Hunderte wollen die Kandidaten erleben

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Die Kandidaten in der ersten Reihe (von rechts): Alexandra Scherer, Joachim Schnabel, Marcel Melchiors, Günter Beer und Steffen
Die Kandidaten in der ersten Reihe (von rechts): Alexandra Scherer, Joachim Schnabel, Marcel Melchiors, Günter Beer und Steffen Deutschenbauer. (Foto: Steffen Lang)
Redakteur Bad Wurzach

Die „Schwäbische Zeitung“ veranstaltet am Mittwoch, 18. April, ab 19.30 Uhr im Kurhaus eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten.

Alles zur Bürgermeisterwahl am 22. April in Bad Wurzach gibt es in einem Onlinedossier unter

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Riesiges Interesse hat an der Kandidatenvorstellung zur Bürgermeisterwahl geherrscht. Um 18.38 Uhr schloss die Stadtverwaltung den Kursaal, dessen 550 Sitz- und 100 Stehplätze voll besetzt waren.

Wer später kam, musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Für diese Bürger gibt es kommenden Mittwoch, 19.30 Uhr, an selber Stelle eine zweite Chance bei der Podiumsdiskussion der „Schwäbischen Zeitung“.

Alexandra Scherer (CDU), Joachim Schnabel, Marcel Melchiors, Günter Beer und Steffen Deutschenbauer (alle parteilos) stellten sich und ihre Programme in jeweils 15 Minuten vor. Direkt im Anschluss an jede Rede konnten das Publikum Fragen stellen. Kandidatin Friedhild Miller (parteilos) hatte abgesagt.

Alexandra Scherer

Sie mache keine großen Wahlversprechen, außer dass sie sich „mit ganzer Kraft, Herzblut und Leidenschaft“ für das einsetzen werde, „was der Stadt gut tut“, sagte Alexandra Scherer, die bei ihrer Begrüßung alle Ortschaften namentlich aufzählte.

Ein „Rathaus der offenen Türen“, dieses kleine Versprechen machte sie aber. „Jeder muss spüren, dass er willkommen ist.“ Ebenso kündigte sie an, im Falle eines Wahlsiegs mit ihrer Familie nach Bad Wurzach zu ziehen.

Mit jahrelanger Erfahrung als Ortsvorsteherin und Bürgermeisterin schaffte die 47-Jährige es, ohne ihre Redezeit gänzlich auszunutzen, viele Themen anzusprechen. Als Wichtigstes nannte sie den Kurbetrieb, der „untrennbar“ mit der Stadt verbunden sei. Das Marketing- und Werbekonzept ist ihrer Meinung nach noch mehr auf den Touristen auszurichten.

Wirtschaftliche Entwicklung und Förderung seien bei ihr Chefsache. Einen ressourcenschonenden Umgang mit der Umwelt im Blick gelte es, weitere Gewerbeflächen bereitzustellen. Zeitnah will sie auch in allen Ortschaften Bauplätze ausweisen ohne den ländlichen Charakter zu verlieren.

In der Innenstadt sei ihr „unheimlich viel Durchgangsverkehr“ aufgefallen. Hier will sie Veränderungen erreichen, „aber die Innenstadt muss mit dem Auto erreichbar bleiben“. Gastronomie und Einzelhandel möchte sie unterstützen, unter anderem mit einem Leerstandsmanagement. Dabei gelte der Grundsatz „leben und leben lassen“, so Scherer mit Blick auf die Anwohner.

Weitere angeschnittene Punkte: Breitbandausbau vorantreiben; Verschuldung konsequent abbauen, ohne Investitionen zu vernachlässigen; Weiterentwicklung der Kinderbetreuung auch für Schüler; unbürokratische Unterstützung des Ehrenamts; ein Bekenntnis zum Hallenbadneubau; jeden Teilort lebenswert halten „auch für unsere Kinder“; als „meine Herzensangelegenheit“ für Lebensqualität der Senioren zu sorgen, „das sind wir ihnen schuldig“.

In der Fragerunde auf die Energiewende angesprochen, bekannte sich Alexandra Scherer zu Biogasanlagen und Fotovoltaik. Windräder sieht sie „eher im nördlichen Teil unserer Republik“.

Joachim Schnabel

Joachim Schnabel, der ohne Manuskript ans Rednerpult trat, begrüßte das Publikum mit „hallo“ und entschuldigte sich zunächst dafür, dass er im „Südfinder“ bei einer Antwort Landratsamt und Gemeinderat verwechselt habe.

Der 60-Jährige will als Bürgermeister auf viel Bürgerbeteiligung setzen. Bürger sollen und müssen mitarbeiten, so seine Überzeugung. „Ich will jeden einzelnen mit ins Boot holen, in vielen Bürgersprechstunden rüberbringen, was wir vorhaben und was ansteht. Und das ohne Denk- und Redeverbote.“

Viele Bürger seien in den vergangenen Tagen auf ihn zugekommen mit Fragen über schon laufenden Projekte, so Joachim Schnabel weiter. Die hätten aber längst schon den Stadträten und dem Bürgermeister gestellt werden müssen. „Diese tiefen Einblicke haben wir als Kandidaten nicht“, er müsse sich da im Amt „erst die Hintergründe reinziehen, um Lösungen zu finden“.

