Kriegsende 1945: Als Wurzach französisch wurde

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Gisela Rothenhäusler

Nahezu unvorstellbare Monate erlebten die Wurzacher nach dem Kriegsende im Frühling 1945. Gisela Rothenhäusler hat die Ereignisse von vor 75 Jahren zusammengefasst. Sie berichtet unter anderem von einer lettischen Volksschule, abzugebenden Herrenanzügen und der problematischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Am 28. April 1945 rückten französische Truppen ohne Blutvergießen in Wurzach ein. Dabei handelte es sich aber noch nicht um Besatzungstruppen, sondern um Kampftruppen, die sehr schnell Richtung Bodensee und Alpen weiter vorrückten, um die letzten Reste der deutschen Wehrmacht zu stellen. Frank Ray, der stellvertretende Lagerkapitän des Internierungslagers im Schloss, wurde zum vorläufigen Stadtkommandanten ernannt und nahm diese Funktion bis zu seiner Rückkehr nach England im Juni 1945 wahr. Natürlich musste Ray die Anordnungen der Militärregierung ausführen, aber er schaffte es, die Stadt und deren Bewohner vor größeren Übergriffen zu bewahren.

„Werden das Völkerrecht befolgen“

Die Anweisungen der „Première Armée Française“ an die Bürgermeister enthielten deutliche Worte: „Wir vertreten ein Volk, das vier Jahre lang von eurer Regierung, von eurer Wehrmacht und eurer Polizei gefoltert, geplagt und ausgeraubt worden ist ... Zehntausende unserer französischen Volksangehörigen sind als Geißeln festgenommen und erschossen worden, darunter tausende Frauen, Kinder und Greise.... Wir könnten uns jetzt rächen und ganze Städte in Brand stecken, wie ihr Deutsche es … getan habt … Wir aber verurteilen solche Taten, die wir als Kriegsverbrechen ahnden. Wir werden euch gegenüber das Völkerrecht befolgen, ob zwar ihr es uns gegenüber nicht befolgt habt.“

Die eigentlichen Besatzungstruppen kamen erst Anfang Mai nach Wurzach. Diese Einheit bestand aus insgesamt 144 Offizieren, Unteroffizieren und ungefähr 20 Angehörigen der marokkanischen Hilfstruppen; ihre Ausrüstung bestand aus 18 amerikanischen Sherman-Panzern, die in den Schuppen am Bahnhof geparkt waren. Der Kommandant dieser Einheit, Capitaine de Grasset, war zumindest anfangs der Militärgouverneur von Wurzach. Er war Séguinaud de Préval, unterstellt, dem stellvertretenden Kommandanten des 1er Régiment de Cuirassiers, der sich normalerweise in Leutkirch aufhielt, wo sich die Kommandantur des Regiments befand.

Angst vor Marokkanern

Vor allem vor den Marokkanern hatte sich die Bevölkerung beim Einmarsch der Franzosen sehr gefürchtet. Man stellte aber bald fest, dass diese Furcht unbegründet war. Da diese Männer sich jedoch zum größten Teil selbst versorgten, war ein erheblicher Schwund an Lämmern und Schafen in der Gemeinde festzustellen. Manche Offiziere ließen sogar ihre Familien kommen.

Dies bedeutete natürlich, dass für die französischen Besatzer Platz gemacht und Wohnraum beschlagnahmt werden musste, der nicht immer pfleglich behandelt wurde. Zwar wurden zuerst die Räumlichkeiten und Möbel der ehemaligen Parteigenossen beschlagnahmt, aber dies reichte nie aus. Im Hotel Rössle war die Kommandantur eingerichtet, in der Krone – später Kurhaus und jetzt Kreissparkasse – befand sich die Kantine.

Ausgangssperre verhängt

In den ersten Anordnungen wurde verlangt, Verkehrshindernisse wie Panzersperren innerhalb von zwölf Stunden nach Ankunft der französischen Truppen zu beseitigen und alle Waffen abzugeben, auf „Verhehlen“ von Schusswaffen stand die Todesstrafe. Ebenso mussten alle Angehörigen der Wehrmacht, Waffen-SS und anderer Kampfverbände gemeldet werden – bei Nichtbefolgen wurde der Gemeinde eine Buße von 500 000 Mark angedroht. Außerdem wurde eine Ausgangssperre verhängt.

