„Neue Ära des Moorbadebetriebs“

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Bad Wurzacher Moorbad wird umgebaut
Bad Wurzach – Die Modernisierung der Moorbadeabteilung hat begonnen. Bis in den September hinein ist dieses Herzstück der Bad Wurzacher Kurbetriebe geschlossen. 1,8 Millionen Euro werden investiert.
Schwäbische Zeitung

Das vorerst letzte Moorbad hat am vergangenen Freitag ein Gast des Kurhotels genommen. Mit dem fünf Monate dauernden Umbau der Moorbadeabteilung beginnt am Montag, 9. April, der bislang sichtbarste Teil der Umstrukturierung des städtischen Kurbetriebs. Darüber, was dabei geschieht, was bereits passiert ist und was noch gemacht werden soll, hat sich SZ-Redakteur Steffen Lang mit Geschäftsführer Markus Bazan und dessen Stellvertreter Marcel Wiesendt unterhalten. Themen des Gesprächs waren auch eine Änderung der Entgeltordnung für das Personal und die Frage, ob die Stadt mit der nun begonnenen Umstrukturierung zu lange gewartet hat.

Herr Bazan, Herr Wiesendt, wie wird der Umbau der Moorbadeabteilung vonstattengehen?

Marcel Wiesendt: An diesem Montag wird erst einmal die Baustelle eingerichtet. Danach beginnen die für neun Tage angesetzten Abbrucharbeiten. Dabei werden die Räume in einer Größe von rund 400 Quadratmetern komplett entkernt und der Estrich entfernt. Anschließend werden zum Beispiel neue Leitungen und Lüftungsrohre verlegt, die Zwischenwände für die Moorkabinen im Trockenbau eingebracht, Decken abgehängt, Fliesen angebracht, Böden verlegt, Wannen eingebaut. Auch das darunter gelegene Fitnessstudio muss in der Zeit komplett geräumt werden, da das Leitungssystem der Moorbadeabteilung in der dortigen Decke untergebracht ist.

Ende der Arbeiten ist wann?

Wiesendt: Voraussichtlich am 9. September soll das Moorbad wieder öffnen.

Markus Bazan: Wir haben dabei einen Puffer von zwei Wochen. Dieser soll genutzt werden, um die neuen Abläufe zu testen, damit dann zum Start alles glatt läuft.

Wie wird sich die neue Moorbadeabteilung dann präsentieren?

Wiesendt: Sie wird heutigen Ansprüchen des Gastes gerecht werden. Moorbäder können in hochwertigem Wohlfühlambiente genommen werden. Dazu tragen zum Beispiel geschwungene Formen und in Holzfassung eingebrachten Wannen bei. Auch der Schallschutz wird wesentlich besser sein. Man hört dann nicht mehr, was in der Nachbarkabine gesprochen wird, man hat in seinem Bereich seine Ruhe. So wollen wir das Moor, unser großartiges Produkt, auch Gästen schmackhaft machen, die bislang im wahrsten Sinne des Wortes damit Berührungsängste haben.

Bazan: Kurz gesagt: Nach dem Umbau wird eine neue Ära des Moorbadebetriebs beginnen.

Die Moorbadeabteilung ist, so haben Sie es bei einer Präsentation im Gemeinderat einmal gesagt, nicht nur bildlich, sondern tatsächlich auch baulich ein Herzstück des Betriebs. Wie wird verhindert, dass der übrige Betrieb in Hotel und Vitalium unter den Bauarbeiten leidet?

Wiesendt: Wir sind glücklich darüber, dass das Moorbad eine eigene Gebäudehülle hat. Das ist schallschutztechnisch schon Gold wert. Verlegt haben wir aber die Physiotherapieabteilung, das Fitnessstudio und einen Gruppenraum. Im Hotelbereich haben wir die 20 an den Baubereich angrenzenden Zimmer – insgesamt hat das Kurhotel 150 Zimmer – erst einmal gesperrt, um zu überprüfen, wie laut es dort wird. Alle anderen Bereiche unseres Betriebs, also auch das Vitalium, werden ohne große Lärmbelästigung bleiben.

Und statt Moorbäder wird es Moorpackungen geben?

Wiesendt: Ja, sie haben eine medizinisch ähnliche Wirkungsweise. Gut die Hälfte unserer Gäste nutzen bereits jetzt schon Moorpackungen als Anwendung. Sie können sehr zielgerichtet eingesetzt werden. Wochenlang getüftelt haben wir übrigens daran, wie wir das Moor nun warm zum Gast bringen. Uns fehlt ja in der Umbauzeit die gesamte Infrastruktur. Die Lösung haben wir unter anderem in hochwertigen Warmhalteboxen gefunden.

Kommen wir aufs Geld zu sprechen. Was kostet dieser Umbau?

Bazan: Der Gemeinderat hat uns ein fixes Budget von 5,3 Millionen Euro für Umbauten genehmigt. 1,8 Millionen Euro davon soll das Moorbad kosten. Den Rest haben wir für die Erneuerung des Kurhotels zur Verfügung, für Flure, Zimmer, Restaurant. Den Plan, was wir mit diesen 3,5 Millionen im Hotel genau machen können, werden wir bald dem Gemeinderat vorlegen. Er ist schon weit gediehen. Die Ausstattung der Zimmer steht zum Beispiel schon fest.

Der Gemeinderat hat aber auch noch weitere 2,3 Millionen für den Jahresverlust 2018 und Umstellungskosten genehmigt. Was verbirgt sich denn hinter Umstellungskosten?

