Walz-Betriebsratsvorsitzender: "Wir müssen einen harten, steinigen Weg finden"

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Schwäbische Zeitung
Landes-Korrespondentin

Auf 60 Jahre Firmengeschichte blickt das Versandhaus Walz zurück. Aus dem 1952 von Alfons Walz gegründeten Versender von Baby-Erstausstattung ist Bad Waldsees zweitgrößter Arbeitgeber (nach Hymer) geworden. Noch gibt es am Standort 1000 Vollzeitstellen, bald werden es 20 Prozent weniger sein. Denn die Geschäftsführer Rainer Stäbler und Werner Fritsch haben angekündigt, dass das Unternehmen 200 von seinen insgesamt 1300 Vollzeitstellen abbauen werde. Das haben sie am Donnerstag der Belegschaft mitgeteilt.

Ganz aus heiterem Himmel kommt die Nachricht nicht, der Spezialversender mit der Marke Baby Walz als Zugpferd, der mittlerweile ein sehr unterschiedliches Sortiment in elf verschiedenen Katalogen führt, ging als Teil des insolventen Handelskonzerns Arcandor jüngst durch stürmische Zeiten. Seit der Übernahme im Herbst 2010 durch die Carlyle Group, einem Finanzinvestor, der per Unternehmenszweck in erster Linie an Gewinnmaximierung interessiert ist, ging bei der Belegschaft in Bad Waldsee die Nervosität um – davon haben Walz-Mitarbeiter der SZ berichtet, das haben auch die Geschäftsführer gemerkt, wie sie sagen. „Wir haben Angst, dass die Seele des Unternehmens verloren geht“, sagte ein Mitarbeiter, der nicht näher genannt werden möchte.

Dazu kamen handfeste Hinweise darauf, dass auf das Traditionsunternehmen Veränderungen zukommen werden. In einem Schreiben teilte die Geschäftsführung kürzlich der Belegschaft mit, dass es dem Unternehmen „wegen der schlechten Geschäftsentwicklung im Geschäftsjahr 2011 und der sich nicht verbessernden Lage im 1. Quartal 2012“ nicht möglich sei, zusätzlich zur Ende 2011 gemachten Sonderzahlung eine weitere zu leisten – wie es in den Vorjahren üblich war. Die bereits geleistete Sonderzahlung sei so hoch gewesen, dass sie nach Abschluss des Geschäftsjahres über Maß gelegen habe, sagt Fritsch. 2010 betrug der Umsatz des Unternehmens 308,2 Millionen Euro. Zahlen für 2011 gibt es nicht, doch Stäbler sagt, dass der Umsatz zwar gewachsen sei, der Gewinn aber nicht.

Ein weiteres, verunsicherndes Signal für Veränderung: Unternehmensberater der Boston Consulting Group waren wochenlang im Unternehmen in Bad Waldsee vor Ort. Auch das wurde im April per Rundschreiben der Belegschaft mitgeteilt. Gemeinsam mit Fritsch habe er das neue Unternehmenskonzept intensiv entwickelt, sagt Stäbler. Zusätzlich sollten die Berater unabhängig und neutral auf die aktuellen Strukturen blicken und auch ihr Wissen darüber einbringen, wie sich andere Unternehmen aufstellen.

Stäbler ist erst seit Mitte Februar bei Walz, als Nachfolger für den aus eigenem Willen vom Unternehmen ausgeschiedenen Geschäftsführer Dr. Daniel Gutting. „Wir haben sehr früh kommuniziert, dass Veränderungen unumgänglich sind. Diese wollen wir nun in aller Sorgfalt umsetzen“ – möglichst schnell, in Abstimmung mit dem Betriebsrat, sagt Stäbler. Dazu gehört auch eine Umstrukturierung im Unternehmen. Die rein funktionale Organisation, der zwei Geschäftsführer vorstehen, wird aufgeteilt in drei Bereiche – stärker zielgruppenorientiert, mehr nach Marken gegliedert. Ein Bereich wird Baby & Kids heißen (mit Stäbler als Geschäftsführer), einer Living & Home (wofür noch ein Geschäftsführer gesucht wird) und ein Bereich wird Querschnittsfunktionen wie Finanzen und Personal beinhalten (dem Fritsch vorstehen wird). So wolle man Unternehmensbereiche nach sinnvollen Inhalten gliedern.

Als er in Bad Waldsee vor wenigen Monaten ankam, so Stäbler, habe er viel mit den Mitarbeitern geredet. „Allen sind die Probleme bewusst – manche sprechen sie offener an, manche weniger offen.“ Als Beispiel nennt er, dass etwa im Einkauf zum Teil dasselbe Produkt vom selben Hersteller von unterschiedlichen Walz-Mitarbeitern für unterschiedliche Zwecke geordert werde.

Rund 200 der 1000 Stellen am Standort Bad Waldsee werden im Zuge der Umstrukturierung also wegfallen: Die Hälfte durch Fluktuation und durch Auslaufen befristeter Arbeitsverträge, die andere Hälfte durch Kündigungen, erklärt Stäbler. Wie viele Mitarbeiter von der Stellenstreichung tatsächlich betroffen sein werden, ist noch unklar. Einige Schlüsselpositionen in den einzelnen Bereichen sollen wiederum installiert werden – etwa im Vertrieb und im Marketing. „Wenn wir diesen harten Schritt gehen, dann wollen wir eine Perspektive haben, mit der die Mitarbeiter Spaß an ihrer Arbeit haben und auf das Versandhaus stolz sind“, sagt Stäbler.

Die Schritte seien notwendig und zugleich ein Bekenntnis zum Standort Bad Waldsee. Stäbler verweist auf die hohe Lohnstruktur hier im Südwesten – in Berlin seien die Löhne für Callcenter-Dienste etwa halb so hoch. Auch Lagerkosten seien in anderen Regionen, vor allem im Ausland, wesentlich günstiger.

Die Bekenntnis zum Standort Bad Waldsee sieht auch der Betriebsratsvorsitzende Stefan Kammerlander, wie er sagt. Doch er weiß auch: „Wir müssen einen harten, steinigen Weg finden.“ Sein Ziel heiße: Möglichst wenige Kündigungen und so sozialverträglich wie möglich. Denn wenn von 200 Stellenstreichungen die Rede ist, dann sei davon eine wesentlich höhere Zahl an Mitarbeitern betroffen. „Gerade im Bereich Logistik haben wir sehr viele Teilzeitkräfte“, sagt Kammerlander.

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