„Keine definitive Aussage“ wollte er auch zum Kurbetrieb machen. „Ich weiß nur, dass es in vielen anderen Städten läuft und bei uns nicht.“ Er würde sich mit diesen Städten in Verbindung setzen und sie um Hilfe bitten. Und er zeigte sich überzeugt, diese Hilfe werde man nicht verweigern.

Er stehe für eine familienfreundliche Stadt, so Schnabel. Jugendarbeit liege ihm dabei besonders am Herzen. „Die Jugend ist die Säule der Gesellschaft, ihr muss man Vertrauen schenken.“

In den Ortschaften will Schnabel die Infrastruktur stärken, vor allem für die Senioren. Ihm schweben dabei kleine Filialgeschäfte vor, die stundenweise geöffnet haben und Dinge des täglichen Bedarfs bis hin zu Medikamenten und Postdienstleistungen anbieten. „Viele Ideen sollten aber auch von den Bürgern kommen.“

Geld darf dabei seiner Meinung nach nicht die wichtigste Rolle spielen. „Wir dürfen nicht fragen: Was kostet uns das? Wir müssen fragen: Was ist es uns wert?“

Er werde „mit meiner Lebenserfahrung, mit unheimlich viel Herz und etwas Bauchgefühl“ Veränderungen schaffen, versprach Joachim Schnabel, und er stehe nicht nur bei den Finanzen für „totalitäre Transparenz“.

Marcel Melchiors

Marcel Melchiors hob hervor, dass er als Feldwebel der Bundeswehr und „waschechter Afghanistan-Veteran“ Führungsfähigkeiten unter Beweis gestellt habe, auch „in Situationen, die viele von Ihnen wohl nur aus Actionfilmen kennen“. Zudem kenne er als junger Familienvater „die jungen Herausforderungen des jungen 21. Jahrhunderts“. Als Beispiele nannte er „schlechtes Internet“ und Kinderbetreuung, wenn beide Elternteile Teil- oder Vollzeit arbeiten.

Auf vier Themengebiete ging er ausführlicher ein.

Die Investitionen in den Kurbetrieb sieht er als Chance, sie könnten zu wirtschaftlichem Erfolg führen. „Aber sollte der Erfolg ausbleiben, bin ich nicht bereit, weiter so hohe Summen zu investieren.“ Dann will er dieses Geld lieber in Projekte investieren, „die dem Bürger zugute kommen“.

Für das leerstehende Kurhaus schwebt ihm, auf Anregung von Jüngeren während seiner Wahlkampfveranstaltungen, vor, das Restaurant zu einem einfachen Café zu machen. Dieses könnte mit weit weniger Personalaufwand betrieben werden, sodass die Stadt leichter einen Pächter finden könnte. Er will außerdem den Begriff „Kurhaus“ durch einen „jungen, attraktiven Namen“ ersetzen.

Im Bereich Wirtschaft will der 33-Jährige die Boomphase nutzen, um Gewerbegebiete zu erschließen („ich werde mich für eine Sonderregelung für Bad Wurzach einsetzen“) und Wohnraum zu schaffen. Bestehende Wohngebiete müssten dabei verdichtet und in neuen mehr Mehrfamilienhäuser gebaut werden.

Die Ortschaften würden bei einem Bürgermeister Marcel Melchiors „weitgehend Eigenständigkeit erhalten“. Er werde ihnen einen „partizipierenden Haushalt“ zur freien Verfügung geben, damit die Orte „viele kleine Dinge selbst abarbeiten können und so die Stadtverwaltung entlasten“.

Auf die Digitalisierung der Schulen angesprochen, sagte er, diese nutze nichts, wenn die Lehrer sich damit nicht auskennen. Beim Thema Jugendarbeit sieht er ein Jugendhaus nur für Jugendliche bis 14 Jahre als sinnvoll an. „Wenn der neue Jugendraum angenommen wird, bin ich bereit, ihn auszubauen“. Wenn nicht, müsse man andere Möglichkeiten finden.

Günter Beer

Günter Beer sieht sich als Jurist als Bürgermeister am rechten Ort. Sowohl im Gemeinderat als auch in der Stadtverwaltung fehle derzeit ein Jurist, „und auch deshalb bin ich hier“.

Der 57-Jährige brachte zudem eine Marionette mit, denn so wie bei dieser Spielfigur funktioniere die Arbeit mit Gemeinderat und Verwaltung nur, „wenn alle Fäden zusammenlaufen und sie koordiniert gezogen werden“.

