Warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen

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Auf dem Foto zu sehen sind (von links): Paul Ebung, Michael Ngam Ache, Vera Sompon mit ihrer Tochter.
Auf dem Foto zu sehen sind (von links): Paul Ebung, Michael Ngam Ache, Vera Sompon mit ihrer Tochter. (Foto: Monika Fischer)
Schwäbische Zeitung
Monika Fischer

„Nichts wie weg! – Warum fliehen Menschen aus ihrer Heimat?“, war das Thema des Kamerun-Sonntags im evangelischen Gemeindezentrum Bad Waldsee. Seit nahezu 20 Jahren unterstützt der Ravensburger Partnerschaftsausschuss „Fako South“ Projekte in Kamerun und veranstaltet traditionell einen Kamerun-Sonntag, der an wechselnden Orten des evangelischen Kirchenbezirks Ravensburg stattfindet. Dabei informierten in Deutschland lebende Kameruner über die aktuelle politische Situation ihres Heimatlandes sowie über die Gründe ihres Weggangs.

Farbenfrohe Gewänder, ein Ensemble von Holzfiguren sowie eine mächtige Kalebasse sorgten für afrikanisches Flair beim Gottesdienst, den der Vorsitzende des Kamerun-Ausschusses, Pfarrer Volker Kühn aus Ailingen, mit seinem Team gestaltete. Trommelschläge zum Klang der Orgel brachten die Kirchenbesucher in Schwung. Überraschend auch das Glaubensbekenntnis, in dem Worte wie „Safari“ oder Hyänen“ auf den afrikanischen Kontinent verwiesen. Ein Mittagsmahl aus landestypischen Gerichten sorgte später noch für spannende Geschmackserlebnisse.

Das Tagungsthema, Kamerun und die möglichen Ursachen von Flucht, ging im evangelischen Gemeindezentrum als Podiumsdiskussion über die Bühne. Dazu begrüßte Gesprächsleiter Kühn Vera Sompon, die vor vierzehn Jahren nach Deutschland kam und heute als Lehrbeauftragte für Rassismus und Diskriminierung an der Hochschule Esslingen arbeitet. Sie berichtete über die augenblicklich schwierige Lage Kameruns, die durch Streik, Straßenschlachten und Verhaftungen gekennzeichnet sei.

Die Wurzeln dafür liegen in der Geschichte des Landes, das einst eine deutsche Kolonie war und nach dem ersten Weltkrieg zu einem kleineren Teil England und einem größeren Teil Frankreich zugeschlagen wurde. Aufgrund dessen gelten Englisch wie Französisch bis heute als Staatssprachen. Zwischen beiden Sprachgruppen schwelt ein Konflikt, der augenblicklich eskaliert und möglicherweise zu einer Fluchtwelle oder sogar zu einem Genozid führen könnte.

Der Auslöser: Die frankophone Bevölkerungsmehrheit stellt mit dem greisen Staatspräsidenten Paul Biya die Zentralregierung und diskriminiert die englischsprachige Minderheit auf massive Weise. Entsprechende Proteste pariert die Regierung mit eiserner Härte.

Vera Sompon ist in beiden Landesteilen aufgewachsen, kam aber nicht aus politischen Gründen nach Deutschland. Die damalige Studentin wollte „sehen, was Deutschland ausmacht“ und ist geblieben, da sie ihre Träume erfüllt sah. Anders dagegen Paul Ebung, der seit vier Jahren in Deutschland lebt. Als BWL-Student hatte er in seiner Heimat mit Kommilitonen einen sozialen Verein gegründet, der Hilfeleistungen anbot. Trotzdem stand die Gruppe auf der schwarzen Liste und Paul konnte nur mit Mühe einem Trupp bewaffneter Verfolger entkommen.

Er schlug sich über Spanien, wo ihm von Soldaten ein Bein gebrochen wurde, nach Deutschland durch und hat jetzt die Zusage auf einen Studienplatz der Rechtswissenschaften. Als ausgebildeter Jurist hofft er, nach Kamerun zurückkehren zu können, um seinem Land zu dienen.

Der dritte Gesprächsteilnehmer, Michael Ngam Ache, ist im Englisch sprechenden Landesteil aufgewachsen und hat erlebt: „Wer hier geboren ist, ist zu 100 Prozent im Nachteil.“ Mit manipulierten Prüfungsfragen ließen ihn seine frankophonen Lehrer durchs Examen fallen und verbauten auf diese Weise seine berufliche Zukunft. Ihm gelang zwar der Sprung nach Deutschland, doch ohne Schulabschluss blieb ihm ein Studium verwehrt. Heute arbeitet er als Busfahrer. Alle drei Diskussionsteilnehmer betonten die brennende Sorge um ihr Heimatland und appellieren an die Politik, auf europäischer Ebene Schritte zur Konfliktlösung einzuleiten.

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