„Verkehrsteilnehmern fehlt das Unrechtsbewusstsein“

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 Immer wieder greifen Gaffer zum Handy und filmen und fotografieren Unfälle.
Immer wieder greifen Gaffer zum Handy und filmen und fotografieren Unfälle. (Foto: dpa/Christian Pörschmann)
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Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Empathie sind Werte, die Eltern ihren Kindern schon früh vermitteln. Doch punktuell scheinen diese Werte generationenübergreifend in Vergessenheit zu geraten und gipfeln in fehlendem Unrechtsbewusstsein.

Eine Beispielsituation: Ein Autofahrer manövriert aus der Parklücke heraus, streift oder rammt dabei ein anderes Auto und fährt einfach davon. Wöchentlich muss die Polizei derartige Parkrempler protokollieren. Bad Waldsees Amtsgerichtsdirektor Feurle liegen diese Fälle immer wieder vor. Die häufigste Ausrede der Betroffenen kennt er gut: Es sei nichts bemerkt worden. „Es ist ein Phänomen, das vor allem Ältere es nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Auto angefahren haben“, weiß Feurle aus Erfahrung. Dabei werde betont – mit der Konsequenz einer erhöhten Prämie bei den Versicherungen im Hinterkopf – dass man bereits seit 50 Jahren unfallfrei gefahren sei. „Manche wollen sich einfach nicht eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht haben“, bringt der Richter das fehlende Unrechtsempfinden auf den Punkt.

Fahrt unter Alkohol oder Drogen

Aber nicht nur Senioren fallen bei nicht angezeigten Parkremplern auf. Auch jüngere Autofahrer touchieren andere Fahrzeuge, Laternen oder Mauern und verschweigen die Tat. „Bei den Jüngeren sind hierbei auch mal Alkohol oder Drogen im Spiel und dann wollen sie auf gar keinen Fall, dass ihre Eltern das mitbekommen“, so Feurle. Die kriminelle Folge: Fahrerflucht. Dabei sind Parkrempler kein Kavaliersdelikt. Das Unerlaubte Entfernen vom Unfallort kann nach Paragraf 142 des Strafgesetzbuches eine Freiheits- oder Geldstrafe nach sich ziehen, erläutert Feurle. Je nach Schadenshöhe kann den Fahrern außerdem der Führerschein entzogen werden.

Eine andere Beispielsituation: Es gab einen Unfall. Trümmerteile der Autos liegen auf der Straße, die Verletzten werden von den Rettungssanitätern versorgt. Zufällig Vorbeifahrende verringern ihre Geschwindigkeit, begutachten die Unfallszenerie in aller Ausführlichkeit und zücken neuerdings sogar ihr Handy, um Fotos und Videos davon aufzunehmen. Immer häufiger sehen sich Rettungskräfte dreisten Gaffern gegenüber, die aus einer Mischung aus Neugierde und Sensationslust ihr Anstandsgefühl beiseite legen.

In Bad Waldsee kommt das bei Feuerwehreinsätzen noch nicht so häufig vor, wie Feuerwehrsprecher Marcel Huber auf SZ-Nachfrage berichtet. Das Phänomen sei „nicht unbedingt bekannt. Das gab es schon immer. Nur, dass die Leute es heute zu ihrem Sport und Hobby gemacht haben, das Ganze mit dem Handy zu filmen“. Es scheint fast so, als ob sich die Gaffer mit ihren Aufnahmen profilieren möchten. Dabei können daraus weitere Gefahrensituationen entstehen. „Es kommt zu unnötigen Staus oder Auffahrunfällen“, weiß Huber.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der hilflosen und verletzten Menschen setzen die Feuerwehrangehörigen an Unfallstellen auch mal Teppiche oder Planen ein oder parken die Feuerwehrautos derart geschickt, das kein Gaffen möglich ist. Sollte ein Gaffer zu aufdringlich werden, wissen sich die Einsatzkräfte zu helfen. „Gaffer werden von uns gebeten, die Einsatzstelle zu räumen. Filmen ist generell untersagt. Wer dem nicht nachkommt, wird an die Polizei übergeben“, so Huber. Und nicht zuletzt stellt das Nutzen des Handys während der Fahrt eine Ordnungswidrigkeit dar.

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