Die Geschichte einer Kirchengemeinde

Lesedauer: 4 Min
Der Historiker Uwe Prutscher blickt in seinem Vortrag auf die Geschichte der Evangelischen in Bad Wurzach zurück.
Der Historiker Uwe Prutscher blickt in seinem Vortrag auf die Geschichte der Evangelischen in Bad Wurzach zurück. (Foto: Patricia Gragnato)
Patricia Gragnato

Im Rahmen des 60-Jahr-Jubiläums der evangelischen Kirche Bad Wurzach am vergangenen Sonntag referierte der promovierte Historiker Uwe Prutscher zu den Anfängen der evangelischen Kirchengemeinde Bad Wurzach im Allgemeinen und der Entstehung des Kirchengebäudes im Besonderen. Mit seiner humorvollen Art zog er die Zuhörer in der gut gefüllten Kirche in seinen Bann.

Er begann mit der Zeit nach der Reformation, die in Bad Wurzach folgenlos blieb – selbst zwischen 1847 und 1905 verzeichnet das Staatshandbuch für das Königreich Württemberg minimal sechs und maximal 54 evangelische Mitbürger.

Immerhin gab es einmal im Monat einen Gottesdienst auf dem Hof eines evangelischen Pächters in Wiesen, erstmals am 10. Juli 1870 vom Leutkircher Pfarrer Maisch gehalten. Eine Notlösung, die ihr Ende fand, als 1876 ein Pachtvertrag mit der Fürstlichen Verwaltung zur Nutzung der Kapelle des Leprosenhauses abgeschlossen werden konnte.

Die Situation änderte sich umfassend, als nach 1945 zehn Millionen Deutsche, darunter viele evangelische Christen, aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches flüchten mussten. Außerdem kamen viele Ausgebombte aus Norddeutschland und dem Ruhrgebiet in das durch den Krieg fast unversehrte Oberschwaben. Und auch die Gründung der Glasfabrik 1946 trug das Ihre zum Zuzug von Evangelischen bei.

Als 1950 Bad Wurzach den Titel „Bad“ erhielt, riss der Zustrom von – zu Zweidritteln evangelischen – Kurgästen nicht mehr ab. Für Einheimische und Kurgäste wurde das Leprosenhaus zu klein; die Luft war so stickig, dass es immer wieder Ohnmachtsanfälle gab.

Nachdem die bürokratischen Hürden genommen worden waren, durfte 1957 die Kirchengemeinde, die 1950 eigenständig geworden war, dem Berliner Architekten Erhard Lucas den Auftrag zur Planung und Ausführung einer Kirche erteilen. Pfarrer war seit 1949 Wilhelm Schmidt-Keßler. Nachdem für den Neubau zusätzlich zu den 120 Ar, die bereits dem Müttergenesungswerk gehörten, 80 weitere Ar erworben worden waren – für heutzutage unglaubliche 3,50 bis 4,50 D-Mark pro Quadratmeter – ging alles sehr schnell. Im März 1958 konnten die ersten Arbeiten vergeben werden; nach der Grundsteinlegung am 31. Mai 1958 wurde am 22. August 1958 Richtfest gefeiert. Prutscher konnte es sich an dieser Stelle nicht verkneifen, auf die Dauer aktueller, bekannter Bauprojekte zu verweisen.

Am 4. Oktober 1959 wurde die Kirche eingeweiht – umrahmt von Wiesen, denn die heutigen benachbarten Gebäude gab es noch nicht. Die Wurzacher „Wieskirche“, so Prutscher augenzwinkernd. Es wurde aber fleißig weitergearbeitet: 1962 entstand das Pfarrhaus, 1966 erhielt die Kirche ihre Glocken, 1971 ihre Orgel.

Auf Pfarrer Schmidt-Keßler folgten Pfarrer Fritz Moser sowie Christian Hermann und Harald Carl – beide unter den Festgästen. Unter Carls Ägide entstanden Foyer und Gemeindesaal. Ab 2013 liefen unter Pfarrerin Barbara Vollmer die Innenrenovierung sowie die Restaurierung von Orgel, Dach und Außenwänden. „Ebbes isch immer“, zitierte Prutscher Friedrich Schiller.

Ein Vortrag, für den sich Vollmer herzlich bedankte und der durch Ausführungen anwesender Zeitzeugen zusätzlich bereichert wurde.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen