Wurzacher Ried fürs Europadiplom gerüstet

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Horst Weisser (Mitte) mit der Expertenrunde im Wurzacher Ried.
Horst Weisser (Mitte) mit der Expertenrunde im Wurzacher Ried. (Foto: Mathias Broghammer)
Redakteur Bad Wurzach

Das Europadiplom ist eine Auszeichnung des Europarates in Straßburg. Es ist ein Gütezeichen und wird Schutzgebieten verliehen, die wegen ihres ökologischen, wissenschaftlichen, kulturellen oder Erholungswertes von besonderer europäischer Bedeutung sind. In Baden-Württemberg gibt es zwei Gebiete mit Europadiplom (Wurzacher Ried und Wollmatinger Ried), in Deutschland insgesamt acht.

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Mit Zuversicht in den Entscheidungsprozess. Das Europadiplom des Wurzacher Rieds steht zur Verlängerung an. Eine Expertenrunde war daher zu Gast in Bad Wurzach.

„Ich sehe keinen Anlass für Auflagen“, machte Robert Brunner, der maßgebliche Experte des Europarats, den Verantwortlichen im Anschluss Hoffnungen auf die Verlängerung um weitere zehn Jahre. 1989 erhielt das Naturschutzgebiet erstmals die hohe Auszeichnung.

„Das Ried vermittelt den Eindruck einer Landschaft, wie sie vor 1000 Jahren fast genau so ausgesehen hat. Man kann hier eine gedankliche Zeitreise in der Natur machen. Das ist wirklich faszinierend“, so Brunner.

Es gebe freilich „Themen für Empfehlungen“, so der Naturschützer aus Wien. Als erstes nannte er dabei die Bundesstraße, die das Ried durchschneidet. „Eine Verlegung ist wohl nicht notwendig“, sagte er im Pressegespräch, aber es müsse der Wasseraustausch der Gebiete rechts und links der Straße gewährleistet werden.

Das Regierungspräsidium Tübingen lässt derzeit dazu eine Machbarkeitsstudie, was sowohl technisch als auch finanziell möglich ist, erstellen. Diese soll im Herbst vorliegen.

Die zweite Empfehlung betrifft die Besucherlenkung. Ziel der Verantwortlichen ist ein Aussichtsturm, von dem aus Gäste weit ins Ried hineinblicken können. Horst Weisser, Leiter des Naturschutzzentrums Wurzacher Ried, und Bürgermeister Roland Bürkle hatten dieses Projekt kürzlich dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vorgestellt.

Kretschmann soll sich übrigens bei der sogenannten Stallwächterparty des Landes Baden-Württemberg in seiner Vertretung in Berlin sehr beeindruckt über das Wurzacher Ried geäußert haben, wurde am Rande des Pressegesprächs bekannt. Er habe sogar der anwesenden Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Besuch des Rieds ausdrücklich empfohlen.

Das Projekt Aussichtsturm sei es „wert, daran weiterzuarbeiten“, so die Einschätzung von Brunner. Denn bislang präsentiere sich das Wurzacher Ried dem Besucher auch von nebenliegenden Anhöhen aus nur als „Balken in der Landschaft“. Mehr als 30 Meter hoch soll der Turm beim Haidgauer Torfwerk werden; die Kosten werden auf rund 700 000 Euro geschätzt.

Kritisch äußerte sich Brunner auf SZ-Nachfrage zu Windkraftanlagen: „Windräder auf den Anhöhen wären ein Schaden für die Vogelwelt.“ Und die Vogelwelt spielte für das Schutzgebiet eine große Rolle.

Auch Photovoltaikanlagen „in unmittelbarer Nähe zum Schutzgebiet“ lehnt er ab, ohne sich auf eine konkrete Entfernung festzulegen. Auch etwas weiter weg gebaut, sollten PV-Anlagen „nach Möglichkeit durch Anpflanzungen verdeckt“ werden. „Es dürfen keine riesigen silbergrauen Flächen entstehen, die möglicherweise auch kleinklimatische Auswirkungen haben“, so der Experte.

Nicht gesehen habe er zwar den Kunstflieger, der überm Ried trainiert, sagte Brunner, hat aber auch zu diesem eine klare Meinung: „Es kann nicht sein, dass so viel Mühe und Geld investiert wird, um dieses Gebiet zu entwickeln, und dann lasse ich so etwas zu. Ich hätte sehr wenig Verständnis, wenn nicht zumindest alle Versuche unternommen würden, das zu beenden.“

Sehr angetan zeigte sich Robert Brunner vom Besucherzentrum Wurzacher Ried am Klosterplatz. „Dass das mitten im Ort steht, ist eine sehr gute Sache.“ Insgesamt nannte es der Experte „aus meiner Sicht beeindruckend, was seit 1989 hier gemacht wurde“. Die Verantwortlichen von Naturschutzzentrum und Land Baden-Württemberg seien „auf einem sehr guten Weg“.

Den werde man auch weiterhin gehen, versicherte Burkhard Schall vom Regierungspräsidium Tübingen, Referat Naturschutz, dem Wiener. Empfehlungen verstehe man als „gute Hinweise“ und sei stets bemüht, diese auch umzusetzen. Das Europadiplom „als Anerkennung unserer Arbeit“ helfe dabei, sei ein Türöffner beim Lösen von Problemen.

Bürgermeister Bürkle hob im Pressegespräch den hohen Einsatz der Mitarbeiter des Naturschutzzentrums hervor. „Wir sind sehr froh, dass wir das Europadiplom haben, denn das Moor hat für uns als Tourismusstadt eine hohe wirtschaftliche Bedeutung als Alleinstellungsmerkmal.“

Brunner wird nun sein Gutachten erstellen und dem Europarat vorlegen, der dazu auch eine Stellungnahme des Landes Baden-Württemberg einholen wird. Anschließend beraten zunächst das Standing Comitee und eine Gruppe von Fachbeamten aus sechs Mitgliedsstaaten (Group of Specialists) über die Verlängerung, ehe das Comitee of Ministers die endgültige Entscheidung trifft. Dies wird spätestens im kommenden Frühjahr der Fall sein. Das Europapdiplom läuft am 18. Juni 2019 aus.

Das Europadiplom ist eine Auszeichnung des Europarates in Straßburg. Es ist ein Gütezeichen und wird Schutzgebieten verliehen, die wegen ihres ökologischen, wissenschaftlichen, kulturellen oder Erholungswertes von besonderer europäischer Bedeutung sind. In Baden-Württemberg gibt es zwei Gebiete mit Europadiplom (Wurzacher Ried und Wollmatinger Ried), in Deutschland insgesamt acht.

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