Schräge Typen, schräge Töne, vollster Genuss

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 Franken können alles, sogar Bodenturnen mit Musikbegleitung.
Franken können alles, sogar Bodenturnen mit Musikbegleitung. (Foto: Lilli Schneider)
Rolf Schneider
Redakteur

Griechische Musik für Elektrobohrer und Akustik-Gitarre, fränkisches Yoga-Bodenturnen samt Klarinettensolo von Simon Schorndanner – und bodenständige Bedienungs-Beschwerden („Hat sich denn der Wirt erhängt/weil er uns kein Bier einschenkt?“) das klingt nach Kleinkunst-Mixed-Pickles und entpuppt sich als Kabarettprogramm („Die letzten ihrer Art“) vom Feinsten.

Dass die vier Mittelfranken auf der Bühne keine Gewöhnlichen sind, erschließt sich schon aus dem Ensemble-Namen der Mannen aus Dietenhofen, der die meisten Besucher rätseln lässt. Auflösung: Gankino ist ein alter bulgarischer Volkstanz im Elf-Achteltakt (Einspruch: „I kenn bloß vier Halbe“), dessen balkanesische Grundstimmung die vier Dietenhofener am Freitagabend zwischen schwungvollem Ländler und jazzigen Elementen ebenso lustig wie lustvoll intonieren.

Der dramaturgische Bogen des Daseins in der Stammkneipe zur „heiligen Gans“ des Wirts Weizen-Charly ist ebenso überschaubar wie originell, weshalb natürlich eine zeitgeistige Größe wie Florian Silbereisen („Des ganze Leben lang voll Playback – da gesch am Stock“) ebenso ihr Fett abbekommt wie Helene Fischer.

Es geht rund in diesem Zirkus. Und es ist stets faszinierend und nie langweilig, sei es in elegischen Teilen zu russischen Volksmusik-Weisen („So oder so geht’s im Leben. Am Anfang war’s a Seidla und am Ende war’s a Rausch“) sei es bei einem Rhythmusstück auf einem aus Knochen gefertigten Instrument, dem Bonophon. Es ist überraschend und es ist mitreißend, hat nur den Nachteil, dass man des Fränkischen, respektive Süddeutschen mächtig sein muss und beispielsweise weiß, dass ein Seidla nichts mit Stoffen zu tun hat, sondern eine Bierkrug-Maßeinheit ist.

Es spricht für die Qualität und die Ausgeglichenheit des Quartetts, dass sich zwar alle in Szene setzen, aber keiner den anderen in den Schatten stellt. Klarinettist Simon Schorndanner setzt die augenscheinlichsten Akzente, Drummer Johannes Sens bürgt für überschäumendes Temperament und selbst der eher zurückhaltende Akkordeonist beeindruckt mit leisen, nahezu elegischen Tönen („Es kummt ein dunkle Wolk hervor“).

„Sind noch alle da?“ Diese Frage nach der Pause hätte sich Gitarrist Ralf Wieland sparen können, weil das Circus-Programm süchtig macht und gerade Wieland auf seiner Fender-Gitarre mit Rock’n’Roll vom Feinsten noch einmal dem Affen richtig Zucker gibt. Hund san’s schon die vier Dietenhofener, lustig auch und virtuos dazu, sowie so schaffensfreudig, dass man ihr „Ich bin am Ende, du bist am Ende“ durchaus nachvollziehen kann.

Das Publikum im vollen Adler-Saal wollte nichts von Ende wissen, doch nach zweieinhalb kurzweiligen Stunden war unwiderruflich Schluss, weshalb die Künstler den Kehraus mit einem unsterblichen Dylan-Klassiker (vom Band) begleiteten: „I want You.“ Ja, was will man nicht alles! Feine, außergewöhnliche Musikabende beispielsweise, kurzum, am besten bald wieder einen Auftritt vom Gankino Circus.

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