Windräder schaffen Chancen und ganz neue Fronten

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Reinhold Mall (links) und Hans-Joachim Schodlok haben Angst um das Landschaftsbild und kämpfen deshalb vehement gegen den Bau vo (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Thomas Hagenbucher

Der Blick vom Haidgauer Rücken über das Wurzacher Ried ist ein Traum: stattliche Felder, saftige Wiesen, dichter Wald – und im Hintergrund die majestätischen Gipfel der Alpen. Hoch über der Landschaft kreist ruhig ein Greifvogel. Mittendrin stehen zwei Bad Wurzacher, die diese vom Europarat diplomierte Naturlandschaft nicht mehr sorgenfrei genießen können. Denn der Lehrer Reinhold Mall und sein pensionierter Kollege Hans-Joachim Schodlok haben Angst – vor 200 Meter hohen „Ungetümen“.

Auf den Höhen rings um die oberschwäbische Kurstadt könnte schon bald ein gutes Dutzend leistungsstarker Windkraftanlagen stehen – zumindest, wenn es nach den Plänen der grün-roten Landesregierung geht. Denn diese möchte bis 2020 zehn Prozent des im Südwesten erzeugten Stroms durch Windkraft gewinnen. Da es bisher nur läppische 0,8 Prozent sind, müssen in den kommenden acht Jahren 1200 Groß-Windkraftanlagen aufgestellt werden. Diese haben eine Nabenhöhe von 140 Metern (die Höhe bis zu der Stelle, an der der Rotor befestigt ist). Die Rotorlänge mit eingerechnet erreichen sie sogar knapp 200 Meter. Zum Vergleich: Das Ulmer Münster ist 161,5 Meter hoch.

Windräder sollen vor allem auf den Höhenlagen des Schwarzwalds und im Nordosten des Landes entstehen, aber auch an vielen weiteren Standorten zwischen Schwarzwald und Allgäu, Ostalb und Bodensee. Zehn bis 15 Windkraftanlagen könne er sich schon hier vorstellen, sagte jüngst der grüne Landesumweltminister Franz Untersteller beim Vorort-Besuch in Bad Wurzach.

Sogar Wallfahrt gegen Windräder

„Wir wollen in unserer schönen Landschaft keine Windräder“, meint dagegen Schodlok. Das über die Jahrtausende durch zwei Eiszeiten geformte Wurzacher Becken sei in seiner Art einzigartig – und solle es auch bleiben, ergänzt der Physik- und Chemielehrer Mall, der seine Heimat seit Jahren auf Film festhält. Dies möchte er auch in Zukunft ohne Windräder im Hintergrund tun.

Mall und Schodlok sind Mitglieder der Bürgerinitiative „Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu“, die sich vehement gegen den Bau von Windrädern in der Region wehrt. Die Anlagen verunstalteten nicht nur die Landschaft, meinen die 100 Mitglieder, sie machten auch krank, gefährdeten Tiere und seien zudem unrentabel. Im benachbarten Beuren finde demnächst sogar eine Wallfahrt statt, „damit der Ort von Windrädern verschont bleibt“, berichtet Schodlok schmunzelnd.

Im Ort herrscht „dicke Luft“

„Es sind immer wieder die gleichen Leute und die gleichen Argumente“, ist Johanna Moltmann-Hermann schon sichtlich genervt von den Windkraftgegnern. Die grüne Lokalpolitikerin setzt sich für die andere Seite ein. Das „Energie-Bündnis Bad Wurzach“ will die Energiewende voranbringen – auch mit Windkraftanlagen in der Region. Für die Argumente der „Landschaftsschützer“ hat sie nur wenig Verständnis. „Die schüren doch nur Angst“, sagt Moltmann-Hermann. Das führe zu „dicker Luft“ im Ort, die Mehrheit sei aber für die Windkraft, ist sie sicher.

„In den Orten entstehen soziale Zerwürfnisse“, bestätigt auch Christoph Leinß. Der ehemalige Pfullendorfer Forstamtsleiter macht keinen Hehl daraus, auf welcher Seite er steht. Der Ruheständler ist so etwas wie der Ober-Windkraftgegner in der Region. Mit Stellungnahmen und Vorträgen versorgt er die Bekämpfer von Windrädern bereits seit 1997 mit Argumenten. Schon mehr als zwei Meter Aktenordner hat er gesammelt – alle mit dem gleichen Tenor: „Windräder sind unsinnig, ganz besonders im Süden Deutschlands.“

Neben dem Landschaftsschutz kann Leinß zwei „Totschlagargumente“ liefern, wie er meint. Die meisten Anlagen in Baden-Württemberg, der Ex-Förster schätzt 95 Prozent, rentierten sich schlicht und einfach nicht. „Wir haben hier zu wenig Wind“, begründet Leinß. Außerdem böten Windräder keine sichere Stromversorgung, da sie manchmal zu viel und dann wieder überhaupt keinen Strom ins Netz einspeisen. Sinnvoller ist es aus seiner Sicht, bei der Stromerzeugung weiter mehr auf Kohle und Erdgas zu setzen. Jedes neue Windrad sei eines zu viel. „Wir zerstören unsere Landschaft mit einer Energieform, die wir gar nicht brauchen“, so sein Fazit.

