Mit dem Gschellabstauben ist die Fasnet eröffnet

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Auftritt
Die Waldsee’r Narrentruhe hat sich wieder geöffnet und für ein buntes Bild in der Stadthalle gesorgt. (Foto: Narrenzunft Waldsee.)
Schwäbische Zeitung

Die Österreicher sind auf der ganzen Welt für ihre rauschenden Ballnächte bekannt. Da wollen die Waldseer Narren natürlich nicht nachstehen, richten sich doch in der diesjährigen Fasnet alle Blicke über die Alpen auf das Nachbarland. „Das Gute liegt so nah – Griass di servus Austria“, hat die Narrenzunft als Motto ausgerufen. Selbst die Wiener Staatsoper hätte keinen passenderen Rahmen für das Gschellabstauben – die traditionell erste Ballveranstaltung der Fasnet – am Abend des Dreikönigstages bieten können als die Waldseer Stadthalle.

Wie in Erinnerung an die Doppelmonarchie nicht anders zu erwarten wurde der Abend natürlich durch einen Monarchen, nämlich Sammlerkönig Berthold Schmidinger, eröffnet, nachdem er mit zahlreichem Gefolge und seiner königlichen Hofkapelle in den Saal eingezogen war. Als dann zum ersten Mal in diesem Jahr der Narrenmarsch erklang wäre wohl auch Kaiser Franz Joseph ergriffen gewesen angesichts der Parade von Zunfträten, Garde und Kanonieren, die sich durch die Stadthalle zog. Natürlich gehört zu einer Monarchie, wie es Österreich-Ungarn einst war, auch ein Prinz, und so durfte Prinz Ernst Daniel Patrick der Erste mit seinem Hofstaat als erster aus der Narrentruhe (die nach dem letztjährigen Gschellabstauben fast verlorengegangen wäre, wie Hofmarschall Felix Schmidinger zu berichten wusste) steigen und sich von den Sammlerinnen abstauben lassen.

Narr Alexander Bösch berichtete dem Prinzen, was sich während dessen fast einjähriger Ruhezeit in der Truhe im Städtle so alles ereignet hatte. So äußerte er die Befürchtung, dass, nachdem auf der Baustelle bei den Fischteichen ein Bagger versunken war, auf dem späteren Parkplatz dann auch die Autos versinken könnten. Natürlich ging er auch auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen Ausschüssen und Gemeinderat, etwa beim Thema Rasthof, ein. Angesichts der bevorstehenden Bürgermeisterwahl stellte er fest dass diese Stelle doch unter anderem deshalb so attraktiv sei, weil man finanziell deutlich besser aufgestellt sei als Aulendorf. Das Bedauern im Publikum war groß als Bösch zum Schluss verkündete, dass dies sein letzter Auftritt als Narr gewesen sei – die Gebrechen des „Alters“ ließen ein Sitzen auf der Empore nicht mehr zu.

Im Österreichschen Ort Obertilliach gibt es noch einen Nachtwächter – und natürlich auch in Waldsee. Die Nachtwächtergruppe durfte ebenfalls den Staub aus den Uniformen schütteln. Büttel Franz Müller wies unter anderem darauf hin, dass sich die Kostensteigerungen beim Neubau des Verwaltungsgebäudes im Vergleich zu anderen Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21 ja noch in Grenzen halten würden.

Nachdem dann die Waldseer Originalmasken Faselhannes, Narro, Schorrenweible, Schrättele und Federle endlich auch die Narrentruhe verlassen und nach dem Abstauben zu den Klängen des Narrenmarsches erstmals durch die Halle jucken durften gab es noch die von Zunftmeister Roland Haag im Vorfeld angekündigte Überraschung: Die Rösslegruppe, die nach dem 1. Weltkrieg erstmals auftauchte und bis in die 1950er-Jahre fester Bestandteil der Waldseer Fasnet war, wird mit den originalen „Urpferdchen“ wieder reaktiviert. Als wären sie nie weg gewesen galoppierten die drei prachtvollen Rösser schöner als Habsburger Lipizzaner über die Bühne und wurden vom Publikum herzlich aufgenommen. Sie werden in Zukunft die Narrensprünge anführen, teilt die Zunft in der Pressemitteilung mit.

Im Anschluss an das Programm nutzten viele die Gelegenheit zu den Klängen der Band „Ikarus“ für den Wiener Opernball zu trainieren oder bei guten Gesprächen – ganz mottogerecht – ein paniertes Schnitzel zu verzehren. Die traditionellen österreichischen Bälle bekommen in diesem Jahr in Gestalt der Waldseer Narren jedenfalls harte Konkurrenz.

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