Gastronomen hoffen auf Solidarität

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 Nach gerade einmal sechs Wochen musste die Gaststätte im Kurhaus vorerst wieder schließen.
Nach gerade einmal sechs Wochen musste die Gaststätte im Kurhaus vorerst wieder schließen. (Foto: Ulrich Gresser)

Die Gastronomiebetriebe dürfen seit einiger Zeit wieder öffnen – wenn auch mit Einschränkungen. Die „Schwäbische Zeitung“ hat sich bei Betreibern erkundigt, wie die Angebote seit den Lockerungen der Corona-Verordnung angenommen werden.

Bernd Gut vom Gasthof und Hotel Adler in Bad Wurzach sieht nach der Wiedereröffnung noch eine zaghafte Nachfrage im Restaurantbereich, was bisher unter anderem auch an den fehlenden Plätzen gelegen habe. Er hofft, dass sich mit den neuesten Lockerungen die Lage für die Gastronomie etwas entspannt. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gebe es mit den zunehmenden Zimmerbuchungen. Ihm sei auch wichtig, dass den Leuten klar ist, dass die hiesige Gastronomie die Unterstützung der Einheimischen sowie der Gäste brauche, da auch das Kurhotel am Reischberg durch die umbaubedingte Schließung für weitere Monate als Gästebringer ausfällt.

Große Hoffnung setzt Gut auf die neuen Regelungen, die seit Mittwoch in Kraft sind: „Der Aufenthalt im öffentlichen Raum ist vom 10. Juni 2020 an in einer Gruppe mit Angehörigen von bis zu zwei Haushalten oder bis zu zehn Personen gestattet. Bisher durfte man sich im öffentlichen Raum nur mit den Personen eines weiteren Haushalts treffen. Es dürfen also zum Beispiel zehn fremde Personen in einer Gaststätte ohne Abstandswahrung an einem Tisch sitzen“, schreibt der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga.

Hoffen auf Stammtische

Ein großes Danke richtet Martina Riolo von der Pizzeria da Roberto an ihre treue Kunden. Denn während der Schließungszeit sei der Lieferservice und Abholservice von den Kunden gerne genutzt worden. Daher habe die Pizzeria ihre monatlichen Fixkosten relativ problemlos erwirtschaften können. Der Wiederbeginn im Restaurant lief bisher „sehr verhalten“. Aber Riolo freut sich, dass sie aufgrund der aktuellen Lockerungen wohl bald wieder Stammtische in ihrem Lokal begrüßen kann.

Knüppeldick kam es für Roland Ernle, der gemeinsam mit seinen Partnern Anfang des Jahres das Kurhaus wiedereröffnet hatte. Nach gerade einmal sechs Wochen, in denen Restaurant und Saal richtig gut gelaufen seien, kam der Lockdown. Lobende Worte findet Ernle für die Stadtverwaltung, die ihm sehr entgegengekommen sei. Nach der jüngsten Wiedereröffnung lief der Restaurantbetrieb im Kurhaus nur sehr zäh an. Die vielen ausgefallenen Veranstaltungen im Saal bereiten ihm jedoch größere Sorgen. „Keine Veranstaltungen, kein Geld,“ so laute leider die einfache Gleichung. Dennoch hofft Ernle, dass er sein Personal halten kann. Ein Hoffnungsschimmer sei, dass inzwischen wieder kleinere Familienfeiern angefragt werden. Derzeit stehe das T4, das Ernle seit fünf Jahren in Truschwende betreibt, nicht zuletzt wegen des Hotels und der Urlauber besser da.

„Selbstmitleid nützt niemandem“

Weil für seine Mitarbeiter Existenzen auf dem Spiel stehen, ist auch das Kurhausrestaurant geöffnet, auch wenn es eigentlich betriebswirtschaftlich wenig Sinn macht. „Aber es nützt niemand, sich jetzt in Selbstmitleid zu ergehen. Wir wollen mit der Öffnung ein Zeichen setzen und den Blick nach vorne richten.“

Dieter Hierlemann, Betreiber des Adler mit Kleinkunstbühne in Dietmanns, hat seinen Gasthof mit Biergarten seit dem 18. Mai wieder geöffnet. „Die ersten zwei Wochen waren – auch mit Blick auf die wegen der fehlenden Daten durch Verkehrsflugzeuge unpräziseren Wettervorhersagen – katastrophal und problematisch.“ Er habe Personal und Ware vorhalten müssen – und dann kam doch alles anders als prognostiziert. Verärgert hat ihn auch, dass während er in seinem Lokal peinlichst auf die Abstandsregeln geachtet habe, in anderen Lokalen fast „Business as usual“ geherrscht habe. Was ihn aber beeindruckt hat, sei die Solidarität der Dietmannser aber auch vieler Stammkunden, die während des Lockdowns vorbestelltes Essen abholten. Teilweise seien Leute bis aus Biberach gekommen, um bei schönem Wetter ein Picknick zu machen.

Notzeitung statt Programmheft

Für sein im September startendes Herbstprogramm der Adler Livebühne wird es nur eine Art Notzeitung geben, kein so aufwendiges Programmheft wie üblich, zumal auch das „wie“ für die Durchführung der Veranstaltungen noch nicht geklärt sei. Für detailliertere Angaben verweist er auf die schnell zu aktualisierende Homepage der Bühne.

Betreiber von anderen Kleinkunstbühnen – etwa der Zehntscheuer in Ravensburg – hätten ihn gefragt, ob er nicht auch digitale Veranstaltungen machen wolle. Auch ein Wurzacher Stammgast habe ihn darauf angesprochen. Er habe dies verneinen müssen, weil er dazu Räumlichkeiten wie den Kursaal gebraucht hätte. Insgesamt stehen ihm komplizierte Wochen bevor, etwa um mit den in Vor-Corona-Zeiten engagierten Künstlern Neuverhandlungen zu führen. Sorgen macht ihm auch die Ankündigung von Stadtkämmerer Stefan Kunz, die Vereinsförderung auf den Prüfstand zu stellen. Ohne den Zuschuss der Stadt sieht er keine Überlebenschance für seine Adler Livebühne.

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