Der Bürgermeister hat jetzt ein neues Steckenpferd

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Gute Laune bei „Politik trifft Jugendarbeit“: Dieter Krattenmacher im Gespräch mit Kindern und Betreuern.
Gute Laune bei „Politik trifft Jugendarbeit“: Dieter Krattenmacher im Gespräch mit Kindern und Betreuern. (Foto: Fotos: Steffen Lang)
Redakteur Bad Wurzach

Einige Eindrücke vom Zeltlager in Beutels gewinnt man im Video:

www.schwaebische.de/

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51 Kinder verbringen derzeit eine Zeltlagerwoche in Beutels bei Ziegelbach. Am Montagvormittag erhielten sie Besuch vom Kißlegger Bürgermeister Dieter Krattenmacher.

Die kleine Zeltstadt auf einer Wiese der Familie Häfele ist kreisförmig um die große Feuerstelle angeordnet. Ganz außen im Kreis befinden sich die Schlaf- und die Versorgungszelte. Davor sind die „Wohnzimmerzelte“ aufgestellt worden, deren Einrichtung sich die Neun- bis Zwölfjährigen selbst gezimmert haben.

Vor der Sonne geschützt wird in ihnen an diesem Montagvormittag fleißig gewerkelt. Die einen basteln aus Perlen Schmuck. Die anderen hantieren mit Speckstein. Wieder andere stellen Fackeln für die bevorstehende Nachtwanderung her. In einem vierten „Wohnzimmer“ werden Waffen und Schilde aus Holz gezimmert. Das Zeltlager steht unter der Überschrift „Ritter“, und die waren bekanntlich wehrhaft.

Nächtliche Räuber landen im Gefängnis

Ein paar Meter neben der Feuerstelle steht ein großer hölzerner Turm, an dem die Lagerfahne weht. Der Raum unter der Aussichtsplattform ist das Gefängnis des Lagers. „Das brauchen wir, weil unser Lager nachts immer wieder überfallen wird“, erzählt Martina Krattenmacher vom Bund der Landjugend Württemberg-Hohenzollern. Er ist Veranstalter des Zeltlagers für die Mädchen und Jungen aus Oberschwaben und den angrenzenden Regionen.

Die nächtlichen Räuber – Mitglieder der Landjugend – versuchen, die Fahne des Lagers zu stehlen. Jede Zeltgruppe hat daher eine Nachtwache aufgestellt. „Erwischen wir einen der Räuber, wird er eingesperrt. Dann gibt es eine Verhandlung, in der entschieden wird, was der Gefangene tun muss, um wieder frei zu kommen. Einer musste zum Beispiel ,Alle meine Entchen singen’ und dazu eine Tanzeinlage geben.“

„Langweilig wird’s hier nie“, fasst Martina Krattenmacher zusammen. „und abends fallen die Kinder dann meistens ins Bett.“

Am Montagvormittag zählte das Landjugendlager einen Kopf mehr. Der Kißlegger Bürgermeister Dieter Krattenmacher kam zu Besuch. Eingeladen worden war er vom Kreisjugendring Ravensburg. Der hat die Initiative „Politik trifft Jugendarbeit“ ins Leben gerufen. „Wir haben Lokalpolitiker wie Kreisräte und Bürgermeister angeschrieben, damit sie sehen, wie Jugendarbeit vor Ort abläuft“, erläutern Stefanie Krause vom KJR und ihre ehrenamtlich tätige Kollegin Michaela Lendrates.

Eine Aktion, die nach ihren Worten gut ankommt. „Ein Politiker musste schon bei der Trachtenjugend mittanzen“, erzählen sie, andere besuchten zum Beispiel Musikfestivals und Gruppenabende. „Man kommt miteinander ins Gespräch, wir können Werbung in eigener Sache machen und den Mehrwert der Jugendarbeit für die Gesellschaft zeigen.“ Gleichzeitig kann den Kommunalpolitikern vor Augen geführt werden, was an Unterstützung, auch finanzieller Art, noch gebraucht wird.

Der Kißlegger Bürgermeister Dieter Krattenmacher entschied sich für das Zeltlager in Ziegelbach, „um mal zu sehen, wie’s woanders läuft“. Interessiert verfolgte er die Arbeit in den Zeltgruppen, um schließlich beim Basteln eines Steckenpferds selbst Hand anzulegen. Den alten Tennissocken stopfte er mit Schafwolle aus. Das Ganze wurde mit einem Faden an einem Stecken befestigt. Augen drangeklebt, fertig war des Bürgermeisters neues Steckenpferd. „Das erste seit gut 40 Jahren“, erzählte er lachend. „Das bekommt einen schönen Platz in meinem Büro.“

Die große Anzahl junger ehrenamtlicher Betreuer – in Ziegelbach ein 20-köpfiges Team – nannte Krattenmacher „beglückend. Hier wird das Gejammer widerlegt, dass es immer mehr Jugendliche gebe, die sich nicht engagieren.“

Ein Zeltlager wie dieses der Landjugend Württemberg-Hohenzollern, an dem auch Kinder aus anderen Regionen teilnehmen, sei gleichzeitig „auch Werbung für unsere Region. Wenn sie hier Freude haben, erinnern sie sich daran vielleicht als Erwachsene, wenn sie nach dem passenden Ort zum Leben suchen“, so Dieter Krattenmacher.

„Super wichtig“ ist in seinen Augen auch, dass die Kinder von ihren Betreuern unter anderem an das Leben in und mit der Natur herangeführt werden. „Wir machen hier zum Beispiel Butter, Marmelade und Mehl selbst“, erzählte ihm Martina Krattenmacher. Der zunehmenden Entfremdung der Kinder zur Natur im Allgemeinen und zur Landwirtschaft im Speziellen werde so entgegengewirkt. „Das ist unglaublich wertvoll“, so der Kißlegger Gemeindechef. „Weiter so!“

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