Bazan: Umstellungskosten sind unter anderem die Anschaffungen im EDV-Bereich, Ausstattung im Gastronomiebereich, Ausgaben für das neue Therapie- und Marketingkonzept, Rechtsberatungskosten bei der Umstellung der Entgeltordnung sowie zum Beispiel die Anschaffung von einheitlicher Berufskleidung. Das alles haben wir mit 825 000 Euro für die Umstellungszeit von fünf Jahren veranschlagt. Die Verluste für das laufende Jahr werden bedingt durch den Umbau 1,4 Millionen Euro betragen.

Und Sie sind zuversichtlich, dass Kostenrahmen und Zeitplan eingehalten werden können?

Bazan: Wir haben bei der Ausschreibung der Arbeiten glücklicherweise gute Preise erzielt. Bei einem Umbau im Bestand ist man freilich vor Überraschungen nie gefeit. Aber ich fühle mich da durch Vorarbeiten von Bauleitung und Stadtbauamt gut abgesichert. Mehr Geld als die 5,3 Millionen Euro haben wir nicht. Was die Moorbadeabteilung mehr kosten sollte, steht fürs Kurhotel nicht zur Verfügung.

Wiesendt: Man muss sich dabei klar machen, dass eine Kernsanierung des gesamten Betriebes sicherlich 20 Millionen Euro kosten würde. Wir versuchen, mit dem zur Verfügung stehenden Budget den Beginn einer optischen Erneuerung. Was wir mit diesem Geld der Stadt nicht schaffen, müssen wir später über die Erträge des Kurbetriebs finanzieren.

Bazan: Aber in diesem ersten Schritt wollen wir natürlich so viel wie möglich erneuern, schließlich soll am Ende alles wie aus einem Guss sein. Mit der Umstrukturierung wollen wir Hotel, Gesundheitszentrum und Vitalium zu einer Einheit zusammenführen. Das muss sich auch optisch widerspiegeln.

Was ist denn in den vergangenen Monaten in Sachen Umstrukturierung bereits geschehen?

Bazan: Einiges. Leitungspositionen wurden nach- oder neubesetzt. Zum Beispiel im Hotel. Dort gab es früher einen Leiter für die Küche, einen für den Service. Da gab es Reibungspunkte, und deshalb ist nun ein Gastronomieleiter für beide Bereiche zuständig. Auch das Problem der hohen Fehlzeiten wurde angegangen. Mit dem Erfolg, dass sich die Zahl der Krankheitstage schon sehr deutlich verringert hat. Zudem stellen wir das gesamte Marketing um. Dieser Prozess läuft noch, hat uns aber bereits mehr Gäste eingebracht. 2017 hatten wir mit 45 000 Übernachtungen so viele wie seit Jahren nicht mehr, und in den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es schon wieder 2500 mehr als vergangenes Jahr.

Wie wurde dies erreicht?

Bazan: Zum einen im Bereich Wellness, in dem wir recht schnell mehr vorhandenes Kundenpotenzial ausschöpfen konnten. Zum anderen bei den Geschäftskunden, denen wir für die meist eine Nacht, die sie hier sind, günstigere Preise angeboten haben.

Was wurde noch angepackt?

Bazan: Im Bereich der Therme haben wir ebenso wie im Fitnessstudio die Preise angepasst. In der Therme auch die Öffnungszeiten ausgedehnt und das gastronomische Angebot erneuert, um die Verweildauer zu erhöhen. Das brachte bereits eine Umsatzsteigerung zwischen fünf und zehn Prozent. Und der Prozess ist noch nicht am Ende. Baulich müssen wir in der Therme glücklicherweise wenig machen. Sie wurde 2007 modernisiert, und mit ihr brauchen wir uns auch nicht verstecken. Man kann dort ruhig und entspannt eine Auszeit genießen. Das schätzen die Leute. Selbst die attraktive neue Saunalandschaft in Bad Waldsee konnte unseren Aufwärtstrend nicht bremsen, weil wir die Gäste anziehen, die eine etwas familiärere Atmosphäre wünschen.

Die Gesundheitsreform, die nicht nur den Bad Wurzacher Kurbetrieb im Mark traf, liegt nun schon fast 22 Jahre zurück. Wurde mit der Umstrukturierung zu lange gewartet?

Bazan: Das liegt natürlich vor unserer Zeit, und daher können wir das nicht beurteilen. Man tut sich grundsätzlich immer schwer, etwas zu ändern, solange es Profit abwirft. Für radikale Schritte hat man daher wohl lange Zeit keine Veranlassung gesehen. Aber es ist ja auch nicht so, dass nichts getan wurde. Die Thermalquelle wurde gebaut, das Wohlfühlhaus kam hinzu, und damit wurde die Kundschaft um Selbstzahler erweitert. Das alles war komplett richtig, und diese Philosophie führen wir ja jetzt auch fort.

Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten der Umstrukturierung insgesamt ein?

Bazan: Dass die ersten Maßnahmen schon Wirkung zeigen, gibt uns die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Der Kurbetrieb hat eine Zukunft, auch in städtischer Hand. Er kann eine nachhaltige Ertragsquelle für die Stadt werden, gerade in schlechteren Konjunkturzeiten. Zwar hat das traditionelle Kurwesen keine Zukunft mehr, weil es auch politisch nicht gewollt ist. Und der Rehabereich wird immer industrieller, weil enormer Preisdruck herrscht. Aber die Menschen machen in dieser unsicher gewordenen Welt mehr Urlaub in Deutschland, sie legen mehr Wert auf Gesundheitsvorsorge. Wenn Bad Wurzach hier geschickt und nachhaltig handelt, wird die Stadt noch viel Freude an ihrem Kurbetrieb haben und die Investitionen werden sich auszahlen. Ja, es gibt für mich viele gute Gründe, warum dieser Betrieb eine Perspektive hat.

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