Naturgemäß ganz anderer Meinung ist da Walter Witzel, der baden-württembergische Landesvorsitzende des Bundesverbands Windenergie. „Ich bin überzeugt, dass es sich rechnet, wenn man gute Standorte wählt“, sagt Witzel, der von 1992 bis 2006 für die Grünen im Landtag saß. In den Höhenlagen des Schwarzwalds und auf der Schwäbischen Alb gebe es Stellen mit Wind wie an den Küsten Norddeutschlands. Unterstellers Zehn-Prozent-Ziel sei „anspruchsvoll, aber machbar“, ist Witzel überzeugt. Schließlich würden die Anlagen immer leistungsfähiger. Entscheidend sei es, die richtigen Orte auszuwählen und auch mögliche Bedenken vor Ort – etwa Landschafts- und Naturschutz – in die Entscheidung einfließen zu lassen.

Ähnlich sieht es Rudolf Schmutz, beim Windverband zuständig für den Bereich Südwürttemberg, der sich mit dem Regierungsbezirk Tübingen deckt. „Wenn es gut läuft, können hier bis 2020 etwa 300 Windkraftanlagen stehen“, prognostiziert Schmutz. Noch sind es weniger als zehn. Laut Regionalverband Bodensee-Oberschwaben gibt es alleine in den Landkreisen Ravensburg und Sigmaringen sowie im Bodenseekreis 280 potenzielle Standorte. „Wir brauchen erneuerbare Energien – und zwar so viel wie möglich“, sagt Verbandsdirektor Wilfried Franke.

Vielerorts laufen derweil die Planungen. Auf der Ostalb, laut Windatlas der Landesregierung eines der windreichsten Gebiete im Südwesten, werden in den Gemeinden gerade mögliche Standorte diskutiert. Denkbar sind unter anderem das Härtsfeld und der Bereich rund um Unterschneidheim. Am Bodensee (Gehrenberg bei Markdorf, Höchsten) gibt es ebenso wie im Allgäu (Kißlegg, Bad Wurzach, Beuren bei Isny) oder auch in den Landkreisen Tuttlingen und Sigmaringen (nahe Meßkirch) Überlegungen, aber auch Kritiker. Gerade am See sorgen sich viele um das für den Tourismus so wichtige Landschaftsbild.

Wurzach sieht Windkraft positiv

In Bad Wurzach plant das „Energie-Bündnis“ noch für das laufende Jahr die Gründung einer Genossenschaft, in der sich dann jeder Bürger an den Windrädern beteiligen kann.

Und auch die großen Unternehmen sind fleißig. Die EnBW will in den kommenden Jahren Milliarden in erneuerbare Energien stecken. „Wir prüfen derzeit 100 Standorte für Windkraftanlagen. 22 Flächen sind schon gesichert“, sagte EnBW-Chef Hans-Peter Villis jüngst bei der Inbetriebnahme eines 140 Meter hohen Windrads in der Schwarzwald-Gemeinde Schopfloch. Bisher gibt es im Südwesten nur zwei Anlagen dieser Größe. Alternativen zu Projekten von Großinvestoren sind genossenschaftliche „Bürger-Windräder“ oder auch Anlagen, die die jeweiligen Stadtwerke betreiben.

Die Stadt Bad Wurzach zeigt sich jedenfalls aufgeschlossen. „Wir stehen der Windkraft positiv gegenüber – natürlich in Abwägung mit den Belangen des Naturschutzes und der Anwohner“, sagt Stadt-Sprecher Frank Hägerle. Es solle „nicht alles zugestellt werden“, aber mit zehn bis 15 Windrädern, auf wenige Standorte konzentriert, könne man leben.

Die „Landschaftsschützer“ sehen das natürlich anders. „Ich weiß nicht, ob wir die Windräder verhindern können, aber wir werden mit aller Macht gegen sie kämpfen“, kündigt Schodlok an. Die Befürworter freuen sich derweil schon auf ihre „Bürger-Windräder“. Das jahrtausendealte Wurzacher Ried dürfte der ganze Streit eher nicht erschüttern.

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