Von Mandanten sei ihm empfohlen worden fürs Bürgermeisteramt zu kandidieren, sagte Günter Beer, „und sie haben mir ihre Tipps, Sorgen und Probleme als Auftrag mitgegeben“.

„Wichtigstes und oberstes Ziel“ ist für ihn die Verkehrsberuhigung der Innenstadt. Der Sonderweg, den die Kurstadt Bad Wurzach eingeschlagen habe, „ist schiefgelaufen“. Der Verkehr sei eher mehr als weniger geworden, kritisierte er. „Viele Fußgänger haben keine Chance, die Straße zu überqueren.“ Das müsse man „ganz dringend in Angriff nehmen“

Andere Kurstädte hätten wunderschöne Fußgängerzonen. Für Autofahrer gibt es nach Beers Meinung genügend Parkplätze in unmittelbarer Umgebung. „Es gibt kein Recht, bis vor die Haustüre eines Ladens zu fahren, aber ein Recht für Fußgänger und Radler auf körperliche Unversehrtheit.“

Damit waren Günter Beers 15 Minuten vorüber, „für die übrigen Probleme fehlt die Zeit“, stellte er bedauernd fest. In der Fragerunde wurde er auf seine Vorstellung für die Jugendarbeit angesprochen. Ein Konzept habe er nicht, antwortete er, aber es gebe eine gesetzliche Vorgabe, dass die Jugend sich um ihre Belange selbst kümmern dürfe und die Verwaltung diese aufgreifen und auf ihre Umsetzbarkeit überprüfen müsse.

Zur Digitalisierung der Schulen sagte er, für diese sei reichlich Bedarf da, der aber wegen technischer Schwierigkeiten nicht gedeckt werden könne.

Seine Arbeit als Rechtsanwalt werde er als Bürgermeister ruhen lasse, kündigte er ebenfalls auf Nachfrage an. „Mein Büro werde ich aber behalten, denn ewig möchte ich nicht Bürgermeister bleiben.“ Als Rentner wolle er sich dann damit etwas dazuverdienen.

Steffen Deutschenbauer

Steffen Deutschenbauer, der in seiner Begrüßung ebenfalls alle Ortschaften aufzählte, nannte Wirtschaft, Führung und Gesundheit als „meine Kernkompetenzen“. Mit diesen will er eine Neuausrichtung und Erneuerung auf Grundlage, das „viel gute Arbeit schon geleistet“ worden sei. „Hier ist es schön, aber es könnte noch ein kleines bisschen besser werden“. Er wolle „nicht ein Weiter-so, sondern dass es vorwärtsgeht“.

Zentrales Thema für ihn sei, dass Stadt und Ortschaften vom Wandel profitieren. Die Gefahr, dass sie zu einer Schlafstadt werden, bezeichnete er als Albtraum. Um das zu verhindern, habe er „viele Ideen und möchte diese mit Ihnen weiterentwickeln“, so der 39-Jährige. Bad Wurzach müsse dabei „richtig ehrgeizig sein“. „Wir wollen es richtig gut machen, besser, als wir es uns vielleicht zunächst trauen.“

Als Unternehmer und Berater sieht er sich für den Bürgermeisterposten geeignet. Er könne Details in komplexen Fragestellung ebenso analysieren wie er das große Ganze überblicke. Auch fühlt er sich in der Lage die „Flut von Themen zu priorisieren“.

Den Kurbetrieb will er zu einem dynamischen Unternehmen ausbauen, „aber ich möchte als Bürgermeister nicht der Kurdirektor sein“. Entscheidend sei, „dass wir uns vom Begriff Kur verabschieden“. Er will vom Gesundheitsbetrieb reden.

Die Jugendarbeit war erneut Thema aus dem Publikum in der Fragerunde, deren zehn Minuten Zeitvorgabe Deutschenbauer als einziger ausschöpfte. Er kündigte einen intensiven Dialog mit der Jugend an, die aber „nicht heterogen“ sei. Er kann sich dabei auch einen Jugend-Gemeinderat vorstellen.

Die Digitalisierung der Schulen bezeichnete er ebenfalls auf Nachfrage als „allgemein ein Thema, das uns stark beschäftigen sollte“.

Beim Thema Ehrenamt zeigte er sich „begeistert von der großen Gemeinschaft in Bad Wurzach“, die es von Seiten der Stadt zu unterstützen gelte.

Im Kurhaus sieht er ein „fantastisches Konferenzzentrum“ und will dafür einen Betreiber, der nicht Wirt sondern Eventunternehmer ist. Es gelte dabei, schnell einen Businessplan zu entwickeln, der keine Konkurrenz zur bestehenden Gastronomie ist.

Die „Schwäbische Zeitung“ veranstaltet am Mittwoch, 18. April, ab 19.30 Uhr im Kurhaus eine Podiumsdiskussion mit den Kandidaten.

Alles zur Bürgermeisterwahl am 22. April in Bad Wurzach gibt es in einem Onlinedossier unter

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