Harald Grill stimmt mit fesselnden Reiseberichten auf den Europatag ein

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 Harald Grill erzählt spannende Geschichten aus seinem Leben.
Harald Grill erzählt spannende Geschichten aus seinem Leben. (Foto: Christine Hofer-Runst)
Christine Hofer-Runst

Zur Einstimmung auf den Europa-Tag am Salvatorkolleg (SZ berichtete) gastierte am Donnerstagabend der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, Harald Grill in Bad Wurzach. Er vermittelte den Gästen in der vollbesetzten Aula ein doppeltes Informationserlebnis. Geschichten aus der Familie gehen unmittelbar in seine spannenden Reiseberichte über.

Nach einer kurzen Begrüßung von Pater Friedrich Emde warnte der Autor seine Gäste schon vor; „Ich habe Material für etwa sieben Stunden“. Ganz so lange dauerten seine Erzählungen zwar nicht, waren vom Inhalt aber spannend und bemerkenswert humorvoll erzählt. Alles begann mit dem Buch „Hochzeit im Dunkeln“, was genau die Geschichte seines Vaters beschreibt. Ein versehrter Heimkehrer der für die Arbeit auf dem Hof nicht mehr zu gebrauchen war und in Adelheid, eine Frau aus der Stadt, seine große Liebe fand. Trotz der amüsanten Wortwahl und der liebevollen Beschreibung seiner Eltern, stellte der Autor dennoch den Bezug zu Europa her. Grenzen, die nach dem zweiten Weltkrieg unumstößlich erschienen, die Besetzung Bayerns durch die ungeliebten Amerikaner; ja selbst der blühende Schwarzhandel beim Friseur des kleinen Dorfes Wald, beschreiben das tägliche Leben von Michael, dem Protagonisten des Romans.

Bereits in seiner Jugend- und Schulzeit war Harald Grill ausgegrenzt, seine Mutter verpönte den niederbayerischen Dialekt und das machte es dem Buben in der Schule schwer, dazu zu gehören. Viele Jahre später erinnerte er sich daran, dass seine Mutter, im Jahr 1945 von Dresden nach Breslau laufen musste. Diese Erinnerung war für Harald Grill die buchstäbliche Initialzündung: „Ich möchte freiwillig reisen, niemals unter Zwang“. Mit der Zielsetzung: „Ich vernähe Europa mit Schritten“, marschierte er zuerst vom Nordkap und dann von Syrakus nach Regensburg. „Am besten konnte ich an die Bevölkerung andocken, wenn ich ganz alleine unterwegs war“ – und in seiner liebenswürdigen und sehr neugierigen Art dockte er an. An die Lappen in Finnland oder an den Pizzabäcker in der Nähe von Neapel. Der Autor erzählte Geschichten, wie man sie nur erleben kann, wenn man zu Fuß reist, ohne Landkarte; als Orientierungshilfe suchte er sich Flüsse aus und immer in Kontakt mit den Menschen, die seinen Weg kreuzten.

Seine bisher letzte Reise „Hinter drei Sonnenaufgängen“ führte ihn über den Balkan. Er berichtete über bitterarme Siedlungen entlang des Olt und über das harmonische Zusammenleben vieler Völker in Temeswar. Kurzweilige Anekdoten über begnadete Automechaniker, die vor Ort des Autors alte Klappermühle wieder zusammenflickten bis zu einer abenteuerlichen Zugfahrt à la Wildwest, alle Erlebnisse des Schriftstellers beschreibt dieser lebendig, amüsant. Ernsthaft werden seine Erzählungen vor dem Hintergrund seiner Achtung und Toleranz den Menschen gegenüber, die alle zur großen, europäischen Erzählung von Völkervielfalt und Gastfreundschaft gehören.

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