„Die Älteren fühlen sich immer jünger“

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Heinrich Stauß ist Vorsitzender des Stadtseniorenrats von Bad Wurzach.
Heinrich Stauß ist Vorsitzender des Stadtseniorenrats von Bad Wurzach. (Foto: Steffen Lang)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Bad Wurzach

Seit 15 Jahren gibt es in Bad Wurzach den Stadtseniorenrat. Er versteht sich als Interessensvertreter der älteren Generation, ist aber um ein Miteinander aller Altersgruppen bemüht, wie Vorsitzender Heinrich Stauß im Gespräch mit SZ-Redakteur Steffen Lang sagt.

Herr Stauß, wie setzt sich der Stadtseniorenrat zusammen?

In diesem Gremium sind die Seniorenkreise der Stadt, die Sozialeinrichtungen und Beratungsstellen vertreten. Also zum Beispiel der Ökumenische Seniorenkreis, das DRK und Herz und Gemüt. Damit bündelt er die Fachkompetenz in der Gemeinde.

Und tätig wird der Rat dann wie?

Wir sehen unsere Aufgaben zuallererst darin, die Senioren zu informieren. Daher gibt es drei oder vier Veranstaltungen, meist Vorträge pro Jahr. Darin geht es dann zum Beispiel um Erbrecht, Patientenverfügungen, Verkehrssicherheit, Gesundheit und Pflege. Der Seniorenrat hat auch schon einen Verkehrstag mit Bus- und Taxiunternehmen sowie dem Bodo organisiert und eine „Senioren-Jobbörse“ veranstaltet, bei der Organisationen gezeigt haben, wie man sich als älterer Mensch ehrenamtlich engagieren kann.

Macht sich auch die Stadtverwaltung die gebündelte Fachkompetenz zunutze?

Ja, der Stadtseniorenrat hat ein Anhörungsrecht bei kommunalen Baumaßnahmen. Erst vor Kurzem gab es Gespräche zum barrierefreien Bau des Hallenbads. Ähnlich waren wir bei Maria Rosengarten, Klosterplatz, Dorfplatz Arnach und Friedhofserweiterung in die Planung eingebunden. Auch geben wir von uns aus Anregungen, wo zum Beispiele Gehwege abgesenkt werden sollten, um Rollstuhlfahrern den Übergang zu erleichtern. Bei all dem sind wir natürlich Sprachrohr der älteren Generation und ihrer Interessen. Aber wir haben stets auch die jüngeren Menschen im Blick. Und da überschneiden sich ja auch oft die Bedürfnisse.

Inwiefern?

Zwei Beispiele: Hohe Gehwegkanten, die Rollstuhlfahrern oder Menschen mit Rollatoren hinderlich sind, sind es auch für Menschen mit Kinderwagen. Und das Entsorgungsprojekt Windel-Willi nutzt jungen Familien ebenso wie Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen.

Wie sieht es denn allgemein mit der Barrierefreiheit in Bad Wurzach aus?

Insgesamt, denke ich, kann man zufrieden sein. Das betrifft sowohl öffentliche Gebäude, Ausnahme ist da das Rathaus, als auch die meisten Geschäfte. Was fehlt, sind Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Eine löbliche Ausnahme ist da zum Beispiel die Marien-Apotheke.

Und wie beurteilen Sie aus Sicht der älteren Bürger die Infrastruktur insgesamt?

Das Ausdünnen der Filialnetze von Post und Banken sehen wir natürlich mit Sorge. Das gilt auch für Einkaufsmöglichkeiten in den Orten. Jeder Dorfladen ist ein Gewinn. Im medizinischen Bereich ist die Versorgung gut, auch wenn noch mehr Fachärzte in der Stadt wünschenswert sind.

Wenn sich immer mehr in der Kernstadt abspielt, muss diese von den Orten aus erreichbar sein. Ist das in Ihren Augen möglich?

Grundsätzlich gilt: Der öffentliche Nahverkehr ist eine ganz große Zukunftsaufgabe. Wenn es nicht gelingt, hier eine gute Struktur zu schaffen, wird der ländliche Raum abgehängt. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es im Bad Wurzacher Nahverkehr mehr Angebote gibt, als man gemeinhin annimmt. Viele wissen nur nichts von diesen Angeboten. Daher würde sich der Seniorenrat einen „Bad Wurzacher Fahrplan“ in gedruckter Form wünschen. Den gab es schon einmal, leider ist er aber nie wieder neu aufgelegt worden.

Nahverkehr macht dabei aber nicht an Gemeindegrenzen Halt?

Richtig, das ist ein Thema für den ganzen Landkreis Ravensburg. Und für uns Bad Wurzacher ist natürlich auch das Angebot Richtung Biberach wichtig. Aber als Bad Wurzacher Stadtseniorenrat kann ich da wenig bewegen. Ich würde mir gerade bei diesem Thema vom Kreisseniorenrat Ravensburg wünschen, dass er eine stärkere Stimme für die ältere Generation ist.

Und diese ältere Generation ist heutzutage ja auch viel mobiler.

Ja, die Älteren fühlen sich immer jünger. Das geht mir selbst ja auch so. Wenn es gesundheitlich möglich ist, nimmt man auch mit 70 oder 80 noch am gesellschaftlichen Leben teil, unternimmt Reisen, fährt Fahrrad oder E-Bike und so weiter. Es ist schön, dass es so ist. Es hat aber auch zur Folge, dass vermeintlich seniorengerechte Angebote nicht mehr so gut angenommen werden. Dafür fühlen sich die meisten Senioren einfach noch zu jung. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir an diese „jungen Alten“ zukünftig herankommen.

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