Unfallopfer: „Ich hätte tot sein können“

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Im Juni 2015 ereignete sich zwischen Bad Waldsee und Gaisbeuren ein schwerer Unfall, der das Leben von Renate S. veränderte.
(Foto: Archiv/SCHUH)
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43 Unfälle, 29 Leichtverletzte, 17 Schwerverletzte und drei Todesopfer: Das ist die Unfallbilanz des Streckenabschnitts der B 30 zwischen Egelsee und Englerts für das Jahr 2015. Hinter den Zahlen steckt gleichwohl mehr, als reine Statistik. Vom einen auf den anderen Moment kann sich das Leben für die Betroffenen dramatisch ändern. Die SZ hat mit einem Unfallopfer gesprochen.

Montag, 8. Juni, kurz vor 16 Uhr. Renate S. fährt von der Arbeit nach Hause. Von Ravensburg führt sie ihr Weg vorbei an Egelsee, durch Enzisreute und Gaisbeuren. Es ist warm, der Himmel etwas bewölkt, die Sicht klar. Plötzlich kommt ein Auto von der Gegenfahrbahn auf ihre Fahrbahn und steuert direkt auf sie zu. Geistesgegenwärtig hupt S., um den Fahrer auf sich aufmerksam zu machen. Doch das Auto fährt ungebremst weiter. „Der Wagen ist direkt auf mich zugekommen. Das war der Horror“, erinnert sich die Bad Waldseerin im SZ-Gespräch an den Unfall. Sie versucht noch auszuweichen – ohne Erfolg. Das Auto prallt mit hoher Wucht auf ihre Fahrerseite. Ihr Auto wird von der Fahrbahn geschleudert und kommt in einer Wiese zum Stehen. „Ich hatte Glück, wenn das Auto 20 Zentimeter weiter hinten eingeschlagen wäre: Ich hätte tot sein können“, berichtet S. und schüttelt heute noch ungläubig den Kopf.

Telefonieren oder Sekundenschlaf

Renate S. ist eine von insgesamt 17 Personen, die im Jahr 2015 auf dem Streckenabschnitt der B 30 bei Bad Waldsee bei einem Unfall schwer verletzt wurde. Die Unfallgründe lesen sich in den Polizeiberichten zumeist ähnlich. „Offensichtlich infolge Unachtsamkeit“ haben sich die oftmals folgenschweren Kollisionen ereignet. Damit gemeint ist unter anderem: telefonieren am Steuer, SMS schreiben oder Sekundenschlaf. „Die Fahrer sind durch irgendetwas abgelenkt, sei es das Navigationsgerät, die Handtasche oder das Handy. Im Nachhinein lässt sich das nur schwer feststellen. Außer die Unfallverursacher erklären sich. Dann nehmen wir den Grund auch in den Polizeibericht mit auf“, erläutert Polizeisprecherin Manuela Dirolf. Die Öffentlichkeit würde über die genauen Gründe auch informiert, um die Bürger zu warnen. „Wenn beim Fahren ein Gegenstand auf den Boden fällt, dann sollte rechts ran gefahren werden, um ihn wieder aufzuheben und sich nicht in einer scharfen Kurve danach gebückt werden“, zählt Dirolf exemplarisch einen möglichen Unfallgrund auf, der schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen kann. Wie beispielsweise bei Renate S.

Mutig helfen

Der 8. Juni hat ihr Leben drastisch verändert: Drei Wochen verbrachte sie mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg. Bis heute kann sie noch nicht wieder zur Arbeit. Dennoch strahlt sie große Lebensfreude aus. Der Grund: „Ich hätte auch querschnittsgelähmt sein können.“ Sie hält kurz den Atem an, blickt zu Boden, schaut wieder auf und ergänzt: „Sachen, die mir früher wichtig waren, sind es heute nicht mehr. Man sollte einfach schon froh sein, wenn man gesund ist.“ Und so erinnert sich S. sehr häufig an ihren Ersthelfer zurück, der ihr im Sommer zu Hilfe eilte. Mit Ruhe, Sachverstand und Umsicht habe er sich in den ersten Momenten und Minuten nach dem Unfall um sie gekümmert. Er wusste genau, was zu tun ist, betont die Waldseerin. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen weiß S., wie wichtig erste Hilfe ist und fordert jeden Einzelnen dazu auf, Erste-Hilfe-Kurse aufzufrischen, um bei Unfällen mutig helfen zu können und keine Angst vor dem Einsatz am Unfallort haben zu müssen. „Wenn ich keinen so tollen Ersthelfer gehabt hätte, würde ich heute wahrscheinlich nicht hier sitzen“, verdeutlicht Renate S. ihr Glück im Unglück.

Tanja P. möchte sich bei ihrem Ersthelfer gerne persönlich bedanken, daher bittet sie den Mann, sich zu melden.

Die SZ vermittelt den Kontakt:

redaktion.waldsee@schwaebische.de

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