Wenn Schweinebraten auf Vegetarier trifft

Lesedauer: 6 Min
 Zum elften Ortsgespräch hatte ein leider brillenloser Dirk Haselbacher den Naturheil-Papst Andreas Michalsen zu Gast.
Zum elften Ortsgespräch hatte ein leider brillenloser Dirk Haselbacher den Naturheil-Papst Andreas Michalsen zu Gast. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Dirk Haselbacher hat es wieder getan. Zum elften Mal bereits hat der bühnenaffine Logopäde, dem längst der zweite Vorname „Talkmaster“ gebührt, am Freitagabend in der Mälze sein „Ortsgespräch“ geführt. Gast diesmal: Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin, Gesundheitsökonom an der Charité und mittlerweile auch Spiegel-Bestsellerautor.

Wer als Zuschauer des mittlerweile mehr als drei Jahre alten Talk-Formats nicht ausgesprochen pünktlich, sprich am besten 90 Minuten früher, den Weg in den „Grünen Baum“ findet, der muss einfach draußen bleiben. Was im Fall des jüngsten „Ortsgesprächs“ auch nicht dramatisch ist. Denn dank Videotechnik kann der geneigte Zuschauer die Show auch draußen verfolgen. Sofern er gute Ohren, einen kälteresistenten Kittel und Lust auf den ersten, zweiten und dritten Glühwein der Saison hat.

Ernährungstipps ohne erhobenen Zeigefinger

Lohnend ist dieses Ortsgespräch allemal. Einerseits, weil Haselbacher im Laufe seiner Reihe als Gastgeber und Fragensteller gereift und wenig bis gar nicht mehr nervös scheint. Andererseits, weil der in Waldsee geborene Professor und Doktor der Humanmedizin sich ganz prima auf den launigen Dialog einlässt. Michalsen kann ab, dass Haselbacher ihn im Eifer des Gefechtes schon mal Michael nennt. Er nimmt amüsiert den Gutschein für einen „sauguta Leberkäswecka“ bei Haselbachers Lieblingsmetzger entgegen („Als Vegetarier kann me des Floisch au weglasse“). Und Michalsen gibt vor allem wunderbar einleuchtend praktisch den ganzen Abend hindurch Ernährungs- und Gesundheitstipps. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Als drittes Kind sei er in einer klassischen Arztfamilie groß geworden, erzählt Michalsen aus seiner Vita, habe erst seiner Passion, dem Gitarre spielen, folgen und unbedingt in Boston Musik studieren wollen. Den Papa („der war noch ein Hausarzt der alten Schule, der hat noch geschnuppert, angefasst und mit dem Patienten geredet!“) habe er manches Mal auf Krankenbesuch hinaus aufs Land begleitet – und irgendwann dann doch dem Impuls nachgegeben, sich auch für das Medizinstudium einzuschreiben. Was dann folgt ist ein sehr zuschauerverträglicher Dialog über den Stellenwert des Patienten in der heutigen, ökonomieorientierten Medizin und über das Auswahlverfahren von Ärzten („Es zählt nur der Einser-Schnitt“).

Von der Schulmedizin zur Naturheilkunde

Ein wohl präparierter Haselbacher (bis auf die Brille, die hat er vergessen…) und der offenbar talkshow-erfahrene Michalsen spielen sich dann zwei Stunden lang die Bälle zu. Als roter Faden darf zweifellos der Schweinebraten gelten, dem Haselbacher scheinbar oft und gerne zuspricht – und dem der drahtige Vegetarier Michalsen schon vor Jahren abgeschworen hat. Der Gesundheit und der Umwelt zuliebe. Nicht zur Gänze abgewandt aber sich mehr und mehr im Spektrum erweitert hat sich der 57-jährige Mediziner auch beruflich: Von der Kardiologie, der Notfallmedizin und dem Herzkatheterlabor wechselte er vor 20 Jahren in die Naturheilkunde, machte Diplome in Ernährungsmedizin, Akupunktur und Homöopathie. Und so seine Erfahrungen gemacht mit der Schulmedizin, die noch immer argusäugig auf die Naturheilkunde schiele, sie etwas hilflos und aus Zeitmangel einfach ausgrenze.

Auf die Heilkraft der Natur zielen dann auch die Zuschauerfragen ab: Was er von Eigenblutbehandlungen halte? Ob Impfungen sinnvoll und Cannabisgaben hilfreich sind? Und wie überhaupt die perfekte, bezahlbare Ernährung aussehen solle? – Da hat Michalsen einen ebenso simplen wie günstigen Rat parat: Wirsing und Rosenkohl, Leinsamen und Haferflocken kosten nicht viel. Und sind extrem gesund. Milchprodukte sind – im Übermaß genossen – schlecht. Das Fleisch aus der Retorte wird kommen. Kommen müssen. Und ansonsten sei gesunde Ernährung nicht so schwierig: Kein Weißmehl, kein Fleisch. Dafür viel Gemüse, Obst, Salat. „That’s it“, sagt Michalsen.

Zuschauer geben 800 Euro für guten Zweck

Da kann dann auch Salat-Liebhaber Haselbacher („Fleisch- und Wurschtsalat!“) wieder mit. Und dem üppigen Applaus nach zu urteilen haben auch die Zuschauer so einiges mitnehmen können, aus diesem kurzweiligen Gesprächs-Menü. Wie immer geht der Hut herum, nach den zwei Talk-Stunden. Satte 800 Euro haben die Zuschauer diesmal springen lassen. Für einen guten Zweck. Für den behindertengerechten Umbau der Wohnung einer jungen Waldseerin, die ab dem siebten Halswirbel querschnittsgelähmt ist.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen