„Von Hamstern oder täglichem Einkaufen für die Routine rate ich ab“

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Schwäbische Zeitung

Deutschland fährt runter, Bundeskanzlerin Angela Merkel machte am Mittwochabend auf den Ernst der Lage aufmerksam und bat in ihrer TV-Ansprache noch einmal eindringlich darum, die sozialen Kontakte einzuschränken. Bei der besonders vom Virus gefährdeten älteren Generation scheint das mitunter nicht so recht anzukommen – so ist zu beobachten, dass manche Menschen und eben auch Senioren weiter machen, als sei nichts passiert. Das berichteten am Mittwoch im SZ-Gespräch auch einige Waldseer Händler beim Blick auf das teilweise rege Treiben in der Altstadt oder in ihrem Lebensmittelladen. Dabei, so die Meinungen, gehe es bei Maßnahmen vor allem auch um den Schutz der älteren Bevölkerung. Karin Kiesel hat sich mit Helmut Brecht, Vorsitzender des Stadtseniorenrats Bad Waldsee, unterhalten.

Herr Brecht, Senioren gelten als Risikogruppe. Welche Maßnahmen hat der Stadtseniorenrat getroffen?

Zunächst muss gesagt werden, dass alle Bürger akzeptieren sollten, was von Virologen und der Regierung vorgeschlagen wird. Das heißt, die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken und Ruhe zu bewahren. Wer jetzt unnötige Kontakte pflegt handelt fahrlässig. Wenn sich alle vernünftig verhalten bin ich sicher, dass wir gut durch die Situation kommen. Wir vom Stadtseniorenrat haben alle Veranstaltungen für die nächste Zeit abgesagt. Das heißt, dass auch die Sprechstunde an jedem ersten Donnerstag im Monat im Seenema mit anschließendem Kinofilm bis auf Weiteres ausfällt. Ebenso unsere Wanderungen. Auch die Mitgliederversammlung am 21. April haben wir auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr verschoben und unsere Vorstandssitzungen im Spital finden aktuell auch nicht statt.

Sie haben die Vernunft angesprochen: Immer wieder sieht man Menschengruppen draußen unterwegs, Senioren werden in diesem Zusammenhang ebenso kritisiert wie etwa Jugendcliquen. Lebensmittelhändler berichten, dass ältere Mitmenschen aktuell häufig zum Einkaufen gehen. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Ich kann nur jedem Menschen und besonders Senioren raten, davon Abstand zu nehmen und vor allem Grüppchenbildung zu vermeiden. Es ist wichtig, den klaren Empfehlungen der Virologen zu befolgen, und in den nächsten zwei bis Wochen auf lieb gewonnene Gewohnheiten zu verzichten und zu Hause zu bleiben. Ich selbst bin aktuell auch mehr daheim als sonst. Es wird immer Leute geben, die das alles ignorieren, dafür habe ich kein Verständnis. Wer sich ansteckt, macht alles nur noch schlimmer, das gilt explizit für Senioren, die besonders gefährdet sind. Von Hamstern oder täglichem Einkaufen für die Routine rate ich ab. Es gibt Nachbarschaftshilfen oder Familien oder Bekannte, die die Einkäufe übernehmen können.

Gerade für ältere Menschen ist die soziale Enthaltsamkeit oft schwer, da viele ohnehin wenig soziale Kontakte haben oder einsam sind. Was raten Sie diesen Menschen?

Da gibt es gerade leider nur einen Weg und der lautet: möglichst alleine sein oder nur ganz wenige soziale Kontakte für die nächste Zeit. Ansonsten sind Telefonate mit Familie und Bekannten eine Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben. Über den Gartenzaun mit einem guten Abstand Unterhaltungen zu führen oder Gespräche von Fenster zu Fenster zu halten sind auch beispielsweise Möglichkeiten, um im Gespräch zu bleiben. Sicherlich werden einige Senioren für die nächste Zeit einsamer sein als zuvor, aber es hilft ja nichts. Wenn man sich nicht an die Empfehlungen hält, wird sonst eventuell alles nur schlimmer. Spaziergänge an der frischen Luft kann man natürlich weiterhin tätigen und das ist auch wichtig für das Immunsystem. Aber das muss nicht in Gruppen sein, sondern alleine oder falls nötig maximal zu zweit mit dem entsprechenden Abstand. Alles andere ist nicht solidarisch.

Was meinen Sie damit?

In dieser Situation, die es so noch nie gab, ist es wichtig, gegenseitig aufeinander Rücksicht zu nehmen. Auch Senioren haben Verantwortung gegenüber den jüngeren Menschen, genauso, wie dies umgekehrt der Fall ist. Von vielen wird die Lage noch zu leicht genommen. Man sieht aber nicht, wer sich mit dem Virus infiziert hat, deswegen ist es wichtig, möglichst viele Kontakte zu vermeiden und vor allem auf Händeschütteln oder Umarmungen zu verzichten, wie es aktuell noch häufig zu beobachten ist bei allen Altersgruppen. Es geht bei allen Maßnahmen auch darum, das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Wenn wir uns alle an die Vorgaben halten, werden wir die Situation gut überstehen.

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