So gefährlich war die Bergung der drei verschütteten Skifahrer in Lech

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(Foto: AFP)
Crossmedia Volontärin

Christoph Pfefferkorn, Vorstand der Rüfikopfbahn im Skigebiet Lech-Zürs am Arlberg, und Manfred Meusburger, Leiter der Bergrettung Lech erzählen exklusiv von der Bergung der verschütteten Skifahrer. Vier Wintersportler aus der Region Biberach und Oberschwaben wurden am Samstagnachmittag im Skigebiet Lech-Zürs am Arlberg von einer Lawine verschüttet. Drei wurden mittlerweile tot geborgen, ein vierter ist weiterhin vermisst.

Samstagabend, kurz vor 20 Uhr: Eine Frau meldet ihren Ehemann bei der Polizei in Lech in Vorarlberg als vermisst. Zusammen mit drei weiteren Wintersportlern aus Oberschwaben war dieser zu der Skiroute „Langer Zug“, einer der steilsten präparierten Routen der Welt, aufgebrochen. Was Bergretter und Liftbetreiber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: In diesem Gebiet ist kurze Zeit zuvor eine Lawine abgegangen.

Christoph Pfefferkorn und Manfred Meusburger vermuten aktuell, dass die vier Skifahrer die Skiroute "Langer Zug" befahren, diese dann aber verlassen haben und weiter ins freie und unmarkierte Gelände gefahren sind. „Es war einfach sehr weit abseits. Deswegen hat wahrscheinlich niemand den Lawinenabgang gesehen und bemerkt“, sagt Pfefferkorn, der selbst bei der Bergung dabei war. Er und seine Kollegen vermuten allerdings, dass die Lawine bereits zwischen 16 und 16.30 Uhr abging und die Gruppe verschüttete. 

Es war einfach sehr weit abseits. Deswegen hat wahrscheinlich niemand den Lawinenabgang gesehen und bemerkt.

Christoph Pfefferkorn, Vorstand der Rüfikopfbahn

21 Uhr: Die Bergrettung Lech erhält erste Infos. Die Retter fragen einen Helikopter an, der nach einer möglichen Lawine suchen soll. „Aber in der Dunkelheit und bei den schlechten Wetterverhältnis war es unmöglich, zu starten“, sagt Christoph Pfefferkorn. Die Bergretter wie die Betreiber der Lifte und des Skigebiets müssen daraufhin mit Hilfe von Pistenraupen und Tourenskiern nach einer möglichen Lawine suchen. Durch die Ortung der Mobiltelefone der Vermissten können die Bergretter das Suchgebiet allerdings relativ schnell eingrenzen. „Wir hatten das große Glück, dass die Angehörigen mit einer Applikation auf ihrem Handy feststellen konnten, wo sich die Vermissten derzeit befinden“, sagt Manfred Meusburger. 

22 Uhr: Die Retter machen die Stelle ausfindig, an der die Lawine abging. Mit der Pistenraupe versucht Pfefferkorn, den Rettern einen Weg in die Nähe der Lawine zu spuren. „Seit mehreren Tagen wurde dort nicht gespurt, weil es für die Maschinen schwierig war, an dieser Stelle durchzukommen“, erzählt er. Eigentlich hätten die Pistenbetreiber abwarten wollen, bis sich der Schnee gesetzt habe, um ihn dann einfacher planieren zu können. „Wir haben dann aber versucht, Meter für Meter mit viel Maschinengewalt in die Nähe der Lawine zu kommen. Bei den Schneeverhältnissen war das alles andere als witzig“, erinnert sich Pfefferkorn. „Das war eines der risikobehaftetsten Gebiete, in dem die Skifahrer unterwegs waren.“

Wir haben dann aber versucht, Meter für Meter mit viel Maschinengewalt in die Nähe der Lawine zu kommen. Bei den Schneeverhältnissen war das alles andere als witzig.

Christoph Pfefferkorn, Vorstand der Rüfikopfbahn

Etwa 200 Meter von der Unglückstelle entfernt ist für die Pistenraupe schließlich Schluss. Von dort muss die Gruppe von 20, vielleicht 25 Bergrettern mit Tourenskiern zu Fuß in Richtung Tälialpe weiter. „Viele von ihnen haben davor aber schon weit längere Wege zurückgelegt, um die Lawine überhaupt zu finden“, sagt Lift-Vostand Pfefferkorn. Allein das sei für die Bergretter bereits extrem kräftezehrend gewesen.

23 Uhr: Die Retter finden den ersten Verschütteten. Drei der vier vermissten Skifahrer können sie anhand des Signals ihres Lawinenverschüttungsgeräts (LVS-Gerät) und mit einem Lawinenhund orten. Sie sind zwischen einem und drei Meter tief unter den Schneemassen begraben. Bei dem vierten Skifahrer verläuft die Suche ergebnislos. 

Ob er ein LVS-Gerät trug, die Batterien leer waren oder es womöglich ausgeschaltet war, kann Pfefferkorn nicht sagen. Die drei geborgenen Skifahrer bringen die Bergretter mithilfe von Tragen zur Pistenraupe, die die Opfer schließlich ins Tal befördert.

1.30 Uhr: Die Einsatzkräfte entscheiden, die Suche abzubrechen, denn die Lage wird auch für die Retter zuhends gefährlicher. „Wir kennen das Gebiet und wir wissen, von welcher Seite Gefahr drohen und Lawinen abgehen könnten", sagt Meusburger. Weil bei der Lawine zuvor schon ein Großteil der Schneedecke auf den oberen Hängen abgegangen war, entscheidet  die Mannschaft zunächst, dass ein Einsatz vertretbar ist. Doch im Laufe der Nacht hält der Schneefall weiter an und wird sogar stärker und immer mehr Neuschnee sammelt sich auf den Hängen über ihnen. Pfefferkorn erinnert sich, dass der Einsatz nicht spurlos an den rettern vorbeigeht: „Man hat gemerkt, dass bei ihnen die Kräfte einfach zu Ende gingen.“ 

Der Schnee ist da und die Pisten in den Skigebieten sind voll – denn Winterzeit ist Wintersportzeit. Doch wer abseits gesicherte Pisten fährt, muss mit Lawinen rechnen. Vor allem Freerider sollten auf der Hut sein.

Die Tage dannach: Die Suche nach dem 28-Jährigen Skifahrer, der nach wie vor vermisst wird, könne frühestens am Dienstag fortgesetzt werden, sagt Pfefferkorn. „Wenn die Wettervorhersage weiterhin so bleibt, ist geplant am Dienstag mit dem Hubschrauber über das Gebiet zu fliegen und sich einen Überblick zu verschaffen“, sagt Meusburger. Denn zuerst müsse das Gebiet gesichert werden. 

„Wir wissen jetzt schon, dass wir dort wahrscheinlich nochmal sprengen müssen, damit wir das Gebiet ohne Gefahr betreten können“, ergänzt der Leiter der Bergrettung. Sollten die Retter vor Ort dann wieder kein Signal eines LVS-Geräts empfangen, müssen sie wahrscheinlich systematisch die Lawine mit sogenannten Sonden absuchen. Dabei müssten die Retter in einer Reihe die Lawine ablaufen und mit Metallstäben nach der möglich verschütteten Person tasten.

Lawinen: Tödliche Gefahr in den Alpen

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