Evangelische Kirche in Bad Wurzach segnet nun auch homosexuelle Paare

 Gleichgeschlechtliche Paare können sich künftig in der evangelischen Kirche Bad Wurzach segnen lassen.
Gleichgeschlechtliche Paare können sich künftig in der evangelischen Kirche Bad Wurzach segnen lassen. (Foto: Symbol: Michael Reichel / dpa)
Stellv. Redaktionsleiter

Gleichgeschlechtliche Paare können sich künftig in der evangelischen Kirche Bad Wurzach segnen lassen. Das gab Pfarrerin Silke Kuczera in einem Pressegespräch bekannt.

Im März 2019 hatte die Evangelische Landeskirche Württemberg den Weg für die Segnung homosexueller Paare frei gemacht. Gemeinden müssen dies jedoch beim Oberkirchenrat beantragen. Die Bad Wurzacher taten dies bereits im Dezember 2019. Der Kirchengemeinderat hatte sich zuvor einstimmig dafür ausgesprochen.

Die Corona-Pandemie, die nach dem Weggang von Pfarrerin Barbara Vollmer entstandene Vakatur und nicht zuletzt die langsam mahlenden Mühlen der Kirchenbürokratie verhinderten eine schnellere Umsetzung, wie Kuczera und Prädikantin Astrid Greshake erläuterten.

„Ein wichtiger Grund“

In der Ausschreibung der Pfarrstelle nach Vollmers Weggang hatte die Kirchengemeinde ausdrücklich nach jemandem gesucht, der mit dieser Segnungsregelung einverstanden ist und sie unterstützt. „Das war für mich sogar ein wichtiger Grund, mich zu bewerben“, betonte Silke Kuczera, die im September 2021 in Bad Wurzach Investitur feierte.

Aus theologischer Sicht steht für die Bad Wurzacher nichts gegen die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Zwar werde in der Bibel an den wenigen Stellen, wo Homosexualität erwähnt wird, diese abgelehnt, so Kuczera in ihrer Erklärung im Namen der Kirchengemeinde. „Aber diese Aussagen stammen jeweils aus kulturellen Zusammenhängen, die weit von der heutigen Lebenswirklichkeit entfernt sind.“

„Teil einer Heidenpolemik“

Zu alttestamentarischer Zeit sei die Gesellschaft homosexualitätsfeindlich gewesen, erinnerte die Pfarrerin. Und zu neuttastamentarischer Zeit seien die ablehnenden Aussagen an, so Kuczera, fünf Stellen „Teil einer Heidenpolemik“ gewesen, die sich von der griechisch-hellenistischen Welt abgrenzen wollte.

Die Pfarrerin betonte dabei, dass Pädophilie (also Sex eines Erwachsenen mit Kindern) von dieser Einschätzung ausdrücklich ausgeschlossen ist. „Diese kritisiert Paulus zu Recht.“

Eine tiefe Liebe

„Homosexuelle Partnerschaften, die als gleichberechtigte, dauerhafte und verlässliche Beziehungen in Verantwortung gelebt werden, waren nicht im Blick dieser Texte“, so die Bad Wurzacher Überzeugung. Die alttestamentarische Geschichte von David und Jonathan sei die einer „tiefen Liebe“, so Kuczera weiter.

Silke Kuczera erläuterte außerdem das evangelische Verständnis der Eheschließung. Nach ihren Worten ist „die eigentliche Eheschließung die weltlich geschlossene, bürgerliche. Das Paar kommt also verheiratet in die Kirche und bittet um Gottes Segen für die weltlich geschlossene Ehe.“

Eine problematische Auslegung

Der ebenfalls verbreiteten theologischen Ansicht, dass ein biologische Elternschaft Grundlage einer Trauung ist, erteilte Kuczera eine Absage. „Meiner Ansicht nach ist das sehr problematisch. Auch manche heterosexuelle Paare können keine Kinder bekommen, und homosexuelle Paare können wunderbare Eltern sein, wenn auch nicht biologisch.“

Eine Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare bezeichnet die Bad Wurzacher Pfarrerin im Namen des Kirchengemeinderats als „längst überfällig. Vor Gott sind wir alle gleich. Und wir haben kein Recht, über die Liebe anderer zu urteilen.“ Es sei „irritierend“, dass dies immer noch gesagt werden müsse.

Das zentrale Gebot

Zentral sei, so schließen Kuczera und der Kirchengemeinderat ihre Erklärung, für alle Menschen die Einhaltung des Liebesgebots, wie es in Matthäus 22, 37–39, niedergeschrieben ist.

„Das ist beschämend“

Maximal ein Viertel aller Kirchengemeinden in Württemberg können zunächst den Antrag auf Segnung gleichgeschlechtlicher Paare stellen. Bislang haben dies nach Kuczeras Worten nicht einmal fünf Prozent getan. „Das ist beschämend.“ Im Landkreis Ravensburg haben dies laut einer Liste der Landeskirche neben Bad Wurzach nur Ravensburg und Weingarten getan.

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