" gesagt werden kann.

Von manchem Nonsens-Lacher zappt er zu tiefgründigen oder schnellen politischen Sarkasmen ("Trump, ein Komiker ohne Ausbildung"), über die Wirkung von Gospelmusik, klare Ansagen beim Sex und Paartherapie zu einem Protestlied gegen "Lügenwetter, Lügenpizza, Lügeneltern". Oder er singt die gereimte Einladung zu einem Seniorenabend in einem Gemeindezentrum. Er hat einen guten Witz und eine tolle Begabung für das Klavier, auf dem er alle Stimmungswechsel schattiert, weit über eine Begleitung oder Untermalung hinaus, denn auch ohne seine Stimme trägt es immer allein.

Mit seinem Stimmumfang und einem vielseitigen Timbre kann er auch vokal alles machen, aber seine Texte kommen immer klar an. In den Zwischenmoderationen sucht er die Interaktion mit dem Publikum, veranstaltet ein Wunschkonzert aus den in der Pause abgegebenen Stimmzetteln, jault "Atemlos", ersetzt die Mundharmonika in "Spiel' mir das Lied vom Tod" mit einer Mischung aus Maunzen und Heulen. Eine der Zugaben "Das Mädchen ... von den Jungen Liberalen" ist noch eine vielteilige Abrechnung mit sämtlichen politischen Parteien und zugleich vielleicht mit dem Feminismus, denn seine Aufgabe sieht Krebs darin, „Trost zu spenden", aber wie der Trost zu verstehen ist, das muss jeder selbst zwischen den Zeilen lesen.

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