In einer Reihe von Bekanntmachungen wurde die Beschlagnahmung von Schusswaffen, Radiogeräten und Brieftauben angekündigt. In einer Note des französischen Ortskommandanten an den Bürgermeister vom 11. Mai wurde deutlich gemacht, dass deutsche Zivilisten sich ohne Passierscheine nicht weiter als fünf Kilometer von der Stadt entfernen durften, Passierscheine durften jedoch keine ausgegeben werden. Diese Bestimmungen wurden in den folgenden Wochen schrittweise gelockert.

Die Lebensmittelversorgung

Am vordringlichsten war die Sicherung der Lebensmittelversorgung. Allen Ladenbesitzern wurde mitgeteilt, dass sie ihren gesamten Warenbestand, einschließlich der bei ihnen ausgelagerten Waren, bei der Stadtverwaltung errichteten Wirtschaftsstelle anmelden mussten. In einer dreisprachigen Bekanntmachung wurde erklärt, dass zur Sicherung der Versorgung der Besatzungstruppe und Zivilbevölkerung – in dieser Reihenfolge – die „nach dem Stande vom 12. Mai 1945 in den Geschäften der Stadt Wurzach und in Gospoldshofen vorhandenen Bestände an Lebensmitteln, Textil und Schuhwaren beschlagnahmt“ werden. Gezeichnet „Le commandant de la ville de Wurzach/Town-commander of Wurzach“.

Die französischen Behörden verlangten eine Vielzahl an Aufstellungen als Grundlage für die weiteren Maßnahmen der Besatzungsmacht. Eine Liste vom 12. Mai über die in der Stadtgemeinde Wurzach ansässigen Personen macht deutlich, wie sehr auch Wurzach von den massiven Bevölkerungsverschiebungen betroffen war: Zu den 1550 ortsansässigen Personen kamen 921 Evakuierte. Außerdem werden 108 Ausländer gemeldet, die etwa 600 immer noch im Schloss befindlichen Internierten waren also noch gar nicht mitgezählt. Dies bedeutet, dass auf jeden einheimischen Wurzacher eine ortsfremde Person kam, die alle ernährt werden mussten.

Eine Zusammenstellung vom 25. Juni 1945 ergibt einen deutlichen Überblick über die Lage der Lebensmittelversorgung. Die Aufstellung zeigt, dass es große Engpässe bei der Versorgung gab, die Situation in dieser ländlichen Region aber sicher besser war als in städtischen Regionen. Ganz besonders zeigt sich dies bei den Aussagen über die Fleisch- und Fettversorgung, die als gesichert bezeichnet wird. Auch die Schlachtviehversorgung wird als ausreichend bezeichnet, vorausgesetzt es fänden keine Abtransporte in andere Bezirke statt.

Zu wenig Kartoffeln

Die Nährmittelbestände – allerdings ohne genauere Angaben – werden als knapp bezeichnet, Kartoffeln seien zwar für Evakuierte und einheimische Bevölkerung im Herbst 1944 beschafft worden, aber für „die nicht vorgesehenen Ausländer“ sei Zufuhr aus anderen Bezirken erforderlich; Gemüse werde nur in den Kleingärten und in geringen Mengen angebaut.

Es fehlte an allem, und Aufgabe der deutschen Behörden war es, diesen Mangel zu verwalten und die Anforderungen der französischen Militärregierung zu erfüllen. Als Beispiel mag folgender Vorgang dienen. Am 26. Juni 1945 erging die Aufforderung des Militär-Gouverneurs, bis zum 30. Juni entsprechend der deutschen Familienanzahl Männerkleidung abzuliefern. In einer detaillierten Aufstellung vom 1. August 1945 machte Bürgermeister Nagel deutlich, dass das auferlegte Ablieferungssoll von 535 Anzügen für Wurzach und Gospoldshofen nicht erfüllt werden konnte – es wurden lediglich etwa 400 Herrenanzüge abgeliefert, dazu 238 Unterhosen, 166 Paar Schuhe, 200 Paar Socken. Unter Hinweis auf die bäuerlichen Verhältnisse und die „bedürftige Bevölkerung“ bat er den Landrat darum, sich mit den gesammelten Sachen zufrieden zu geben. Offensichtlich bat er vergeblich – das Landratsamt wies darauf hin, dass das Soll an Männerkleidung unter allen Umständen erfüllt werden müsse.

