Wahl-Kressbronner stellt Aktfotografien aus

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Der Fotograf Kees Tillema neben seinem „Diptychon“, zwei Schwarz-Weiß-Fotoabzüge von weiblichen Akten – einer Mutter mit Baby u
Der Fotograf Kees Tillema neben seinem „Diptychon“, zwei Schwarz-Weiß-Fotoabzüge von weiblichen Akten – einer Mutter mit Baby und einer Frau mit Pudel. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Der niederländische Fotograf Kees Tillema ist kein Unbekannter in Oberschwaben. Seit 1997 wirkt der 1943 in Baflo geborene Fotokünstler als Gastdozent an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, wo er trotz eines mehrjährigen Frankreichaufenthalts weiter unterrichtete. 2009 zog er um nach Kressbronn. In der Kleinen Galerie stellt er nun 41 Aktfotografien aus, hauptsächlich weibliche Akte, allesamt analoge Fotografien und Handabzüge auf mattem Papier. Eine „klassische“ Ausstellung nannte sie Galerieleiter Axel Otterbach, der Tillema schon lange kennt.

Auch Laudator Klaus Bodemeyer, früher Professor für Kunsterziehung an der PH, hat Tillemas Arbeit über Jahrzehnte hinweg verfolgt. In seiner tiefgründigen und konzisen Einführung, die trotz ihrer Länge kurzweilig, weil anregend blieb, skizzierte er einen geistesgeschichtlichen Rahmen, der vom kritischen Blick Susan Sontags auf „die Zwanghaftigkeit des Fotografierens“ und die von Günter Anders als „Ikonomanie“ des modernen Menschen bezeichneten Auswüchse des Bilder „Aufnehmens“ und „Habens“ bis hin zum lebendigen Ausdruck des Körpers bei Auguste Rodin reichte. Dazwischen lag ein Ausflug zum Thema „Maler und Modell“, das den Unterschied zwischen Malerei und Fotografie in der Formulierung des „intuitiven Mithandeln des Modells“ auf den Punkt brachte und in der „präfigurierenden Vorstellungskraft“ des Fotografen – wie auch eines Malers – die Gemeinsamkeit zwischen beiden Künsten betonte.

Kees Tillemas Fotografien sind in gewisser Weise schon ein Gruß aus ferner Zeit – und gleichzeitig klassisch in der Ästhetik. Einmal ist es die völlig andere Taktilität des distanzierenden Schwarzweiß, die den Betrachter auf Distanz hält und ihm selbst die Sicht auf allzu genaue Details verweigert. Mehrfachbelichtungen und Überblendungen sowie Lichtkontraste vor dunklen Gründen oder scharfe Konturen entheben die Körper andererseits der Erdenschwere und versetzen sie in fließende Bewegung oder kraftvolle Dynamik. Körperausschnitte, Torsi, Körper im Profil, im verlorenen Profil oder als Rückenakt werden in einigen Arbeiten mit Risszeichnungen von Leonardo oder mittelalterlichen Holzschnitten überblendet – als Zitat eines vergangenen Körperbildes. Noch mehr faszinieren kleine Serien wie vier Fotos einer Schwangeren in gleicher Haltung, auf denen der Bauch sich zunehmend rundet. Auf dem vierten Foto liegt der Säugling auf den Armen seiner wieder schlanken Mutter; sein kleines Gesicht ist dem Betrachter zugewandt, das der Mutter ist nur halb zu sehen. So wahrt Tillema häufig die Anonymität des Modells, ohne es wesentlich zu verändern. Dass er über Humor verfügt und auch mal freundliche Sozialkritik vermittelt, zeigt sein „Diptychon“ mit der Gegenüberstellung einer für heutige Begriffe korpulenten Mutter mit ihrem Baby, das sich an ihre Brust schmiegt und auf das sie lächelnd herunter blickt, während die ältere, sehnige und gebräunte Frau daneben, deren Mund geschlossen scheint, ihren gelockten weißen Pudel vor sich hält, dem Pudel ist dabei wohl eher unbehaglich. Der einzige männliche Akt in der Ausstellung zieht auch den Blick auf sich: im Körpergestus des Akrobaten mit verknoteten Gliedern ist neben der Spannung ebenso viel konzentrierte Ruhe und Meditation enthalten.

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