Eintrittspreis: eine Zigarette

Die Baracken im Schlosspark, die 1942 für die Wachmannschaft des Kriegsgefangenenlagers errichtet worden waren, füllten sich nach und nach mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, darunter viele ehemalige polnische Zwangsarbeiter, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren wollten, so dass in Wurzach vom Polenlager gesprochen wurde. Im Westflügel des Schlosses waren viele Letten untergebracht, die vor der zweiten Besetzung ihres Landes durch die Rote Armee geflüchtet waren. Unter ihnen befand sich der Kunstprofessor Janis Kalmite, dessen Bilder bereits 1946 in einer Ausstellung gezeigt wurden. Er hatte sogar eine Art von Studio und verlangte als Eintrittspreis eine Zigarette pro Person.

Die Zahl an lettischen Flüchtlingen war so groß, dass es zeitweilig sogar eine lettische Volksschule mit drei Lehrkräften gab.

Wenig erforschte Episode

Eine bislang wenig erforschte Episode dieser ersten Nachkriegszeit sind die vermutlich etwa 800 russischen Zwangsarbeiter, die nach der Repatriierung der Internierten aus Jersey im Schloss einquartiert und Ende August 1945– zumeist gegen ihren Willen – in die Sowjetunion verbracht wurden. Häufig genug landeten sie in einem sowjetischen Straflager oder wurden zumindest als Verräter stigmatisiert.

Für diese ausländischen Bewohner Wurzachs übernahm zuerst die französische Besatzungsmacht die Verantwortung, so dass das Barackenlager die Bezeichnung PDR-Lager erhielt (PDR = Personnes déplacées et refugiées), die englische Bezeichnung DP-Camp ist bekannter, wurde in Wurzach aber nicht verwendet. Die Versorgung dieser Menschen mit Lebensmitteln stellte auch die französische Militärregierung vor große Probleme. Auch die Patres im Schloss hatten ihre Probleme mit den neuen Bewohnern der Baracken und beschwerten sich über deren Übergriffe auf den Gemüsegarten des Salvatorkollegs.

Abzug im Februar 1946

Spätestens im Herbst 1945 übernahm die UNRRA die Verwaltung des Lagers (UNRRA = United Nations Relief and Rehabilitation Administration, ein Vorläufer des heutigen UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR). Auch deren Verantwortliche mussten in Wurzach untergebracht werden, und das für die UNRRA tätige Personal musste aus der Stadtkasse bezahlt werden.

Am 9. Februar 1946 wurde die französische Besatzungstruppe bereits wieder aus Wurzach abgezogen, ein Teil der Männer wurde nach Südostasien verlegt, wo das französische Kolonialreich in Indochina in der Auflösung begriffen war.

Die Entnazifizierung

In Wurzach kehrte immer mehr Normalität ein, die jüngste Vergangenheit verdrängte man lieber. Die französische Ortskommandantur hatte sich auf die örtlichen Verwaltungsbeamten gestützt, die dadurch fast nahtlos wieder ihre alten Posten übernahmen. Als Beispiel mag der stellvertretende Bürgermeister Alfred Nagel dienen, dessen Entnazifizierungsverfahren erst 1946 aufgenommen wurde. Seine Verurteilung mit den verbundenen Sühneleistungen – darunter seine Entlassung als Notar und die Aberkennung des passiven Wahlrechts – wurde in einem Spruchkammerverfahren von 1948 wieder aufgehoben, in dem er jetzt als „entlastet“ eingestuft wurde. In einer Reihe von Schreiben attestierten ihm verschiedene Wurzacher, dass er nie ein wirklicher Nationalsozialist gewesen sei und sich immer bemüht habe, die Härten der Parteivorschriften abzumildern.

Dabei zeigt sich die typische Kleinstadtproblematik bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, da die gegenseitigen Abhängigkeiten oder gar Verwandtschaftsverhältnisse und dem Bedürfnis, in Frieden miteinander zu leben, die Aufklärung der realen Verhältnisse erschwerten.

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